Kreuz vor dunklen Wolken | picture alliance/dpa
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Katholische Kirche Erzdiözese Freiburg tief im Missbrauchssumpf

Stand: 25.10.2022 05:19 Uhr

Ein Bericht zu Missbrauch in der Erzdiözese Freiburg wird wegen rechtlicher Bedenken um sechs Monate verschoben. Das kritisieren viele Opfer. Nach Recherchen von Report Mainz steckt die Diözese tiefer im Missbrauchssumpf als bisher bekannt.

Von Gottlob Schober, SWR

Er weinte, als ihm 1991 die Ehrenbürgerwürde verliehen wurde. 24 Jahre lang war Franz B. Pfarrer im baden-württembergischen Oberharmersbach. Doch hat er in dieser Zeit viele Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht. Ehemalige Messdiener wie Raphael Hildebrandt (51) und Robert Maier (55) macht diese Würdigung bis heute wütend. Beide Opfer haben die Folgen der Übergriffe noch immer nicht verarbeitet. Mit der Veröffentlichung des Freiburger Missbrauchsberichts wollten sie eigentlich mit der dunklen Seite ihrer Vergangenheit abschließen.

Gottlob Schober

Doch diese Hoffnung wurde ihnen durch die Verschiebung des Missbrauchsberichts vorerst genommen. Der Freiburger Generalvikar Christoph Neubrand erklärt die Verzögerung auf Anfrage von Report Mainz mit rechtlichen Gründen: "Wichtig ist für uns, dass der Bericht vollständig ans Licht kommt, dass die systemischen Komponenten, die im Hintergrund einfach auch vermutlich ja da waren, dass das alles genau benannt wird, dass Verantwortliche benannt werden, Verantwortlichkeiten benannt sind. Und da muss die Zeit in diesem Falle einfach zweitrangig sein."

Im Interview mit Report Mainz sagte Hildebrandt: Man habe das Gefühl, dass die Erzdiözese "um jede Minute, um jede Stunde, um jeden Tag" kämpfe, damit der Missbrauchskandal nicht ans Licht komme. Robert Maier wundert sich, dass die Arbeit am Missbrauchsbericht seit mehreren Jahren laufe. Er wisse nicht, "was man da noch alles klären muss, um den zu veröffentlichen".

Neue Enthüllungen von Report Mainz zum Missbrauchsskandal in Oberharmersbach ergeben jetzt ein sehr umfassendes Bild, wie dort vertuscht wurde. Das ARD-Politikmagazin sprach bei monatelangen Recherchen auch mit Opfern und Priestern, die der Arbeitsgruppe für den Missbrauchsbericht Rede und Antwort standen.

"Dieser Mann hat Leben zerstört"

1995 nahm sich Pfarrer Franz B. das Leben. Das war kurz nachdem ihn Hildebrandt wegen sexuellen Missbrauchs bei der Polizei angezeigt hatte. "Dieser Mann hat Leben zerstört, er hat Familien zerstört, er hat Kinder zerstört und das bis heute. Und da bin ich bis heute noch froh, dass ich diesen Weg damals gegangen bin", sagt Hildebrandt. Mit seinem Suizid habe Franz B. entschieden, dass das alles auch verdeckt bleibt und dass er vielleicht auch noch andere Mitwisser deckt".

Mitwisser gab es. Zum Beispiel Robert Zollitsch, ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, damals Personalreferent der Erzdiözese Freiburg. Schon 1992 wusste er von den sexuellen Übergriffen des Franz B. Kurz nach dessen Suizid wollte er den Fall schnell und geräuschlos abschließen. Das belegt ein Brief Zollitschs, der Report Mainz vorliegt: "Nach unserer Auffassung geht es nun darum, den Schaden möglichst zu begrenzen (…) Herr Pfarrer B. ist tot und hat keine Möglichkeit mehr, Stellung zu nehmen oder sich zu wehren. Man sollte ihn in Ruhe lassen."

Robert Zollitsch | Screenshot Report Mainz

Robert Zollitsch war damals Personalreferent in der Erzdiözese Freiburg. Bild: Screenshot Report Mainz

So geschah es. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen gegen Franz B. ein. Die Gemeinde wurde nicht über den sexuellen Missbrauch informiert. So wurde Hildebrandt erneut zum Opfer. Das erzählte er auch der Arbeitsgruppe, die den Freiburger Missbrauchsbericht erstellt. Viele in Oberharmersbach sähen in ihm einen Mörder, weil er den Pfarrer angezeigt habe: "Ich habe bei der Kommission ausgesagt, dass ich Gegenwind bekommen habe und dass es auch zu mir geheißen hat, ich habe den Pfarrer umgebracht." Er sei in manchen Geschäften nicht mehr bedient worden, die auf Seiten des Pfarrers gestanden hätten.

Priester-Kollege spricht von Vertuschung

Auch der inzwischen pensionierte Pfarrer Alfred Haas wurde für den Missbrauchsbericht befragt. Haas stammt aus Oberharmersbach und war ein Kollege von Franz B. Schon 1991 habe dieser ihm bei einem privaten Gespräch den Missbrauch an Messdienern angedeutet. Das war vier Jahre vor der Strafanzeige, die Raphael Hildebrandt stellte.

