Hansi Flick steht lachend auf dem Trainingsplatz | Tom Weller / picture alliance / dpa

Debüt als Bundestrainer Wie Flick den DFB erfolgreich machen will

Stand: 02.09.2021 10:30 Uhr

Er wird als bescheiden, empathisch und ehrlich beschrieben, als einer, der andere "zum Leuchten bringt" - Hansi Flick. Der neue Bundestrainer tritt ein schweres Erbe an. Wer ist der neue Hoffnungsträger, der das DFB-Team wieder erfolgreich machen soll?

Von Nicole Hornischer

Das WM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein wird sein erstes als Bundestrainer sein. Es ist auch das erste Länderspiel der Nationalmannschaft nach der Ära Löw. Kein leichtes Erbe für Flick: Das bittere EM-Aus gegen England, die Schmach in der WM-Quali gegen Nordmazedonien, die verpasste Endrunde als Titelverteidiger bei der WM 2018 - die deutsche Nationalmannschaft erntete zuletzt viel Häme, bekam kaum noch Zuspruch von den erfolgsverwöhnten Fans.

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Die deutsche Nationalmannschaft hat "etwas gutzumachen", wie Kapitän Manuel Neuer es formulierte. Das sieht auch der neue Bundestrainer so: "Ich möchte eine Mannschaft, die lebt, die sich gegenseitig pusht", sagte Flick im Interview mit dem ARD-Hörfunk. Und weiter: "Wir wollen erfolgreichen, schönen, modernen und aktiven Fußball spielen", kündigte der 56-Jährige forsch an.

"Flick hat Qualität bewiesen"

Flick erwartet viel von seinem Team. Dass seine Forderungen zu erfüllen sind, hat seine kurze Trainerzeit beim FC Bayern bewiesen. In 18 Monaten führte er den Rekordmeister zu insgesamt sieben Titeln, darunter auch der Triumph in der Champions League. Als er im November 2019 die Mannschaft von Niko Kovac übernahm, fehlte es bei den Bayern vor allem an Zusammenhalt, Selbstvertrauen und attraktiven Fußball.

Lewandowski und Flick unterhalten sich auf dem Trainingsplatz | M. Donato / imago images / FC Bayern München

Hansi Flick (r.) mit Bayern-Torjäger Robert Lewandowski Bild: M. Donato / imago images / FC Bayern München

Der ehemalige Co-Trainer der Münchner formte in kürzester Zeit ein erfolgshungriges Team, das sehenswerten Fußball spielte und der internationalen Konkurrenz Stand halten konnte: Thomas Müller fand wieder zu seiner alten Stärke zurück, ebenso der zuvor schon aussortierte Jérôme Boateng. Robert Lewandowski wurde über die Monate vom Einzelkämpfer zum mannschaftsdienlichen Spieler, auf dem Feld fand wieder mehr Kommunikation statt - Müller wurde in den leeren Stadien der Pandemiezeit zu "Radio Müller". Und Flick habe seine Qualität beim FC Bayern bewiesen, "einem nicht einfach zu trainierenden Verein", sagte Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeneß über ihn.

Holpriger Start als Trainer

Aber wer ist dieser Flick, der große Hoffnungsträger des DFB? Als Fußball-Profi war Flick von 1985 bis 1990 beim FC Bayern, absolvierte mehr als 100 Spiele beim Rekordmeister und gewann viermal die deutsche Meisterschaft und einmal den DFB-Pokal. Seine aktive Karriere beendete der Mittelfeldspieler beim 1. FC Köln, nach zahlreichen Verletzungen musste er 1993 mit gerade einmal 28 Jahren aufhören.

Kurz darauf starte er seine Trainerkarriere - zunächst mit mäßigen Erfolg: Abstieg aus der Oberliga Baden-Württemberg mit dem FC Victoria Bammental, Entlassung bei 1899 Hoffenheim nach mehrmalig verpasstem Aufstieg in die 2. Bundesliga, Co-Trainer in Salzburg unter Giovanni Trapattoni mit Lothar Matthäus.

Hansi Flick und Jogi Löw nach dem WM-Triumph 2014 | imago/Ulmer/Teamfoto

Hansi Flick (l.) und Jogi Löw nach dem WM-Triumph 2014 Bild: imago/Ulmer/Teamfoto

2006 folgte das DFB-Engagement als "Zulieferer" von Bundestrainer Löw. Flick baute Datenbanken über die Nationalspieler auf, konnte jedes Detail über deren Entwicklung liefern. Der Kraichgauer erarbeitete sich einen internationalen Ruf.

Kurze Stationen beim DFB und Hoffenheim

Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 unterschrieb Flick beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) einen Fünfjahres-Vertrag als Sportdirektor. Dort wollte er für neue Strukturen - vor allem im Jugendbereich - sorgen. Doch im Januar 2017 verließ er den DFB auf eigenen Wunsch.

Nach einem knappen halben Jahr Pause fand Flick im Juli 2017 als Geschäftsführer bei der TSG Hoffenheim eine neue Aufgabe. Aber die Arbeit beim Hopp-Verein machte ihn nicht glücklich - nach nur acht Monaten beendete er auch dieses Engagement.

