Handballspiel vor leeren Rängen | Bildquelle: dpa

Corona im Profisport Muss der Ligabetrieb gestoppt werden?

Stand: 15.11.2020 11:56 Uhr

Positive Tests, Quarantäne, Ausfälle - in enger Taktung gibt es derzeit schlechte Nachrichten aus dem deutschen Profisport. Ergibt es Sinn, die Ligen fortzusetzen? Und: Was macht der Fußball anders?

Von Marcus Bark

Trotz positiver Tests beim Gegner Ukraine wurde das Länderspiel der DFB-Elf am Samstagabend(14.11.20) in der Nations League durchgezogen. Beim Handball werden Gruppenquarantänen konsequenter durchgesetzt und Spiele abgesagt. Der Profisport bemüht sich, den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten in Zeiten steigender Infektionszahlen. Die Lage ist aktuell unübersichtlicher denn je.

Die Stimmen aus Sportarten, die kritisch auf eine Sonderrolle des Fußballs blicken, wurden zuletzt lauter. Michael Koch, Geschäftsführer der Gießen 46ers und Teil der legendären Basketball-Europameister von 1993, zeigte sich im Gespräch mit der Sportschau zwar verständnisvoller als zuvor im Interview mit dem Deutschlandfunk, erneuerte aber den Kern seiner Kritik. "Denn auch im Fußball gab es positive Coronafälle. Auch bei Bayern München. Die Mannschaft wurde dort nicht aus dem Verkehr gezogen, es wurde keine 14-tägige Quarantäne der Mannschaft vorgeschrieben", hatte er gepoltert.

In die gleiche Kerbe schlug Malte Ziegenhagen von den Niners Chemnitz. Der Kapitän des Bundesligisten sagte der Zeitung "Freie Presse": "Was ich nicht verstehe: Wie macht der Fußball das? Bei Fußball-Bundesligisten wird der positiv Getestete isoliert und der Betrieb läuft weiter. Meine Teamkollegen wurden nach einem neuen Fall wieder komplett zurück in die Quarantäne geschickt."

"Hohe Gefahrenpunkte" Umkleide, Bus und gemeinsames Essen

Die Experten Professor Johannes Knobloch vom Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf und Dr. Florian Kainzinger, der Hygienekonzepte für den deutschen Profisport mitentwickelte und verschiedene Verbände berät, auch die Deutsche Fußball Liga (DFL), halten es für schwierig, eine Einstufung nach Infektionsrisiko bei verschiedenen Kontaktsportarten vorzunehmen. Kainzinger sei auch "keine Studie bekannt", die belegen würde, dass Handball oder Basketball etwa gefährlicher als Fußball seien. Allerdings gelte: "Klar ist, dass Sportarten, die draußen stattfinden, durch die Luftbewegung und den größeren Raum ein wahrscheinlich niedrigeres Infektionsrisiko haben. Das gilt aber auch nur auf den ersten Blick. Auch im Fußball gibt's Umkleidekabinen, gibt's Krafträume, in denen trainiert wird und die Mannschaft zusammen ist." Er glaube, dass die wenigsten Infektionen im Sport "auf den Spielfeldern stattfinden", sondern "eher im Zusammensein der Mannschaft: Also sprich Umkleidekabine, sprich Mittagsessen, Abendessen, gemeinsame Reisen im Bus zum Auswärtsspiel. Das sind aus meiner Sicht die hohen Gefahrenpunkte."

Bei der Ukraine keine engen Kontakte untereinander

Das ist offenbar auch die Einschätzung, auf die die auf den ersten Blick schwierig zu erklärende Entscheidung fußte, das Länderspiel der DFB-Elf gegen die Ukraine am Samstag (14.11.2020) stattfinden zu lassen. "Wir waren heute morgen bei Ihnen im Hotel und haben eine intensive Kontaktverfolgung aufgenommen", sagte Leipzigs Stadtsprecher Matthias Hasberg im Gespräch mit der Sportschau. Dabei hätten die Ukrainer versichert, dass es keinen engen Kontakt zwischen den vier infizierten Spielern und dem Betreuer mit anderen Delegationsmitgliedern gegeben habe. "Für uns gab es daher keinen Grund, weitere Spieler in Quarantäne zu nehmen", so Hasberg.

Die Partie Norwegen gegen Rumänien wurde indes abgesagt, nachdem die norwegische Regierung aufgrund eines positiven Coronatests bei einem Spieler eine Reise nach Bukarest untersagt und die gesamte Mannschaft in Quarantäne gestellt hatte.

Entscheidungen "nicht immer" nachzuvollziehen

Florian Kainzinger sagte zum unterschiedlichen Umgang mit positiven Coronafällen: "Es ist sehr kompliziert, da dran zu bleiben, selbst für uns, die den ganzen Tag nichts anderes machen, wird es immer schwieriger, den Überblick zu bewahren."

Es sei "vielleicht nicht immer der Fall", Entscheidungen der Gesundheitsbehörden nachvollziehen zu können. Er regte aber auch an, immer den Einzelfall zu betrachten.

Ein Handball mit einem Mundschutz | Bildquelle: firo Sportphoto
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Ein Handball mit einem Mundschutz

Handballer spielen erstmal weiter

Die Handball-Bundesliga spielt jedenfalls auch zunächst weiter. Die Absage des kompletten achten Spieltages, an dem schon zwei Partien wegen positiver Coronafälle verschoben werden müssen, stand zur Diskussion, sogar eine Unterbrechung der Saison.

Aber in einer Videoschalte entschloss sich die HBL am Freitag (13.11.2020), es weiter zu versuchen, auch in der Gewissheit, dass es noch weitere Ausfälle geben wird.

