Deutschlands Bundestrainer Joachim Löw bespricht sich mit Antonio Rüdiger. | dpa

Deutschland vor Portugal-Spiel Der Druck ist hoch

Stand: 19.06.2021 10:13 Uhr

Die deutsche Nationalmannschaft hat ihr EURO-Auftaktspiel gegen Frankreich verloren. Nun bekommt es die Mannschaft von Jogi Löw mit Portugal zu tun und muss punkten, um noch eine gute Chance auf das Weiterkommen zu haben.

Von Marcus Bark (Herzogenaurach)

Erneut geht die deutsche Nationalmannschaft bei einem großen Turnier mit null Punkten in das zweite Gruppenspiel. Der psychische Druck ist wieder hoch, die Ausgangslage vor dem Spiel gegen Portugal jedoch anders als bei der WM in Russland.

Sportschau

Erfahrung kann ein Schatz sein, in diesem Fall würden einige deutsche Spieler aber gerne darauf verzichten. Manuel Neuer, Antonio Rüdiger, Joshua Kimmich, Thomas Müller, Timo Werner und Toni Kroos standen am 23. Juni 2018 in der Startelf der deutschen Mannschaft, die bei der Weltmeisterschaft 2018 gegen Schweden gewinnen musste, um aussichtsreiche Chancen zu haben, das Achtelfinale zu erreichen.

Anstößige Gesten beim Druckabbau

Als Jérôme Boateng in der 82. Minute des Feldes verwiesen wurde, schien das Aus beim Stand von 1:1 nahezu besiegelt. Doch Kroos jagte einen Freistoß ins Tor, in der 95. Minute. Die Spieler feierten ekstatisch an der Eckfahne, Mitarbeiter des DFB provozierten die Bank der Schweden mit anstößigen Gesten. Der psychische Druck war abgefallen. Nun schien alles gut zu sein. Noch ein Sieg gegen die bis dahin punktlosen Südkoreaner, dann bliebe dem Weltmeister die Schmach erspart, als Titelverteidiger bereits in der Vorrunde zu scheitern.

EURO mit Fangnetz

Mit Ausnahme von Timo Werner werden die oben genannten Spieler sicher in der deutschen Mannschaft erwartet, die heute ab 18 Uhr in München auf Portugal trifft. Wieder ist der psychische Druck hoch, denn wieder wurde das Eröffnungsspiel eines großen Turniers mit 0:1 verloren. Damals passierte es gegen Mexiko, dieses Mal gegen Frankreich. Die Situation ist aber nur bedingt zu vergleichen, denn bei der EURO 2020 gibt es ein Fangnetz. Die vier besten Gruppendritten kommen ebenfalls weiter, anders als bei der WM mit 32 Mannschaften, bei der sich ein Achtelfinale einfacher zusammenstellen lässt.

Viele Rechenspiele

Es bietet sich daher sehr wohl an, auch auf Andere zu gucken, eben auf die anderen Gruppen. In der Gruppe A müsste die Schweiz gegen die bislang so enttäuschende Türkei gewinnen, dann hätte der Gruppendritte mindestens vier Punkte. In der Gruppe D hätte der Dritte auch vier Punkte, sollte es im Spiel zwischen Kroatien und Schottland einen Sieger haben. Die Ukraine und Österreich kämen auf je vier Punkte, sollte ihr Duell in Gruppe C unentschieden enden.

Vor fünf Jahren, als in Frankreich erstmals eine Europameisterschaft mit 24 Mannschaften und in dem aktuell gültigen Modus ausgetragen wurde, erreichten zwei Dritte das Achtelfinale, die nach der Vorrunde nur drei Punkte hatten. Das könnte dieses Mal zu wenig sein. Für die deutsche Mannschaft heißt es daher eher, nicht verlieren zu dürfen statt gewinnen zu müssen.

Bierhoff: Abschneiden eine "nationale Angelegenheit"

Bundeskanzlerin Angela Merkel | AFP

Bundeskanzlerin Angela Merkel Bild: AFP

Am psychischen Druck wird dies kaum etwas ändern, zumal DFB-Direktor Oliver Bierhoff das Abschneiden zu einer "nationalen Angelegenheit" stilisierte. Und so wurde Regierungssprecher Steffen Seibert gefragt, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel sich das Spiel gegen Portugal denn ansehen werde. Selbstverständlich, "aber nicht im Stadion", war seine Antwort.

Merkel wird eine Mannschaft sehen, die sich aus Profis vom FC Bayern, dem FC Chelsea, Real Madrid, Manchester City und den beiden Borussias aus der Bundesliga bildet. Allesamt haben schon in der Champions League gespielt, die meisten sogar zigmal, viele haben sie sogar schon gewonnen. Psychologischer Druck in Spielen gegen Mannschaften mit Topniveau ist ihnen bekannt.

Offensivspiel verbessern

Den Ansatz, das Spiel gewinnen zu wollen, wird die Ausgangslage, es auf keinen Fall verlieren zu dürfen, kaum ändern. Deutschland muss sein Offensivspiel verbessern. Wie das gehen kann, ist in den vergangenen Tagen vielfach analysiert und auch vom Bundestrainer angesprochen worden.

Eine Mannschaft, die gegen Lettland einen Treffer kassiert, gegen Nordmazedonien sogar zwei und gegen Spanien sechs, die muss davon ausgehen, gegen Portugal mindestens ein Tor erzielen zu müssen, um mindestens einen Punkt zu holen. Die Taktik, mit der Löw für das Spiel heute plant, dürfte bei zumindest annähernd gleicher Grundformation ein bisschen risikofreudiger sein. Aber der Grundsatz, mit mindestens einem Spieler mehr als der Gegner hinter dem Ball zu sein, dürfte erst bei einem Rückstand und frühestens in der zweiten Halbzeit aufgegeben werden. 

Den Druck, gewinnen zu müssen, möglicherweise sogar mit mehreren Toren Unterschied, hätte die Auswahl des DFB dann erst im abschließenden Gruppenspiel gegen Ungarn, exakt drei Jahre nach  dem Duell mit Schweden.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Juni 2021 um 13:40 Uhr.