Dubai in der Krise Die Flucht aus dem Wirtschaftswunderland

Stand: 16.02.2009 08:57 Uhr

Wolkenkratzer, Einkaufszentren, künstliche Inseln und Vergnügungsparks - in Dubai schien nichts unmöglich bis die Weltwirtschaft ins Trudeln geriet. Jetzt spürt das Emirat die Krise: Die Abwanderung aus Dubai hat begonnen. Täglich verlassen etwa 1500 arbeitslos gewordene Ausländer das Emirat. Rund jedes zweite Bauprojekt im Land wurde auf Eis gelegt.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Hörfunkstudio Amman

Am Flughafen von Dubai haben Abschleppdienste derzeit gut zu tun. Sie müssen immer mehr Autos abschleppen, die von ihren Besitzern zurückgelassen wurden: Ausländern, die ihren Job in Dubai verloren, deswegen ihre Schulden nicht mehr abzahlen konnten und dann Hals über Kopf flohen.

Panorama von Dubai
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Panorama von Dubai: Immer mehr Wohnungen stehen jetzt leer.

Die Möbelspeditionen machen derzeit ebenfalls gute Geschäfte. Zahllose Angestellte aus der Baubranche werden von ihren Arbeitgebern in andere Länder versetzt. Phil Davis von der Spedition ReloGulf in Dubai: "In den letzten zwei bis drei Wochen stieg die Nachfrage bei uns um etwa die Hälfte. Viele aus der Baubranche gehen jetzt nach Hongkong, Malaysia oder nach Indien. Andere orientieren sich wieder in Richtung ihrer Heimatländer."

Jedes zweite Bauprojekt gestoppt

Rund jedes zweite Bauprojekt in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde im Zuge der Weltwirtschaftskrise bereits auf Eis gelegt - Projekte, die zusammen etwa 582 Milliarden Dollar wert sind. Zu diesem Schluss kam kürzlich das Marktforschungsinstitut Proleads.

Dubai trifft es am härtesten, denn die Baubranche und der Immobilienmarkt machen zusammen fast die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes des Emirats aus. Nur etwa jeder zehnte Einwohner in Dubai ist Staatsbürger. Der Großteil der Bevölkerung besteht aus Arbeitsmigranten - vom IT-Spezialisten aus Europa bis zum Bauarbeiter aus Indien. Ohne sie wäre die spektakuläre Entwicklung Dubais nicht möglich gewesen.

Täglich gehen 1500 Menschen

Doch in den letzten Wochen wurden Zehntausende entlassen. Das Gesetz ist klar: Wenn ein Ausländer seinen Arbeitsplatz verliert, muss er innerhalb eines Monats das Land verlassen. Beobachter schätzen, dass derzeit jeden Tag etwa 1500 Menschen ausreisen. Die Investmentbank UBS rechnet mit einem Rückgang der Bevölkerung in Dubai um acht Prozent dieses Jahr.

Die Mieten würden deshalb in den nächsten beiden Jahren um knapp ein Drittel sinken. Genau deswegen liegt in der Krise auch eine Chance, sagt Immobilienmakler Ryan Mahoney von "Better Homes": "Jahrelang erlebten wir, dass Leute nach Dubai gehen wollten, es aber fast schon zu teuer fanden, vor allem die Büromieten. Es gab Schlangen von Leuten, die anstanden, um in Dubai eine Firma aufmachen zu können. Vielleicht werden das genau diejenigen sein, die jetzt ihre Chance bekommen und dadurch den nächsten Aufschwung anstoßen."

Alles nicht so schlimm?

Wie ernst die Lage wirklich ist, wissen die wenigsten. Die Regierung veröffentlicht selten verlässliche Zahlen. Dubais Chefökonom behauptet, auch im Januar habe es mehr Zu- als Wegzüge gegeben. Und in den riesigen Einkaufszentren wird offenbar nach wie vor Geld verdient. Graham Dreverman von der Ibn Battuta Mall: "Im vergangenen Jahr wuchs unser Handelsverkehr um fast 25 Prozent. Dieses Jahr geht es so weiter. Allein im Januar stieg die Kundenfrequenz um 9,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat."

Ferieninsel in Dubai
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"The Palm Jumeirah" ist die erste von insgesamt fünf geplanten künstlichen Inseln vor der Küste Dubais. An ihr wurde sieben Jahre lang gebaut, streckenweise mit 40 000 Mann am Tag. Mehr als 100 Millionen Kubikmeter Erde und Steine wurden bewegt.

Krise hin oder her: Dubai ist längst noch keine Geisterstadt. Noch immer sind außergewöhnlich viele Luxuslimousinen auf den Straßen zu sehen. Der Regionaldirektor von "Bentley", Chris Buxton, blickt unbesorgt nach vorne: "Wir sehen eine gewisse Verlangsamung, aber dieser Markt ist sehr robust und kann vieles abfangen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten war das vergangene Jahr für viele Firmen ein Rekordjahr - für uns ebenfalls. Dies ist ein Schwellenland, und allein das bedeutet, dass das Wachstum weitergehen wird."

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