Schüler beim Schulsport | Bildquelle: imago/photothek

Neue Studie Sexueller Missbrauch - Tabuthema im Sport

Stand: 12.07.2019 10:48 Uhr

Die katholische Kirche steht wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester seit Jahren in der Kritik. Der Sport ist da noch außen vor - obwohl es dort in Deutschland laut einer neuen Studie deutlich mehr Betroffene gibt. Die Sportschau widmet sich dem Thema mit der Dokumentation "Das große Tabu" (Samstag, 19.05 Uhr, im Ersten und ab 13 Uhr auf sportschau.de).

Immer wieder sorgen Fälle, in denen katholische Priester Kinder sexuell missbraucht haben, für einen Aufschrei in Deutschland. 114.000 Betroffene gibt es in Deutschland - so das hochgerechnete Ergebnis einer noch unveröffentlichten Studie der Uniklinik Ulm. Eine gleich hohe Zahl haben die Wissenschaftler in ihrer repräsentativen Umfrage auch für die evangelische Kirche ermittelt - auch sie hat in jüngster Zeit mehr und mehr im Fokus gestanden.

Die noch unveröffentlichte Studie geht von einer hochgerechneten Zahl von 200.000 Betroffenen im Sport aus - damit fast doppelt so viele wie jeweils in den beiden Kirchen. Diese höhere absolute Zahl sei nicht verwunderlich, da mehr Kinder in Sportvereine gingen als in die Kirche, sagt Jörg Fegert, Kinder- und Jugendpsychiater der Uniklinik Ulm. Dennoch stellt sich angesichts der enormen Menge an Betroffenen die Frage: Warum ist sexueller Missbrauch im Sport kein öffentliches Thema in Deutschland? "Wir haben eine Bewusstseinsentwicklung nötig in diesem Bereich", sagte Fegert zur Sportschau.

Ein Drittel der Leistungssportler berichtet von Übergriffen

Für die Studie waren rund 2.500 Menschen zu ihren Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch in Kindheit und Jugend befragt worden. Die "Welt" hatte zuerst über die Studie aus Ulm berichtet.

Bereits vor drei Jahren hatte die Uniklinik Ulm im Rahmen der Studie "Safe Sport" 1.800 Athletinnen und Athleten aus dem Leistungssport befragt. Mehr als ein Drittel von ihnen berichtete dabei, "sexuell übergriffige Dinge" erlebt zu haben, sagt Fegert: "Da waren wir schon entsetzt. Wenn man es sehr eng nimmt, haben drei Prozent sexuelle Übergriffe mit Penetration erlebt, schwerste Taten. Aber es kommt natürlich ein großes Feld von ungewollten Berührungen dazu."

England und USA einen Schritt voraus

Die Sportsoziologin Rulofs zieht bei der Frage nach der fehlenden öffentlichen Wahrnehmung einen Vergleich zu Großbritannien und den USA: "Die beschäftigen sich schon länger mit dem Thema. Ich denke, dass eine Gesellschaft erst dann bereit ist, solch einen Skandal bekanntzumachen und sich damit zu befassen, wenn das Thema über einen gewissen Zeitraum in die Strukturen der Gesellschaft gesickert ist."

In England war der bislang größte Missbrauchs-Skandal im Sport ans Tageslicht gekommen, mit 300 mutmaßlichen Tätern und etwa 850 betroffenen ehemaligen Fußballern. Diese berichteten, dass sie als Kinder in ihrem Sport sexuell missbraucht worden seien. Der Prominenteste ist Paul Stewart, einst Nationalspieler und FA Cup-Sieger.

Paul Stewart und Turnerin aus Weimar berichten

"Als kleiner Junge fühlte ich mich isoliert, verängstigt und kontrolliert", sagte Stewart im Sportschau-Interview: "Als Fußballer erzählst du deinen Kollegen einfach nicht, dass du missbraucht wurdest. Das war sehr schwierig und hat wahrscheinlich den Rest meines Lebens bestimmt."

Sportschau-Doku: "Das große Tabu"

Die Sportschau-Dokumentation "Das große Tabu" widmet sich dem Thema "Sexueller Missbrauch im Sport", erzählt unter anderem das Schicksal von Paul Stewart - und einer deutschen Turnerin. Diese ist als 14-Jährige beim HSV Weimar von ihrem Trainer sexuell missbraucht worden. Das Landgericht Erfurt verurteilte den geständigen Täter zu drei Jahren und acht Monaten Haft für 82 Fälle sexuellen Missbrauchs an insgesamt 15 minderjährigen Turnerinnen. Der Trainer entschuldigte sich bei den Opfern. Er ging in Revision, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig - der Trainer ist unter Auflagen auf freiem Fuß.

"Das große Tabu": Samstag, 19.05 Uhr, im Ersten, ab 13 Uhr auf sportschau.de.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Juli 2019 um 12:45 Uhr.

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