Kommentar zur Medienschelte des FC Bayern München

Wutrede bei Pressekonferenz des FC Bayern München Kommentar - Der FC Bayern fordert Respekt nur für sich selbst

Stand: 19.10.2018 16:05 Uhr

Kommentar zur Medienschelte des FC Bayern München
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Kommentar zur Medienschelte des FC Bayern München

Unmittelbar vor dem wegweisenden Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg teilen die Bosse beim FC Bayern gegen die Medien aus. Hinter der Anklage von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge steckt jedoch ein durchsichtiges Manöver: Die Münchner wollen die Deutungshoheit für den medialen Bereich.

Als Uli Hoeneß das Manageramt beim FC Bayern übernahm, war er gerade einmal 27 Jahre alt. Was er beim Amtsantritt am 1. Mai 1979 vorfand, war nicht viel: Damals lebten die Vereine von der Hand in den Mund, genauer genommen von den Zuschauereinnahmen. Der Jahresumsatz in München betrug zwölf Millionen D-Mark. Zu wenig, um einen Schuldenstand von sieben Millionen abzutragen.

Hoeneß war einer der ersten, der erkannte, was mittels der Medien zu verdienen war. Den Zeitungen teilte er bald Telefonlisten der Spieler aus, damit diesen mal eine Homestory gewidmet würde. Die Fachmagazine bekamen die Adressen der Profis, damit die Fans sie direkt für Autogramme anschreiben könnten. Und der Macher selbst stand beim Fernsehen auf der Matte, um Geld für Übertragungsrechte locker zu machen.

Video - Auszüge aus der Pressekonferenz des FC Bayern
Video - Auszüge aus der Pressekonferenz des FC Bayern

Fatale Argumentationskette

Am 19. Oktober 2018 nun unternahmen der Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, 63, und Aufsichtsratschef Uli Hoeneß, 66, den Versuch, auch die Inhalte der Medienberichterstattung direkt zu bestimmen. Denn die Medienschelte mag in Details spontan gehalten worden sein, vom Grundsatz her wurde sie bewusst gesetzt, um eine Tendenz zu verfestigen, die der Branchenprimus seit Jahren vermehrt betreibt: dass er den Informationsfluss steuert, dass er bestimmt, welche Nachrichten verbreitet werden. Und am besten auch noch die Meinung dazu.

Die Premier League in England und der Umgang der Klubs mit der täglichen Information (oder Nicht-Information) ist ein schlechtes Beispiel, dem speziell der FC Bayern bereits nacheifert. Aus den gefilterten und genehmen Nachrichten der klubeigenen Medien wie FC Bayern TV sollen sich Fans und Journalisten bedienen. Außen bleiben jene, die hinterfragen und infrage stellen.

Wenn der Vereinschef allen Ernstes nun die Würde des Menschen zitiert, um die angeblich unberechtigte Kritik an seinem Verein zu geißeln, ist Gefahr im Verzug. Solche Aussagen zeugen von Verzweiflung. Der erste Paragraph der Präambel stellt ein nicht verhandelbares Grundrecht dar, das - leider längst auch viel zu häufig von Politikern - zweckentfremdet wird, wenn es ständig zur Rechtfertigung des eigenen Tuns missbraucht wird.

Im Gehalt steckt ein bisschen Schmerzensgeld

Die Vereinsführung behauptet, die Berichterstattung sei nicht mehr faktenbasiert, sondern "despektierlich", "unverschämt", "respektlos" oder "widerlich". Speziell in den Berichten über die Nationalspieler habe oft das Maß gefehlt. Komischerweise führten darüber aber weder Manuel Neuer, Mats Hummels oder Thomas Müller vor Ort wirklich Klage.

Und mal ganz außen vor gelassen, dass in den zweistelligen Millionengagen der (Bayern-)Stars immer auch gewisses Schmerzensgeld für die öffentliche Vereinnahmung (und dazugehörige Kritik) enthalten ist: Hoeneß und Rummenigge sollten doch am besten wissen, dass Verdienste der Vergangenheit in diesem Metier nicht viel zählen, wenn die Gegenleistung dauerhaft nicht stimmt.

Rummenigge, Hoeneß und Salihamidzic rechnen mit Kritikern ab
sportschau
20.10.2018 06:45 Uhr

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Respekt wird einseitig definiert

Im ständigen Verlangen nach Neuigkeiten und dem Produzieren von Schlagzeilen wird in der Tat auch übers Ziel hinaus geschossen. Dass jedoch die FCB-Bosse so pauschal die Medien abqualifizieren und unliebsame Berichterstatter namentlich nennen, ist besorgniserregend. Nebenbei wirkt der Umgang mit der Begrifflichkeit Respekt befremdlich, der mal wieder sehr einseitig durch die "Mia-san-Mia"-Brille definiert wird.

Einerseits verstieg sich Hoeneß selbst ja im Sommer zu der allein durch Zahlen und Daten widerlegten These, Mesut Özil habe seit der WM 2014 nur "Scheißdreck" gespielt. Und er nahm sich kürzlich das Recht, den Leverkusener Karim Bellarabi für ein hartes, aber auch mit Rot geahndetes Foul öffentlich zu brandmarken. Auch wie er bei der aktuellen Presskonferenz auf den ehemaligen Bayern-Spieler Juan Bernat eindrosch, wirft kein gutes Licht auf Hoeneß, für den nach wie vor gilt: In Bedrängnis tritt er um sich wie ein Berserker.  

Kommentar - "Diese Pressekonferenz wird sich als Eigentor entpuppen"
sportschau
20.10.2018 06:45 Uhr

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Verlierer in den eigenen Reihen: Kovac und Salihamidzic

Ganz nebenbei hat die verbale Keule auch Verlierer in den eigenen Reihen hervorgebracht. Allen voran kassierte die Klubführung gleich mal die These von Cheftrainer Niko Kovac, die Unruhe habe keine Auswirkung auf die Mannschaft, niemand schere sich darum, was in den Medien passiere. Pustekuchen.

Nebenbei verstärkte sich der Eindruck, dass Sportdirektor Hasan Salihamidzic an der Seite der Alphatiere Hoeneß und Rummenigge nur ein bedauernswerter Lehrling ist, der kaum hörbar wird, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge für den FC Bayern geht. In diesem Fall war es der harte Kampf um die Meinungsmacht über den Rekordmeister. Dafür wurden Geschütze aufgefahren, die eine freie, unabhängige Berichterstattung gefährden können.

Quelle: sportschau.de

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