Der angeklagte Sportmediziner mit seinen Anwälten vor dem Prozessauftakt | Bildquelle: dpa

Prozessauftakt "Operation Aderlass" Angeklagtem Arzt drohen 15 Jahre Haft

Stand: 16.09.2020 14:47 Uhr

In München ist an diesem Mittwoch (16.09.2020) unter großem Medienandrang der Prozess gegen die Hintermänner der Operation Aderlass eröffnet worden. Für den Hauptangeklagten steht sehr viel auf dem Spiel. 

Von Sebastian Münster und Sebastian Krause

180 Journalisten haben sich für den größten deutschen Dopingprozess im Profisport nach dem Anti-Doping-Gesetz akkreditiert. Der Erfurter Arzt Mark Schmidt und vier mutmaßliche Komplizen müssen sich vor dem Münchener Landgericht II verantworten. 

Insgesamt 26 Verhandlungstage und etwa zwei Dutzend Zeugen sind bis kurz vor Weihnachten vorgesehen, um den fünf Angeschuldigten die mehr als 100 Dopinghandlungen in einem international agierenden Netzwerk jeweils im Einzelfall nachzuweisen.

Mindestens 23 Sportler aus acht Ländern und fünf Sportarten sollen beteiligt sein. Für die Strafverfolger stellt der Prozess eine neue Dimension dar: "Viele der Verfahren, die von der Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft München 1 geführt werden, betreffen ja den privaten Bereich, also zum Beispiel Bodybuilder, die verbotene Substanzen aus dem Ausland beziehen, herstellen oder in irgendeiner Form anwenden", sagt Gerichtssprecher Florian Gliwitzky.  

Der Auftakttag beginnt mit der Verlesung der Anklageschrift. "Ich erwarte, dass die Verlesung etwa vier bis fünf Stunden dauern wird. Dabei muss man berücksichtigen, dass wir in Corona-Zeiten regelmäßige Pausen einlegen müssen, um die Aerosol-Belastung im Sitzungssaal in einem vertretbaren Maß zu halten", sagt Gliwitzky. 

 Gut anderthalb Jahre U-Haft 

Anschließend haben die Angeklagten Gelegenheit, sich zu äußern. Mit Spannung wird erwartet, ob vor allem der Hauptangeklagte Schmidt diese Gelegenheit nutzen wird. Bei der Polizei hat er nach einem Verteidiger- und Strategiewechsel seine anfängliche Aussagebereitschaft eingestellt, womöglich als er registrierte, dass sie nicht zum gewünschten Ziel führte: der schnellen Entlassung aus der Untersuchungshaft. Seit gut anderthalb Jahren sitzt Schmidt, der am 27. Februar 2019 verhaftet worden war, in U-Haft. 

Nun könnte erneut ein Anreiz bestehen, sich vor Gericht einzulassen: Er wird wohl abwägen, inwiefern die einzelnen Blutdopinghandlungen hinreichend nachgewiesen werden können und, falls das der Fall ist, mit einem umfassenden Geständnis womöglich versuchen, einen möglichst kurzen weiteren Gefängnisaufenthalt zu erwirken. Dazu böte sich an, voller tätiger Reue dem Gericht zu helfen, die Beweisaufnahme erheblich abzukürzen. "Es sind ja eine Fülle von Einzeltaten angeklagt", sagt Gliwitzky, "das deutsche Strafrecht sieht für die Delikte, die hier in Rede stehen, eine zeitige Freiheitsstrafe vor, und die Gesamtfreiheitsstrafe, die nach deutschem Recht höchstmöglich ist, beträgt 15 Jahre." Außerdem droht Schmidt der Einzug jener Profite, die die Strafverfolger berechnet haben, offenbar etwa knapp 200.000 Euro.  

 Entzug der Approbation droht 

In gesonderten Verfahren beraten nach Abschluss des Strafverfahrens die zuständige Landesärztekammer in Thüringen sowie das für einen Entzug der ärztlichen Approbation verantwortliche Landesverwaltungsamt in Weimar über weitere Sanktionen. 