Flick blieb nie bis zum Schluss

2019 wurde Flick schließlich Co-Trainer beim FC Bayern. Es folgten die erfolgreichsten Monate des Vereins, doch auch dort erfüllte er seinen Vertrag nicht. Als der Posten des Bundestrainers frei wurde, gab Flick bekannt, den Rekordmeister zu verlassen. Er sah die Basis für eine gemeinsame Zukunft nicht mehr gegeben, nachdem es immer wieder zu Querelen zwischen ihm und dem Sportvorstand Hasan Salihamidzic kam.

Was in Flicks Vita auffällt: Es war immer er, der sich vor Vertragsende eine neue Herausforderung suchte, aber nicht, wie ihm viele unterstellten, weil er den Konflikten aus dem Weg gehen wollte. Vielmehr wollte Flick unabhängig bleiben. "Es gibt auch ein Leben neben dem Fußball, das hat mir eine gewisse Lockerheit gegeben," sagte Flick einmal in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Das Leben neben dem Fußball ist seine Familie: Flick ist seit über 30 Jahren mit Ehefrau Silke, mit der er seit vielen Jahren in Bammental wohnt, verheiratet. Das Ehepaar hat zwei Töchter: Kathrin und Hannah. Zudem ist Flick zweifacher Großvater.

Flick steht für Wertschätzung und Kommunikation

Und nun folgt der nächste Schritt: Bundestrainer. Was wird Flick anders machen als Löw? Was unterscheidet ihn von seinem Vorgänger? Löw wirkte zuletzt ratlos, hielt an seinen Spielideen trotz Kritik fest und scheiterte. Der ehemalige Bundestrainer, der die Geschicke der Nationalmannschaft 15 Jahre leitete, schien keinen Zugriff mehr auf die Mannschaft zu haben. Dem Team fehlte es zuletzt vor allem an einem: Kommunikation.

Und in der Hinsicht ist dem DFB nun ein glücklicher Griff gelungen: "Kommunikation ist mir wichtig, es ist auch eine Frage von Wertschätzung, einander zuzuhören und sich auszutauschen", sagt Flick. Die Spieler sollen sich "gegenseitig unterstützen, coachen, pushen. Ich will Leben auf dem Platz sehen".

"Wertschätzung", "Kommunikation", "Klarheit" - das sind die zentrale Begriffe, wenn Flick über seine Arbeit redet und damit will der 56-Jährige die DFB-Elf wieder in die Erfolgsspur bringen. Auch Oliver Kahn, Vorstandschef des FC Bayern, glaubt daran. Schließlich habe Flick beim FC Bayern gezeigt, "dass er Titel gewinnen" und "eine Mannschaft mit Top-Stars, mit Persönlichkeiten moderieren kann". Das werde er auch beim DFB beweisen.

Flick bringt "andere zum Leuchten"

Hans-Dieter Hermann, Sportpsychologe der deutschen Nationalmannschaft, sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: "Hansi kann andere zum Leuchten bringen." Flick könne die Menschen führen: "Er nimmt sehr fein wahr, er spürt genau, welche Stimmung in der Mannschaft herrscht. Er merkt, wann sie Führung braucht und wann er Druck rausnehmen muss."

Flick kann sich in den Spieler hineinversetzen

Vielleicht versteht Flick seine Spieler auch so gut, weil er selbst einer von ihnen war, weil er weiß, wie sich Niederlagen anfühlen und wie es ist, nur auf der Ersatzbank zu sitzen. "Richtig miteinander zu kommunizieren, das kostet viel Zeit. Ich versuche, nicht impulsiv zu sein, immer zu überlegen: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Was ist das richtige Umfeld? Allein? Oder in kleinen Gruppen? Damit der ein oder andere auch noch mal davon profitieren kann. Es darf nie ins Persönliche gehen - nie!", sagte Flick einmal in einem Interview mit der "Zeit".

Beim DFB zeigte er bereits seine "Menschenversteher"-Mentalität: So betonte Ilkay Gündogan, die Anerkennung, die er von Flick bekommt, sei für ihn ein entscheidender Faktor für die Fortsetzung seiner Karriere in der Nationalmannschaft gewesen. "Es war ein sehr schönes Gespräch, ich habe Wertschätzung mir gegenüber gespürt."

Und auch beim Training präsentierte Flick seine empathische Seite: Einfühlsam ging der Coach mit seinen Sorgenkindern um. Väterlich legte er etwa seinen Arm um Leroy Sanés Schulter, der jüngst nach schwankenden Leistungen beim FC Bayern von den eigenen Fans ausgepfiffen wurde. Flick ließ ihn nicht fallen. Und auch für Timo Werner, beim FC Chelsea zuletzt nur zweite Wahl, gab es eine persönliche Aufmunterung und ein Einzelgespräch.

"Ein guter Anfang braucht Begeisterung, ein gutes Ende Disziplin. Wir wollen von Anfang an Begeisterung schaffen, und die ist da. Wir wollen dann unseren Weg diszipliniert weitergehen“, sagte Flick auf der Pressekonferenz vor seinem Debüt-Spiel.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. September 2021 um 06:15 Uhr.