Ausschreitungen beim Spiel OGC Nizza - 1. FC Köln | Reuters/Eric Gaillard

Ultras und Hooligans aus Paris, Köln und Dortmund Randale in Nizza - eine Rekonstruktion

Stand: 09.09.2022 23:49 Uhr

Ausschreitungen überschatten das Spiel der Europa Conference League zwischen OGC Nizza und dem 1. FC Köln. Was passierte, wie kam es dazu? Eine Rekonstruktion.

Marcus Bark
Sportschau

Der Präfekt des Départements Alpes-Maritimes, in dem Nizza liegt, sieht die Fans des 1. FC Köln als Alleinschuldige an, Nizzas Trainer Lucien Favre nimmt die Anhänger seines Klubs ebenfalls in Schutz. Die Anhänger von OGC hätten nur auf die Gewalt der Gästefans reagiert.

Dass Anhänger des Bundesligisten gewalttätig wurden, ist anhand von Augenzeugenberichten und Videomaterial eindeutig festzustellen. Kölns Geschäftsführer Christian Keller räumte das auch schon in einer ersten Stellungnahme ein und kündigte drastische Konsequenzen an.

Aber allein die Gästefans, vom Tenor her sogar alle Anhänger der Kölner, für die Ausschreitungen verantwortlich zu machen, ist irreführend. Das zeigt eine Rekonstruktion des Donnerstags (08.09.2022), die auf eben jenen Augenzeugen, Medienberichten, offiziellen Stellungnahmen und Videomaterial beruht.

Tickets im freien Verkauf

Um die Vorfälle in der Stadt, vor und im Stadion besser beurteilen zu können, muss auch die Zeit vor dem Spieltag betrachtet werden. Am 27. August wurde der Spielplan der Europa Conference League bekanntgegeben. Den 1. FC Köln, der in den vergangenen beiden Jahrzehnten häufiger in der 2. Liga als im Europapokal spielte, führte demnach die erste Partie zu OGC Nizza. Ein Traumziel an der Côte d’Azur für die ohnehin reiselustigen Fans.

Das Stadion des OGC fasst etwa 35.600 Zuschauer. Da den Gästen in europäischen Wettbewerben ein Kontingent von fünf Prozent zusteht, durften die Kölner auf weniger als 2.000 Tickets hoffen. Allerdings ließ OGC im freien Onlineverkauf zu, dass auch aus Deutschland Karten für Blöcke gekauft werden konnten, die für Heimfans vorgesehen sind.

Das Problem wurde nach Informationen der Sportschau erkannt und zwischen beiden Vereinen besprochen, dass die Kölner zusätzlich zum kleinen, mit Plexiglasscheiben abgetrennten Gästeblock die angrenzende Tribüne hinter einem Tor nutzen dürfen.

Scharmützel am Rande des Fanmarsches

Etwa 8.000 Fans des FC, so die Schätzungen, haben sich am Donnerstag in Nizza aufgehalten, die meisten von ihnen hatten auch eine Eintrittskarte. Am Mittag versammelten sich nahezu alle Kölner Anhänger an einem bekannten Brunnen in der Stadt. Augenzeugen berichten, dass es friedlich zugegangen sei. Der Bürgermeister von Nizza beschwerte sich allerdings über die zurückgelassenen Müllberge, dessen Beseitigung er dem 1. FC Köln in Rechnung stellen wolle.

Am Nachmittag - der später dann verschobene Anstoß war für 18.45 Uhr geplant - setzte sich dann ein Fanmarsch an der Strandpromenade entlang ins mehr als zehn Kilometer vom Zentrum entfernte Stadion in Gang.

Während dieses Marsches soll es, unter anderem auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants, zu Scharmützeln zwischen den beiden Fanlagern gekommen sein. Auch von Messerattacken ist die Rede. Die Quellen der Sportschau haben dies allerdings auch nur über Nachrichten und vom Hörensagen mitbekommen.

Eskalation am Stadion

Einhellig sind die Meinungen der Augenzeugen aus dem Kölner Lager, dass die Eskalation mit breiten Attacken Stunden vor dem Anpfiff vor dem Stadion einsetzte. Dabei seien Anhänger von OGC mit Schlagstöcken auf Kölner zugelaufen und hätten sie auch mit E-Rollern beworfen.

Beim Einlass ins Stadion sollen die lokalen Ordner dann von der Masse an Kölner Fans überrascht gewesen sein. Eventuell auch vor dem Hintergrund der Geschehnisse vor dem Endspiel der Champions League am 28. Mai in Paris, als es am Einlass zu schlimmen Szenen wegen langwieriger Kontrollen und falschen Angaben von Sicherheitsbehörden kam, sollen Tore geöffnet und zumindest viele Fans ohne Personen- und Ticketkontrolle ins Stadion gelassen worden sein. Diese Nachlässigkeit bemängelte am Freitag auch ein Vertreter der französischen Polizeigewerkschaft. Er behauptete, dass zu wenig Ordnungspersonal anwesend gewesen sei.