Ein Polizeiwagen steht vor dem Hotel Bergland in Seefeld, in dem die Razzia stattfand, die den Prozess ins Rollen brachte. | Bildquelle: AFP
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Ein Polizeiwagen steht vor dem Hotel Bergland in Seefeld, in dem die Razzia stattfand, die den Prozess ins Rollen brachte.

Allerdings könnte es sich für Schmidt als hilfreich erweisen, dass zahlreiche der in Österreich anhängigen Verfahren gegen die gedopten Sportler noch nicht rechtskräftig abgeschlossen worden sind. Womöglich verweigern die betroffenen Athleten mit Hinweis auf ihre eigenen schwebenden Verfahren und das Risiko, sich selbst zu belasten, die Auskunft vor Gericht in München. Nach den Erkenntnissen aus den Verfahren wirkt es überraschend, wie das Netzwerk so lange unentdeckt agieren konnte. 

Ausgangspunkt der gesamten Ermittlungen in der Operation Aderlass bildeten die Aussagen des früheren österreichischen Skilangläufers Johannes Dürr in dem ARD-Film "Die Gier nach Gold". Der bei den Olympischen Spielen 2014 positiv auf das verbotene Mittel Erythropoietin getestete und anschließend gesperrte Dürr hatte in dem Anfang 2019 ausgestrahlten Film erstmals Blutdoping, auch in Deutschland, eingestanden. 

 Verfahren gegen deutschen Arzt eingestellt 

Ein Verfahren gegen einen deutschen Arzt, den Dürr in seinem eigenen Strafverfahren in Innsbruck belastet hatte, ihm das EPO besorgt zu haben, und bei dem im vergangenen Jahr eine Hausdurchsuchung stattgefunden hatte, ist inzwischen in Österreich eingestellt worden. Der Grund: Ein allfälliger Sportbetrug aus dem Jahr 2014 wäre bereits verjährt. 

Auch einige Sportler entgingen, entweder durch eine ähnliche Verjährung oder weil die Tatvorwürfe gegen sie aus der Zeit vor Einführung des Anti-Doping-Gesetzes datieren, einer Strafverfolgung. Dazu soll etwa ein aus Deutschland stammender World-Tour-Radprofi zählen, der nicht bei der derzeit laufenden Tour de France am Start ist, aber auch der frühere italienische Sprint-Star Alessandro Petacchi, der sämtliche Vorwürfe bestritt, sowie zwei slowenische Radprofis.

Auffällig ist ohnehin eine extrem starke Verbindung des einst im Radsport bei deutschen Profi-Teams beschäftigten Arztes Mark Schmidt zu Slowenien. Nach Erkenntnissen der Ermittler führte er zur Tarnung die Geschäfte des Netzwerkes gerne von einer slowenischen Handynummer aus. Auch soll er seine Blutdoping-Gerätschaften zuvorderst von einer Firma in Ljubljana bezogen haben. Und in Vernehmungen soll er zunächst einen in der Szene renommierten Radsport-Manager aus Slowenien belastet haben. Das Gesamtklassement der Tour führen im Moment ausgerechnet zwei Slowenen an. 

Forderung nach härteren Strafen 

Ohnehin soll der Radsport nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler den größten Teil der Kundschaft des Doping-Arztes Schmidt gestellt haben. Einige aus der Branche, wie der Teamchef der deutschen Profi-Mannschaft Bora-hansgrohe, Ralph Denk, erhoffen sich daher eine Signalwirkung vom Münchner Prozess: "Es hat die ersten Urteile gegeben in Innsbruck, am Landesgericht. Das waren eigentlich für mich nicht befriedigende Urteile. Ich glaube, dass das Strafmaß nach oben gesetzt werden muss, dass die Gefängnisstrafe, die doch große Abschreckung hat, glaube ich, öfters mal platziert werden muss." 

Auftakt im Doping-Prozess "Operation Aderlass" in München
Christian Klos, BR
16.09.2020 18:51 Uhr

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Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. September 2020 um 15:00 Uhr.

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