Fragen zur Eurokrise "Handwerkliche Fehler, miserable Kommunikation"

Stand: 18.07.2011 21:47 Uhr

Nach der Schuldenkrise ist längst nicht alles gut

Und selbst wenn wir die Schuldenprobleme einigermaßen lösen, ist damit noch längst nicht alles gut. Die Krise hat uns ja auch gezeigt, wie schwierig es ist, wenn sich hinter einer Währung sehr verschiedene wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Kulturen verbergen. Eine gemeinsame Währung erfordert nicht unbedingt ein gemeinsames wirtschaftliches Verhalten, sondern ein Verhalten, das der gemeinsamen Währung Rechnung trägt. Das gilt nicht nur für die Haushaltspolitik der Mitgliedstaaten, sondern zum Beispiel auch für die Politik der Tarifparteien. Das wesentliche am Euro ist ja, dass es zwischen den Euro-Mitgliedstaaten keine Auf- oder Abwertung mehr gibt. Das bedeutet aber, dass man in der Tarifpolitik sehr genau hinschauen muss, was man sich leisten kann. Tatsächlich hat dies seit Einführung des Euro kaum jemand getan.

Von 2000 bis 2008 sind in Deutschland die Lohnstückkosten um 0,5 Prozent gesunken, während sie in den anderen Euroländern überall gestiegen sind - um 15, 17, 25 und manchmal 27 Prozent. Früher hätten die anderen Länder dann irgendwann ihre Währung abgewertet. Das geht jetzt nicht mehr. Also führen diese Steigerungen zur Teuerung, und dann zu einer entsprechenden Verminderung der Wettbewerbsfähigkeit.

Ist das so gekommen, weil die anderen bescheuert sind, und wir klug? Überhaupt nicht! Wir haben alle dasselbe gemacht. Wir haben nämlich alle nach Einführung des Euro so weiter gemacht wie vorher. Wir alle sind unseren Gewohnheiten gefolgt. Und die machen unsere jeweilige Kultur aus. Der Unterschied: Für uns war das zufällig gut, für die anderen schlecht. Man kann diese Kultur beschreiben: Wir in Deutschland haben meistens Einheitsgewerkschaften. In anderen Ländern gibt es häufig konkurrierende Gewerkschaften, die sich (um ihre Mitglieder zu halten) dann gegenseitig zu übertreffen versuchen (wir kennen so etwas allenfalls von den Lokführern).

Wir haben in Deutschland die Mitbestimmung, die den Gewerkschaften einen eigenen Einblick in die wirtschaftliche Lage der Unternehmen erlaubt. In anderen Ländern gibt es das überhaupt nicht. Das müssen die Gewerkschaften den Arbeitgebern glauben - oder eben nicht. Und ihre jahrzehntelange Erfahrung sagt ihnen, dass die Arbeitgeber schon immer gesagt haben, dass kein Geld da sei. Dann haben sie halt gestreikt, und am Ende war das Geld doch da. Ja, und notfalls wurde dann irgendwann die Währung abgewertet, und genau das geht nun nicht mehr.

Der Ast, auf dem man sitzt

Ein weiterer Punkt: Unsere Gewerkschaften sind daran gewöhnt, den Ast nicht abzusägen, auf dem sie sitzen. Dazu gehört, auf unsere Exporte zu achten. Zwar geht ein großer Teil unserer Exporte nach Europa. Aber wir exportieren viel mehr als alle anderen Euroländer auch in außereuropäische Länder. Das bedeutet, dass wir auch dort unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten müssen, wenn wir keine Jobs aufs Spiel setzen wollen. Dies macht in Deutschland eine eher zurückhaltende Lohnpolitik erforderlich, für die in anderen Ländern auf den ersten Blick weniger Notwendigkeit zu bestehen scheint. Ein Irrtum: Wer gegenüber China wettbewerbsfähig sein will, ist es vermutlich erst recht gegenüber Frankreich oder Spanien.

Abkehr von alten Gewohnheiten

Solche Unterschiede gibt es in der Wirtschaftskultur, auch in der politischen Kultur an vielen Stellen. Und so lange die so groß sind, wird es immer wieder zu Spannungen im Euro-System kommen - wenn wir sie nicht auf andere Weise ausgleichen. Aber genau das wollen wir ja nicht: Es gibt in der EU kein Finanzausgleichssystem, das diesen Namen verdient, und wir haben es ja ausdrücklich ausgeschlossen.

Aber das ist eben das Problem: Wir sehen, wie schwer Griechenland sich mit seinen Reformen tut. Denn das bedeutet die Abkehr von alten Gewohnheiten. Beispielsweise hat Griechenland seit langem eine negative Leistungsbilanz. Das heißt, es verbraucht mehr Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland, als es dorthin liefert. Und das geht nur auf Kredit. Aber das Land ist seit langem daran gewöhnt. Es ist Teil seiner Kultur (sowie es Teil der deutschen Kultur ist, ständig Überschüsse zu produzieren - das ist zwar besser, aber auch nicht unbedingt gut). Aber solch eine Kultur zu verändern - das geht nicht einfach so per Beschluss. So etwas braucht Zeit. Wenn es überhaupt geht. Der Kommunismus hat es nicht geschafft, die Menschen zu ändern. Ich fürchte, dem Euro wird es auch nicht gelingen.

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