Die deutsche und die französische Flagge sind in einem Stadion vor dem EM-Halbfinale auf einer LED-Wand zu sehen. | dpa

Teamcheck vor EM-Halbfinale Effektiv gegen ballverliebt

Stand: 27.07.2022 19:47 Uhr

Eine stabile Abwehr und ein effizienter Angriff gegen pfeilschnelle Flügelflitzerinnen und einen "Kontrollturm" - der Sportschau-Teamcheck vor dem Halbfinale Deutschland - Frankreich.

Sportschau

Tor

Im Vergleich der Torhüterinnen schneidet Merle Frohms deutlich besser ab als Pauline Peyraud-Magnin. Die Keeperin von Juventus Turin leistete sich in der Vorrunde einige Schnitzer und verfügt zudem nicht über die besondere Ausstrahlung, um ihr Team mental zu stärken. Es könnte vielversprechend sein, die Torhüterin - vor allem bei kurzen Abstößen wie gegen Österreich - zu attackieren und auf Fehler zu lauern.

Abwehr

"Die Mannschaft hat eine große Defensiv-Lust", sagt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Auch wenn das nicht nur auf die Abwehr gemünzt war - die von Marina Hegering dirigierte Viererkette hat ihre Sache bisher gut gemacht: Null Gegentore sprechen Bände. Die Außenspielerinnen Giulia Gwinn und Felicitas Rauch folgen zudem strikt der Order, sich stets offensiv einzuschalten und dabei nach Möglichkeit zum zweiten Pfosten durchzulaufen.

Bei den Französinnen schien "Kontrollturm" Wendie Renard anfangs etwas zu wanken. Doch die 1,87 Meter große Innenverteidigerin hat sich gesteigert und ihre Nebenleute auf Kurs gebracht - das Viertelfinale war das erste EM-Spiel ohne Gegentreffer. Mit 60 Prozent gewonnener Zweikämpfe brachte es Frankreich bislang auf die viertbeste Zweikampfquote im Turnier.

Trotz der Größe von Renard hat Frankreich aber nur 56 Prozent seiner Luftzweikämpfe gewonnen und ist damit etwas schlechter als alle anderen Halbfinalisten. Deutschland hält hier mit 59 Prozent den Spitzenwert. "Wir haben Kopfballmonster in unseren Reihen", weiß nicht nur die Bundestrainerin. Andererseits dürfte Renard bei Standards nur von Alexandra Popp zu verteidigen sein.

Mittelfeld

Ballbesitz? "Es gibt gewisse Zonen, da ist es uns egal", sagte MVT vor dem Spanien-Spiel (2:0). Problem: Frankreich agiert im Mittelfeld ganz ähnlich. Während "Les Bleues" in Sandie Toletti und Grace Geyoro in diesem Mannschaftsteil gleich zwei Strateginnen mit hoher Passsicherheit aufbieten, besitzt Deutschland in Lina Magull die vielleicht beste Technikerin des Turniers, die auch noch viel Torgefahr entwickelt.

Ein klares Plus hat Deutschland auf der Sechs in Abräumerin Lena Oberdorf. Auch Frankreich-Kennerin Sara Däbritz erledigt ihre Fleißarbeit in der Balleroberung stets zuverlässig. Hier sollten Magull und Co. vor allem auf die zweiten Bälle Wert legen, denn da erreicht Frankreich nur den drittschlechtesten Wert aller 16 EM-Teams.

Angriff

Linkslastig agieren beide Teams laut Statistik - Deutschland bislang vor allem über Klara Bühl, Frankreich über Delphine Cascarino. Nun fällt Bühl wegen ihres positiven Corona-Tests aus. Ihr Ersatz, die 19-jährige Jule Brand, kann aber ebenso unbekümmert auftrumpfen.

Das Spiel über die Flügel ist die Spezialität der Französinnen (von rechts: Kadidiatou Diani) - 37 Prozent ihrer Flanken kamen an, eine bessere Quote schaffte nur England. Auch in Dribblings sind die pfeilschnellen Außen kaum zu stoppen. Frankreich kam insgesamt bisher auf 40 Dribblings, 69 Prozent davon waren erfolgreich - beides sind Spitzenwerte. Die deutschen Frauen hingegen verlieren relativ viele Bälle im Offensiv-Drittel.

Gleichauf an der Spitze liegen beide Teams bei Konterangriffen (je 17), mit 25 Prozent Abschlüssen halten die DFB-Frauen den Topwert. Effizienz war bisher das schärfste Schwert von Popp und Co. Während Frankreich nur schwache 18 Prozent seiner zahlreichen Chancen verwertete, münzten die deutschen Frauen ein Drittel ihrer Möglichkeiten in Tore um. Alexandra Popp ist im Vergleich zu Melvine Malard oder Ouleymata Sarr die deutlich bessere Mittelstürmerin.

Trainerinnen

Martina Voss-Tecklenburg: Die Bundestrainerin zeigte sich sehr variabel in ihren Taktikvorgaben. Während gegen Dänemark ein extrem hohes Pressing zum Erfolg führte, agierte ihr Team gegen Spanien etwas zurückgezogener und sehr effektiv. Im Verhältnis zu ihrem Team zeigte sich MVT kritikfähig. Ihre neue Lockerheit führt augenscheinlich zum Erfolg. Einen großen Titel als Trainerin hat Voss-Tecklenburg aber ebenso wie ihre Kollegin noch nicht gewonnen.

Corinne Diacre: Die Fußballlehrerin, die schon ein Männerteam im Profifußball coachte, pflegt einen autoritären Stil. In Eugénie Le Sommer und Amandine Henry ließ sie zwei Weltklassespielerinnen zu Hause, weil sie mit ihnen nicht zurechtkommt. Auch mit Kapitänin Renard hat sich die Trainerin schon überworfen. Top-Torhüterin Sarah Bouhaddi hatte bereits nach der verkorksten WM 2019 im eigenen Land Konsequenzen gezogen und war zurückgetreten. Während es nach dem Turnier vor drei Jahren Berichte über weinende Spielerinnen gab, soll die Stimmung inzwischen so gut sein wie noch nie unter Diacre. Offenbar hat auch sie an sich gearbeitet.

Das sagt Sportschau-Expertin Nia Künzer

"In diesem Halbfinal-Duell gibt es keinen Favoriten. Beide Teams haben große individuelle Qualität, einen breiten Kader und hohes Tempo. Ich bin sehr auf die beiden Matchpläne gespannt.

Vielleicht ist es ein Vorteil, dass Deutschland gegen Spanien schon seine Variabilität unter Beweis stellen musste. Frankreich ist bisher defensiv noch nicht so gefordert worden. Und ich glaube, dass die Französinnen in den Umschaltmomenten durchaus verwundbar sind."

Ausgewählte Daten zu Deutschland - Frankreich
Deutschland Frankreich
Ballbesitz 54 % 56 %
Schüsse (aufs Tor) 19 (5,5) 20 (8)
Chancenverwertung 33 % 18 %
Flanken (angekommen) 16 (27 %) 17 (35 %)
Teampressingaktionen (erfolgreich) 21 (54 %) 25 (63 %)
Abschlüsse nach Standards 4,3 4,8
Zweite Bälle erobert 77 65
Zweikampfquote 55 % 60 %
Pässe (angekommen) 499 (80 %) 575 (85 %)

Daten-Quelle: Create Football

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Juli 2022 um 22:50 Uhr in der Sendung "Sport Aktuell" und tagesschau24 am 27. Juli 2022 um 11:00 Uhr.