"Ich war sehr betroffen. Und meine erste Reaktion war, so schnell wie möglich die Platte putzen, bzw. den Ort wechseln, damit hier nichts mehr geschieht. Das war naiv meinerseits", sagte Haas exklusiv im Interview mit Report Mainz. Auf Nachfrage, ob er vertuschen wollte, sagte er: "Vertuschen im Grunde genommen auch, meinerseits. Ich wollte keinen Skandal." Dass er damit einen großen Fehler begangen hat, wurde ihm wenige Monate später klar. Denn auch sein Neffe wurde ein Missbrauchsopfer von Franz B.

Haas informierte daraufhin den damaligen Personalreferenten Zollitsch Anfang 1992 persönlich darüber. Zollitsch bat ihn und das Opfer daraufhin zu einem persönlichen Gespräch. Haas warf ihm damals vor, den Vorwürfen nicht intensiv genug nachgegangen zu sein. "Man wollte das Image wahren", sagte er vor zwölf Jahren im Interview, als Report Mainz bereits darüber berichtete.

Pfarrer Alfred Haas | Screenshot Report Mainz

Er habe keinen Skandal gewollt, sagt der pensionierte Pfarrer Haas. Bild: Screenshot Report Mainz

Mit strengen Auflagen ins Pflegeheim geschickt

Pfarrer Franz B. wurde 1991 in den Ruhestand versetzt, kam in ein Pflegeheim in Titisee-Neustadt, als "Hausgeistlicher", angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Aber mit strengen Auflagen. "Von Anfang an machten wir es Herrn Pfarrer i.R. B. zur Auflage, von sich aus jeglichen Kontakt zu früheren Gemeindemitgliedern zu meiden, unter keinen Umständen aber Kinder oder Jugendliche zu empfangen oder gar einzuladen. Nach alldem, was wir feststellen können, waren auch nie Kinder oder Jugendliche dieses Alters allein ohne Begleitung von Erwachsenen bei ihm", schrieb Zollitisch 1995.

Der Kontakt zu Messdienern war ihm also strikt untersagt. Doch daran habe er sich nicht gehalten, erzählt Missbrauchsopfer Maier. Er selbst habe seinen jüngeren Bruder zu Franz B. ins Pflegeheim gefahren und nach "zwei oder drei Stunden wieder abgeholt". Sein jüngerer Bruder sei also mit dem Missbrauchspfarrer alleine gewesen. Damit hätte Franz B. gegen die Auflagen von Robert Zollitsch verstoßen.

Pfarrer Haas zufolge gab es mindestens ein weiteres Opfer, das Franz B. im Pflegeheim missbraucht hat: Der Vater eines Jungen habe sich ihm bei einem Spaziergang anvertraut. Er habe seinen Sohn mit nach Neustadt genommen, wo der Franz B. viele Dinge mit ihm unternommen habe. Er habe auch erfahren, dass der Junge missbraucht worden sei. Pfarrer Haas erklärte Im Interview mit Report Mainz: Der Vater habe nicht gewusst, dass Franz B. pädophil ist. Franz B. sei als "fürsorglicher Pfarrer" bekannt gewesen. "Deswegen hat er auch gar nichts dabei gedacht."

Kirchenvertreter bitten um Entschuldigung

Das lange Schweigen der katholischen Kirche und die weitere Verschiebung des Missbrauchsberichts belasten Opfer und Angehörige bis heute. Auch deshalb bat Pfarrer Haas in Oberharmersbach um Entschuldigung: "Ich habe gesagt, es war dumm und einfältig von mir, weil ich den Skandal in der Gemeinde, in unserer schönen Pfarrgemeinde, verhindern wollte und mir eben nicht bewusst war, dass ich damit dann auch vertusche und den Opfern nicht helfe."

Der Hauptverantwortliche, Robert Zollitsch, will mit Report Mainz nicht darüber sprechen. Anfang Oktober entschuldigte er sich aber in einem Videostatement bei den Opfern - ohne konkret zu werden. "Ich habe mit meinem damaligen Verhalten und Handeln, Dokumentieren und Entscheiden gravierende Fehler gemacht und die Gefahren - auch von erneutem Missbrauch - verkannt. Das bereue ich von ganzem Herzen. Es tut mir aufrichtig leid."

Ein erster Schritt. Das ganze Ausmaß des Missbrauchs kann wohl erst die Veröffentlichung des Freiburger Berichts zeigen, voraussichtlich Ende April 2023. Damit spiele man auf Zeit, sagt Opfer Hildebrandt, weil "dann mit der Zeit auch manche Opfer nicht mehr leben". Wenn Zollitsch sterbe, gebe es noch eine Person weniger, die wusste, was passiert sei, ergänzt Maier.

Einen Fernsehbeitrag dazu und zu weiteren Themen können Sie im Report Mainz um 21:45 Uhr im Ersten sehen.