Autonomes Fahren Was Mercedes anders macht als Tesla

Stand: 21.01.2022 15:36 Uhr

Mercedes arbeitet beim Autonomen Fahren künftig mit dem Laser-Radar-Spezialisten Luminar zusammen. Der US-Konkurrent Tesla verfolgt eine völlig andere Strategie. Was unterscheidet die Sicherheitssysteme?

Von Mark Ehren, tagesschau.de

Mercedes kooperiert künftig mit dem US-Unternehmen Luminar, um die Entwicklung selbstfahrender Autos voranzutreiben. Luminar ist ein Spezialist für sogenannte Lidar-Technologie, eine Form des dreidimensionalen Laserscannings. Damit können Fahrzeuge ihr Umfeld abtasten, um Abstände und Geschwindigkeiten von anderen Verkehrsteilnehmern zu ermitteln. Ziel sei es, Luminars Technik in Serienautos von Mercedes einzusetzen, teilte der Autohersteller mit.

Sensoren werden billiger

Das Lidar-System von Luminar soll bei Autobahn-Geschwindigkeiten rund 250 Meter weit sehen können. Nach Angaben von Luminar soll das System pro Fahrzeug zwischen 500 bis 1000 Dollar kosten. Damit sinken die Preise deutlich, denn früher kosteten Lidar-Sensoren mehrere Zehntausend US-Dollar.

Die Partnerschaft sei für die Branche wegweisend, meint der Gründer und Chef von Luminar, Austin Russell, laut Daimler-Pressemitteilung. Die Mercedes-Mutter Daimler sicherte sich als Teil der Kooperation auch 1,5 Millionen Aktien von Luminar im Wert von rund 20 Millionen US-Dollar.

In der Branche hat sich weitgehend die Einschätzung durchgesetzt, dass zumindest in nächster Zeit selbstfahrende Autos nicht ohne die Lidar-Technologie auskommen können.

Kameras und Ultraschall bei Tesla

Beim US-Elektroautohersteller Tesla teilt man diese Meinung allerdings nicht. Konzernchef Elon Musk hatte Lidar-Sensoren in der Vergangenheit als "teuer" und "unnötig" bezeichnet. Im vergangenen Jahr schaffte das Unternehmen sogar die bis dahin verwendeten einfacheren Radar-Sensoren bei Model 3 und Model Y ersatzlos ab. Stattdessen will Tesla in erster Linie auf eine kamerabasierte Bildverarbeitung der Umgebung setzen, um seine Ziele bei autonomen Fahren zu erreichen. Acht Kameras sollen laut Tesla eine 360-Grad-Überwachung der Fahrzeugumgebung mit bis zu 250 Meter Reichweite garantieren. Ergänzt werden sie durch zwölf Ultraschallsensoren.

Dennoch konnte der Konzern bislang seine Versprechen in Bezug auf selbstfahrende Teslas nicht erfüllen. Seit Jahren bietet Tesla zwar die Option FSD ("Full Self Driving") zahlungswilligen Kunden an. Damit ist aber der Automatisierungsgrad "Level 2" gemeint, der so genannte "assistierte Modus". Dabei muss der Fahrer zu jedem Zeitpunkt bereit sein einzugreifen. Als höchste Stufe gilt bisher das noch unerreichte "Level 5" (Autonomer Modus mit Vollautomatisierung), bei dem sich ein Fahrer theoretisch schlafen legen könnte.

Erst vor kurzem hob der Konzern den Preis für ein FSD-System in den USA um weitere 2000 auf nun 12.000 Dollar an - obwohl die Software in ihrer aktuellsten Fassung nicht über ein Beta-Stadium, also eine nicht fertig gestellte Version, hinaus gekommen ist.

Weltweit erste Genehmigung für "Level 3"

Mercedes ist bereits weiter als Tesla. Die Stuttgarter haben Ende vergangenen Jahres als erster Autohersteller weltweit die Genehmigung erhalten, Fahrzeuge zu verkaufen, die autonom nach "Level 3", also im so genannten "automatisierten Modus" fahren. Dabei muss der Fahrer nicht mehr permanent das Fahrzeug überwachen.

Stattdessen wird er bei Bedarf innerhalb einer Vorwarnzeit vom System aufgefordert, das Lenkrad zu übernehmen. Allerdings ist das von Mercedes "Drive Pilot" genannte System derzeit nur bis zu einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde auf geeigneten Autobahnabschnitten vom Kraftfahrtbundesamt zugelassen. Das System funktioniert nur, wenn mindestens zwei der drei Sicherheitssysteme (Kameras, Ultraschall, Laserscanner) funktionieren.

Lenkassistent unterstützt Fahrer

Tesla vertritt die Position, dass Fahrerassistenzsysteme grundsätzlich mehr Sicherheit ermöglichen. Nach Angaben des Unternehmens waren Tesla-Fahrzeuge, die im so genannten Autopilot-Modus unterwegs waren, im vierten Quartal 2021 im Schnitt alle 4,3 Millionen Meilen in einen Unfall verwickelt.

Bei der Autopilot-Technologie handelt es sich um einen Abstandsgeschwindigkeitsregler, der die Geschwindigkeit an den Verkehr in der Umgebung anpasst. Außerdem unterstützt ein Lenkassistent den Fahrer in bestimmten Situationen. Dem US-Konzern zufolge kam es bei Tesla-Fahrzeugen, bei denen diese Funktionen ausgeschaltet waren, statistisch alle 1,59 Millionen Meilen zu einem Unfall, also rund zweieinhalb Mal so häufig.

Insgesamt geschieht nach Berechnungen der US-Verkehrssicherheitsbehörde National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) in den Vereinigten Staaten im Schnitt alle 484.000 Meilen ein Autounfall.

Mit Spannung dürften nun Fachleute beobachten, welchen Sicherheitsgewinn die Technologie von Mercedes bieten wird - und ob sich Tesla-Chef Elon Musk mit seiner im Branchenvergleich ungewöhnlichen Strategie durchsetzen wird.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. Januar 2022 um 12:34 Uhr.