Wenig Ordnungspersonal, wenig Polizei

Im Stadion, das belegen auch Fotos, haben dann nur ganz wenige Ordner den Weg von der Tribüne mit den Fans des FC zur Haupttribüne versperrt. Sie waren kein Hindernis, als größtenteils vermummte Fans des FC auf die Haupttribüne stürmten.

An dieser Stelle kommen Menschen ins Spiel, die bis hierhin der Einfachheit halber als Fans des FC bezeichnet wurden. Denn unter den stürmenden Randalierern waren auch - manche sagen vor allem - Hooligans und Ultras der Gruppe "Supras Auteuil". Diese unterstützte den Klub Paris Saint-Germain, wurde im Jahr 2010 vom französischen Innenministerium allerdings verboten, nachdem es eine Auseinandersetzung mit rivalisierenden PSG-Ultras gegeben hatte, nach der ein Mensch starb.

Allianz aus Köln, Paris und Dortmund

Die Gruppe agierte aber trotz des Verbots weiter und führte auch ihre Freundschaft mit zwei Ultragruppierungen des 1. FC Köln, der "Wilden Horde" und den "Coloniacs", fort. Dass Mitglieder der Supras, genau wie ebenso mit den Kölnern befreundete Hooligans von Borussia Dortmund, zum Spiel in Nizza anreisen, war in der Szene bekannt und dürfte auch dem OGC und den französischen Sicherheitsbehörden zu Ohren gekommen sein.

Ein mehr als sieben Minuten langes Video, das der Sportschau vorliegt, zeigt den Blocksturm der Allianz PSG/Köln/Dortmund mit abschließender Prügelei mit Fans von Nizza, ohne dass die Polizei in dieser Zeit eingeschritten wäre. Ordner waren wenige zugegen. In einem Video ist zu sehen, dass sie mitprügeln und sogar Gegenstände auf Besucher werfen.

Fragliche Rolle der "Supras Auteuil"

Dass auch Kölner unter den Tätern waren, ist unstrittig. Die maßlose Aggression soll allerdings wesentlich von den "Supras Auteuil" ausgegangen sein, die erstmals nach vielen Jahren wieder ein Stadion besucht hätten. Außerdem, so die Vermutung von szenekundigen Fans, soll zumindest ein Opfer einer Messerattacke am Spieltag in Nizza Mitglied der "Supras" gewesen sein. Dies könne die Aggression erklären.

In einem offiziellen Statement verurteilte PSG die Vorfälle in Nizza und verwies darauf, dass die Gruppe seit zwölf Jahren verboten sei.

Im Zug des Blocksturms kam es zu einem Sturz eines Fans vom Mittelrang in den Unterrang. Videos zeigen, dass er eine Sturmhaube in den Farben von Paris St.-Germain trägt. Die Vermutung liegt daher nahe, dass auch er den "Supras" angehört. Vermutlich führte die Rangelei um ein brennendes Bengalo zu dem Zwischenfall, der für den Gestürzten trotz der Fallhöhe von etwa fünf Metern glimpflich verlaufen sein soll.

Weniger als 100 Randalierer waren an dem Sturm beteiligt. Als sie auf die Kölner Tribüne zurückkehrten, wurden sie dort beschimpft und mit Gesängen empfangen: "Wir sind Kölner, und ihr nicht!" Auch das belegen Videos, es wurde sogar versucht, den Aggressoren die Sturmhauben vom Gesicht zu ziehen.

Sturm auch von Fans aus Nizza

Später kam es auf der anderen langen Tribüne zu einem weiteren Sturm, dieses Mal ging die Aggression von den Anhängern Nizzas aus. Aufgrund des Plexiglasschutzes und der Tatsache, dass keine Ultras und Hooligans im eigentlichen Gästeblock standen, kam es dabei offensichtlich zu keinen größeren Auseinandersetzungen.

Auffällig, so Augenzeugen, sei gewesen, dass beim Verlassen des Stadions deutlich mehr Polizei gesichtet worden sei als vor dem Spiel. Dies könnte die These stützen, dass der Anpfiff um fast eine Stunde nach hinten verschoben worden sei, um Verstärkung anzufordern. Über gewalttätige Auseinandersetzungen nach dem Spiel, auch in der Stadt, ist nichts bekannt.

Quelle: sportschau.de