Sportschützen | picture alliance / dpa
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Kontrollen von Waffenbesitzern "Ein Risiko für uns alle"

Stand: 04.10.2022 05:54 Uhr

41,2 Jahre - so lange würde es laut Recherchen von Report Mainz rechnerisch dauern, bis Behörden alle Waffenbesitzer bundesweit einmal kontrolliert haben. Auch die Bilanz der einzelnen Bundesländer ist verheerend - doch es gibt Unterschiede.

Von David Meiländer und Philipp Reichert, SWR

Waffenbesitzer werden in Deutschland kaum kontrolliert. Das geht aus einer Umfrage des ARD-Politikmagazins Report Mainz unter allen Waffenbehörden hervor. Dabei sollen diese seit dem Amoklauf in Winnenden 2009 mit 15 Toten unangekündigt überprüfen, ob Sportschützen und Jäger ihre Waffen sicher aufbewahren. Denn im Fall Winnenden hatte der Täter ohne Probleme die Waffe aus dem Schlafzimmer der Eltern holen können.

Das Ergebnis der Umfrage: 41,2 Jahre - so lange würde es rechnerisch dauern, bis die Behörden alle Waffenbesitzer bundesweit einmal kontrolliert haben. In einigen Bundesländern dauert es im Schnitt sogar mehrere hundert Jahre. Experten sprechen von einem Sicherheitsrisiko.

Große Unterschiede zwischen Bundesländern

Report Mainz hat die 513 Waffenbehörden befragt, wie oft diese ihre Waffenbesitzer im Jahr 2021 kontrolliert haben. Gut die Hälfte machte vollständige Angaben. Dabei gibt es zwischen den Bundesländern deutliche Unterschiede. Im Verhältnis zu den angemeldeten Waffenbesitzern führen die Behörden in Mecklenburg-Vorpommern die meisten Kontrollen durch. Dort würde es acht Jahre dauern, alle zu überprüfen. In Baden-Württemberg wären es 19 Jahre, in Rheinland-Pfalz 94, in Niedersachen 131. Berlin schneidet am schlechtesten ab: Dort sind es 360 Jahre.

Die Berliner Waffenbehörde teilte Report Mainz mit, wegen der Corona-Pandemie habe man die Kontrollen vorübergehend zurückgefahren. Jetzt werde wieder mehr kontrolliert. Doch auch vor Corona wäre ein Waffenbesitzer im Schnitt erst nach mehreren Jahrzehnten kontrolliert worden. Das ergeben Zahlen, die die Behörde ebenfalls mitteilte. Auch andere Behörden verweisen auf die Pandemie.

Gewerkschaft der Polizei: "Ergebnis ist erschreckend"

Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Michael Mertens, bezeichnet das Ergebnis als erschreckend. "Die hohen Kontrollintervalle sind fast schon lächerlich. Da kann ich nur den Schluss ziehen: Die Politik will gar nicht, dass mehr kontrolliert wird." Sonst, so Mertens, würde man mehr Geld in Personal investieren. "Weniger Kontrollen bedeuten ein Sicherheitsrisiko und damit auch ein Risiko für uns alle", so Mertens.

Nach Recherchen von Report Mainz haben einzelne Landkreise allerdings Personal aufgestockt, etwa der Bodenseekreis in Baden-Württemberg. Dort werden die Waffenbehörden seit einigen Jahren durch pensionierte Polizisten unterstützt. Mit Erfolg: Im Jahr 2021 schaffte die Waffenbehörde dort 347 Kontrollen und schneidet so bundesweit mit am besten ab: Bei diesem Tempo würde es viereinhalb Jahre dauern, bis alle Waffenbesitzer kontrolliert wären.

Grünen-Politiker sieht Handlungsbedarf

Angesichts der im Bundesschnitt niedrigen Kontrollintervalle sieht der Grünen-Innenpolitiker Marcel Emmerich dringenden Handlungsbedarf und das auch von der eigenen Ampelkoalition: "Ich halte es für sehr wichtig, dass der Bund die Verantwortung übernimmt und die Länder finanziell und am Ende personell unterstützt", so Emmerich. Nur so könne man sicherstellen, dass die Behörden häufiger kontrollieren. Das Bundesinnenministerium sieht das anders. Eine Sprecherin teilte Report Mainz mit, für den Vollzug des Waffengesetzes und die Aufbewahrungskontrollen seien die Länder zuständig.

Über dieses Thema berichtet die ARD in der Sendung Report Mainz am 04. Oktober 2022 um 21:45 Uhr.