Ergibt es derzeit angesichts der hohen Infektionszahlen in Deutschland und vor allem vor dem Hintergrund von Europapokal- und Länderspielreisen in noch viel heftiger betroffene Länder Sinn, die Profiligen fortzusetzen? Diese Frage stellte die Sportschau Kainzinger ebenfalls. Der sagte: "Ich glaube, man kann durchaus noch Profisport betreiben. Das Entscheidende ist, dass es Konzepte gibt, die vermeiden, dass es Ansteckungsketten und deswegen ein erhöhtes Infektionsrisiko im Sport selbst gibt."

Eishockey bei Vorbereitungsturnier im Plan

Die Deutsche Eishockey Liga (DEL) spielt, aber nur auf Probe. Acht von 14 Mannschaften nehmen an einem Vorbereitungsturnier teil. Am 8. Dezember soll die Vorrunde, in der es nahezu täglich ein Spiel gibt, abgeschlossen sein. Bislang lief alles gut. Die Krefeld Pinguine meldeten mit Josh Brook einen infizierten Spieler. Er war allerdings schon nicht mehr mit zum Krefelder Auftaktspiel bei den Fischtown Pinguins Bremerhaven gefahren.

Eishockey: Bremerhaven siegt bei Rückkehr aufs Eis gegen Krefeld
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Der wichigste Termin für das deutsche Eishockey steht am 19. November an. Dann beraten die Gesellschafter der Klubs über den Saisonstart, der schon zweimal verschoben wurde. Kurz vor Weihnachten soll es nun losgehen.

Basketball: Gruppenquarantäne nach einem postiven Fall in Gießen

Die Basketball-Bundesliga spielt. Sie begann Anfang November und hat schon jetzt einige Partien nachzuholen. Die Gießen 46ers etwa zwei. Sie sind noch bis zum 17. November in Quarantäne, weil sich ein infizierter Spieler in Isolation begeben musste.

In anderen Vereinen und anderen Sportarten wurde bei nur einem oder auch mehreren Fällen auf eine Gruppenquarantäne verzichtet. "Das ist das Problem, dass es keine einheitliche Regelung gibt", sagte Koch zur Sportschau. Die Entscheidung liege immer bei der lokal zuständigen Gesundheitsbehörde. In Gießen, so Koch, sei die komplette Mannschaft sofort nach Hause geschickt worden. Immerhin gebe es die Genehmigung, dass die Spieler einzeln nach draußen dürften, um sich etwa mit Jogging ein wenig fit zu halten.

Bei den Handballern der MT Melsungen etwa sprach alles für eine Gruppenquarantäne, die dann auch verordnet wurde. Ihr positiv getesteter Profi Finn Lemke habe nach der Länderspielreise, auf der sich weitere Nationalspieler ansteckten, noch mit der Mannschaft trainiert und sei im Bus zur Bundesligapartie bei der SG Flensburg-Handewitt mitgefahren. Diese Begegnung hatte die HBL vorsorglich abgesetzt, als es bei beiden Teams noch kein positives Testergebnis gegeben hatte. Auch Lemkes Ergebnis stand zu jenem Zeitpunkt noch nicht fest.

Freiwillige Isolation erst nach vielen Fällen

Auch hier ist schon wieder ein erheblicher Unterschied zum Fußball und der TSG Hoffenheim zu erkennen. Der Bundesligist meldete am Samstag (07.11.2020), dass Jacob Bruun Larsen und ein Mitglied des Betreuerstabes positiv getestet worden seien. Dann wurde bekannt, dass der Däne Robert Skov und der Israeli Munas Dabbur bei ihren Nationalmannschaften positiv getestet wurden.

Das zuständige Gesundheitsamt des Kreises Rhein-Neckar sah weiterhin keinen Grund, Mannschaft und Stab in Gruppenquarantäne zu schicken. Selbst als am Mittwoch mit Ishak Belfodil, Sebastian Rudy und einem Mitglied des Trainerteams weitere positive Fälle bekannt wurden, sah die Behörde davon ab. "Alle erkrankten Personen wurden vom Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreises in Quarantäne verfügt. Weitere Vereinsmitglieder haben sich in freiwillige Selbstisolation begeben", teilte das Amt auf Anfrage mit. Die TSG antwortete auf eine gleichlautende Frage: "In Absprache mit den Gesundheitsbehörden und im Einklang mit den Vorschriften des DFL-Hygienekonzepts haben wir diese Lösung (Quarantäne, d. Red.) gewählt."

Ein heftiger Kontakt kann für Infektion reichen

Torwart Oliver Baumann und der englische U21-Nationalspieler Ryan Sessegnon sind von ihren Auswahlmannschaften abberufen worden. Ridle Baku aber, der am Sonntag mit dem VfL Wolfsburg in der Bundesliga gegen die TSG und somit Rudy, Belfodil und Dabbur spielte, durfte am Mittwoch im Test zwischen Deutschland und Tschechien sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft feiern.

Dass er nach Defintion des Robert Koch-Institutes nicht als Kontaktperson ersten Grades der Hoffenheimer eingestuft wurde, leuchtet ein. Allerdings sagte Prof. Knobloch auch zur Sportschau: "Wenn wir bei Kontaktsportarten eine Gesicht-zu-Gesicht-Begegnung haben und dabei möglicherweise schwer atmen oder es einen Bodycheck gibt, sodass stoßweise Luft ausgetreten ist, kann es hierbei zu einer Tröpfcheninfektion kommen." Es bleibt die nahezu sichere Vermutung, dass es in naher Zukunft zu vielen weiteren streitbaren Einzelfallentscheidungen kommen wird.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete NDR 2 am 12. November 2020 um 23:03 Uhr.

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