Joachim Löw   | Federico Gambarini/dpa

Muss Joachim Löw sogar für die EM umplanen? Europäischer Fußball - Super-Chaos statt Super League

Stand: 19.04.2021 23:15 Uhr

Den abtrünnigen Spitzenklubs drohen nach ihrer Entscheidung für die Super League drastische Konsequenzen - mit Folgen womöglich auch für die laufenden Europapokal-Wettbewerbe und die EURO 2020. Ein Überblick.

Von Christian Hornung

Als aktiver Fußballer hat Jesper Möller keine große Karriere hingelegt, er hat auch schon mit 19 Jahren seine aktive Laufbahn beim dänischen Dorfklub FREM Skorping beendet. Heute ist Möller 57, Rechtsanwalt und inzwischen seit zwei Jahren Mitglied der UEFA-Exekutive. Als solches ist Möller am kommenden Freitag (23.04.2021) an einer außerordentlichen Sitzung des Exekutivkomitees beteiligt, von deren Ausgang er schon sehr klare Vorstellungen hat.

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"Die Klubs müssen gehen, und ich erwarte, dass dies am Freitag passieren wird. Dann müssen wir herausfinden, wie wir die Champions-League-Saison zu Ende spielen", sagte Möller am Montag (19.04.2021) der dänischen Zeitung "DR Sporten". Möller spielte darauf an, dass in der Nacht zu Montag zwölf Topklubs aus Italien, Spanien und England die Gründung einer Super League bekanntgegeben hatten. Es war ein historischer Tag für den Fußball - und einer, der Folgen haben wird.

Für die Champions League, die Europa League und womöglich sogar für die Nationalmannschaften - auch für die von Joachim Löw. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin jedenfalls sagte, er wolle die abtrünnigen Klubs und ihre Spieler von "all unseren Wettbewerben" ausschließen. Und nun? Ein Überblick.

Folgen für die Champions League

Von den vier Halbfinalisten gehören Real Madrid, Manchester City und der FC Chelsea zu den zwölf Klubs, die die Super League gründen wollen. Übrig bliebe nur Bayern-Bezwinger Paris Saint-Germain, der nicht dem neuen Bündnis der Großklubs angehört. Dass die UEFA am Freitag PSG zum Champions-League-Sieger 2021 erklären will, ist allerdings kaum denkbar. Zumal nicht damit zu rechnen ist, dass dies rechtlich haltbar wäre.

Eine theoretische Möglichkeit wäre es, die den Großklubs unterlegenen Teams aus dem Viertelfinale zurückzuholen: Manchester City hat Borussia Dortmund ausgeschaltet, der FC Chelsea bezwang den FC Porto, und Real Madrid setzte sich gegen den FC Liverpool durch. Da scheitert dann aber auch schon wieder dieses Szenario - denn auch Liverpool dürfte ja nicht mehr weitermachen.

Im Achtelfinale hatten die "Reds" übrigens RB Leipzig bezwungen - aber einen ausgeschiedenen Achtelfinalisten zurückzuholen und die Bayern, die bis ins Viertelfinale kamen, nicht - das wäre an der Säberner Straße sicher auch keine Option, die auf große Begeisterung stoßen würde.

Folgen für die Europa League

In der Europa League wären die englischen Vereine Manchester United und FC Arsenal von einem Ausschluss betroffen. Verbleiben würden die AS Rom und der FC Villarreal - würde die UEFA dieses Duo dann das Finale austragen lassen? Mögliche Nachrücker für Man United und Arsenal wären der FC Granada und Slavia Prag - beide immerhin völlig unverdächtig, sich den Großklubs anzuschließen.

Folgen für die Nationalmannschaft

Die UEFA hat Nationalspielern der Klubs aus der angekündigten Super League bereits mögliche Konsequenzen für die EM in diesem Sommer angedroht. "Die Spieler, die in diesen Teams spielen, die vielleicht in einer geschlossenen Liga spielen, werden von der Weltmeisterschaft und Europameisterschaft ausgeschlossen", sagte UEFA-Präsident Aleksander Ceferin am Montag. Wann dies geschehen werde, ließ der Slowene allerdings noch offen. Es sei "zu früh", um über rechtliche Konsequenzen zu sprechen. Es solle aber "so früh wie möglich" geschehen.

Bis zum Start der EURO sind es keine zwei Monate mehr - nicht viel Zeit, aber Zeit genug, um tatsächlich Konsequenzen zu ergreifen. Sollte Ceferin seine Drohungen wirklich durchsetzen wollen und für seine Pläne juristische Unterstützung bekommen, hätte das für die Trainer von England, Spanien und Italien extreme Folgen - aber auch Bundestrainer Joachim Löw und viele seiner Kollegen wie Didier Deschamps (Frankreich), Roberto Martínez (Belgien) oder Fernando Santos (Portugal) wären stark betroffen.

Man bekäme schon eine feine Weltauswahl mit einer Menge von Ersatzbänken zusammen mit all den Stars, die dann plötzlich der Europameisterschaft fernbleiben müssten: Der Kampf um die Torjägerkanone fände ab dem 11. Juni ohne Cristiano Ronaldo (Portugal/Juventus Turin), Joao Felix (Portugal, Atlético Madrid), Harry Kane (England, Tottenham Hotspur) oder auch den gerade erst zurückgekehrten Zlatan Ibrahimovic (Schweden, AC Mailand) statt.

Im Mittelfeld müssten sich Paul Pogba (Frankreich), Bruno Fernandes (Portugal, beide Manchester United), Luka Modric (Kroatien), Toni Kroos (beide Real Madrid), Ilkay Gündogan (beide Deutschland), Kevin De Bruyne (Belgien, beide Manchester City), Granit Xhaka (Schweiz, FC Arsenal) oder Federico Chiesa (Italien, Juventu) eine Urlaubsbeschäftigung suchen. Die Abwehrreihen müssten sich ebenfalls neu sortieren: Giorgo Chiellini und Leonardo Bonucci (beide Italien und Juventus) würden ebenso um ihre letzte EM gebracht wie Sergio Ramos (Spanien, Real Madrid). Im Tor fehlen beispielsweise David De Gea (Spanien, ManUnited), Gianluigi Donnarumma (Italien, AC Mailand), Thibaut Courtois (Belgien, Real Madrid) oder Marc-André ter Stegen (Deutschland, FC Barcelona).

Löw ohne Sieben

Neben Kroos, Gündogan und ter Stegen müsste Löw dann auch noch ohne sein Chelsea-Trio Timo Werner, Kai Havertz und Antonio Rüdiger planen, im Tor stünde zudem Bernd Leno (FC Arsenal) nicht zur Verfügung. Für den kommenden Freitag ist nun die große Frage, wie hart und konsequent die UEFA wirklich durchgreift. Und auf der anderen Seite: Nehmen die zwölf Großklubs tatsächlich diese weitreichenden Folgen in Kauf, ignorieren die aktuelle Empörung in ganz Europa und ziehen ihr Ding durch?

Möglich erscheint gerade sehr viel, auch, dass die Abtrünnigen nur weitere Reformen der Champions League erpressen wollen, die ihnen eine größere Teilnahme-Garantie und damit noch sicherere Einnahmequellen erschließen würden. Nur eine Absicht der großen zwölf kann man derzeit mit sehr großer Sicherheit ausschließen: dass es ihnen nur um den Sport geht.

Quelle: sportschau.de