Magnus Carlsen (l) sitzt Hans Niemann in der dritten Runde beim Sinquefield Cup gegenüber. | dpa

Carlsen gegen Niemann Schach-Weltmeister wirft Gegner Betrug vor

Stand: 27.09.2022 18:34 Uhr

Schach-Weltmeister Magnus Carlsen hat sich ausführlich zu seinem Rückzug im Duell mit Hans Niemann geäußert und dem US-Teenager erstmals konkret Betrug vorgeworfen.

Francois Duchateau
Sportschau

Schach-Weltmeister Magnus Carlsen hat am Montagabend (26.09.2022) ausführlich Stellung bezogen zu seiner Auseinandersetzung mit US-Talent Hans Niemann. In einem Statement, das er unter anderem auf seinem Twitter-Kanal verbreitete, erhob der Norweger erstmals selbst konkrete Betrugsvorwürfe gegenüber dem 19-jährigen Talent und erklärte seinen plötzlichen Ausstieg beim Sinquefield Cup nach einer Niederlage gegen Niemann Anfang September sowie die Aufgabe nach nur einem Zug gegen Niemann beim Julius Bär Generation Cup vergangene Woche.

In seinem Statement erklärt Carlsen, dass er bereits vor Beginn des Sinquefield Cups darüber nachgedacht hatte, auszusteigen, nachdem Niemann kurzfristig ins Teilnehmerfeld nachgerückt war. "Letztendlich hatte ich mich doch dafür entschieden, zu spielen."

Der 31-Jährige führt Betrug im Schach als existenzielles Problem an und greift seinen Kontrahenten konkret an: "Ich glaube, dass Niemann häufiger betrogen hat, als er das öffentlich zugegeben hat - und das auch in jüngerer Vergangenheit."

Verdächtiges Verhalten am Brett

Carlsen empfand Niemanns Verhalten am Brett beim Duell im Sinquefield Cup ungewöhnlich. "Ich hatte den Eindruck, er war nicht einmal angespannt oder voll konzentriert auf das Spiel in den kritischen Positionen während er mich mit Schwarz ausspielte in einer Art, wie es nur eine Handvoll Spieler könnten. Dieses Spiel hat meine Sicht auf die Dinge geändert."

Tatsächlich haben Untersuchungen der Schiedsrichter beim Präsenzturnier in St. Louis keine Anhaltspunkte für unfaires Spiel ergeben. Experten analysierten, dass Carlsens wohl heftigste Niederlage der vergangenen Jahre vermeidbar war, hätte der 31-Jährige einfach bessere Züge gespielt. Im Duell gegen Niemann war ein Remis drin für den Norweger.

Zweifel an Niemanns Ausführungen

Das amerikanische Top-Talent hatte nach dem plötzlichen Ausstieg Carlsens in einem emotionalen Interview zugegeben, im Alter von 12 und 16 Jahren bei zwei Gelegenheiten online betrogen zu haben, nie jedoch in Präsenz am Brett. Dass der US-Profi tatsächlich nur zweimal bei Onlinepartien betrogen haben soll, wird nicht nur von Carlsen bezweifelt. Im Rahmen der Vorwürfe beim Sinquefield Cup sperrte die größte Schach-Plattform der Welt, Chess.com, Niemanns Account. Offenbar glauben sie dort Beweise gefunden zu haben, die für häufigeren Betrug sprächen. Mehr ins Detail gingen die Betreiber der Plattform bis dato nicht.

"Wenn sie wollen, dass ich mich völlig nackt ausziehe, werde ich es tun", sagte Niemann gar während seines Interviews in St. Louis und beteuerte: "Ich weiß, dass ich sauber bin." Dass der größte Schach-Eklat der vergangenen 15 Jahre während Carlsens Schweigen immer skurrilere Züge annahm, zeigt auch die Tatsache, dass eine Website Niemann tatsächlich eine Million Dollar geboten haben soll, um unbekleidet Schach zu spielen.

Die Anschuldigungen des Norwegers beschädigen den 19-Jährigen Kalifornier massiv, der während der Coronapandemie rasant in der Rangliste aufstieg und sich online zuletzt vielen Anfeindungen ausgesetzt sah. Reagiert hat Niemann auf Carlsens ausführliche Erklärung bisher noch nicht.

Carlsen will nicht gegen Betrüger spielen

In seinem Statement führte Carlsen weiter aus, dass man etwas gegen Betrug im Schach unternehmen müsse. "Ich möchte nicht gegen Leute spielen, die in der Vergangenheit wiederholt betrogen haben, weil ich nicht weiß, wozu sie in Zukunft in der Lage sind." Mehr könne er im Moment nicht sagen, "ich hoffe aber, dass die Wahrheit in dieser Sache herauskommt, was immer sie sein mag".

Der 31-Jährige wird 2023 wegen fehlender Motivation nicht zur erneuten WM- Titelverteidigung antreten. Der Russe Ian Nepomniachtchi und Chinese Ding Liren werden im kommenden Jahr im direkten Duell den WM-Titel unter sich ausmachen.

Den Julius Bär Generation Cup beendete Magnus Carlsen am Sonntag (25.09.2022) als Sieger. Nachdem er sich im Halbfinale gegen die deutsche Nummer eins, Vincent Keymer (17), durchgesetzt hatte, besiegte Carlsen am Sonntag im Endspiel Erigaisi Arjun aus Indien.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 20. September 2022 um 14:47 Uhr.