Auf einer Schautafel sind verschiedene rechtsextremistische Anschläge aufgeführt.

Rechtsextremismus Feminismus als Feindbild

Stand: 31.10.2019 10:01 Uhr

Für die rechtsextremen Attentäter von Halle, Christchurch und Toronto war auch der Hass auf Frauen ein Motiv. Das werde von der Öffentlichkeit noch zu wenig wahrgenommen, sagen Forscher.

Von Robert Bongen und Katharina Schiele, NDR

Es ist ein Song, der vor Frauenverachtung nur so strotzt: "Hoes suck my dick, while I run over pedestrians", heißt es darin. Auf Deutsch: "Nutten lutschen meinen Schwanz, während ich Fußgänger überfahre." Ein Song, den der Attentäter am Tattag von Halle im Auto laufen ließ, und den er sich offenbar bewusst ausgesucht hatte, um seine Tat zu untermalen.

Nach Panorama-Recherchen handelt es sich bei dem Lied um eine Art Hommage an Alek Minassian, der darin explizit erwähnt wird. Minassian hatte im April 2018 in Toronto mit einem Kleinbus zehn Menschen überfahren, darunter acht Frauen - getrieben vor allem von Hass auf Frauen.

Die Linken-Abgeordnete Anne Helm
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Die Linken-Abgeordnete Anne Helm sieht Verbindungen zwischen Antisemitismus und rechter Frauenfeindlichkeit.

Motiv Frauenfeindlichkeit bislang wenig beachtet

Auch für den Täter von Halle war Frauenfeindlichkeit neben Antisemitismus und Rassismus ein entscheidendes Motiv für seine Tat. Bisher ist dies wenig beleuchtet worden, dabei gab er dies sogar explizit an. So beginnt das Video von seiner Tat, die er live ins Netz übertrug, mit den Worten: "Feminismus ist Schuld an der sinkenden Geburtenrate im Westen, die die Ursache für die Massenimmigration ist. Und die Wurzel dieser Probleme ist der Jude." Eine These, die zunächst unverständlich und krude klingt, die aber in der rechten Szene weit verbreitet ist.

"Dahinter steckt eine Verschwörungstheorie", erklärt die Berliner Linkspartei-Abgeordnete Anne Helm. "Nämlich, dass sich eine sogenannte jüdische Finanzelite, die die Welt regiert, den Feminismus am Reißbrett ausgedacht hat, um Frauen dazu zu bringen, weniger Kinder zu bekommen, um die weiße Rasse zu zerstören und einen Genozid an den Weißen zu verursachen."

Helm war früher bei der Piratenpartei und beobachtet nun seit Jahren für die Linkspartei rechte Radikalisierung im Netz. "Zu begreifen, dass das miteinander zusammenhängt, halte ich für immens wichtig. Erst wenn wir das verstehen, können wir darauf auch möglicherweise rechtzeitig und präventiv reagieren", sagt sie.

Hass auf Frauen auch in Utöya und Christchurch

Helm hat festgestellt, dass der Hass auf Frauen ein verbindendes Element in der Gedankenwelt von rechtsextremistischen Attentätern ist. Auch der Attentäter von Christchurch, der im März in Neuseeland 51 Menschen ermordet hatte und den der Täter von Halle als Vorbild bezeichnet, gab in seinem "Manifest" dem Feminismus die Schuld, dass Frauen nicht genug Kinder bekämen und es deshalb zu einem "Bevölkerungsaustausch" mit den Muslimen komme.

Der Norweger Anders Breivik, der 2011 in Oslo und auf der Insel Utöya insgesamt 77 Menschen erschoss, schrieb: "Das Erstarken des Feminismus bedeutet das Ende der Nation und das Ende des Westens". Frauenfeindlichkeit spielt in Breiviks "Manifest" eine ganz zentrale Rolle: Ganze Absätze schrieb er darüber, dass man sich daran gewöhnen müsse, Frauen umzubringen. Überlebende seines Attentats berichteten, dass sie den Eindruck gehabt hätten, er habe ganz gezielt junge Frauen umbringen wollen.

Eine Imageboard-Seite spiegelt sich auf einem Tisch.
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In den sogenannten Imageboards sind mehrheitlich Männer unterwegs.

Internetforen ohne Tabus als Treffpunkt

Begegnet ist der Täter von Halle solchen Theorien offenbar im Internet. In digitalen Räumen, in denen sich hauptsächlich Männer treffen, so genannten Imageboards. Hier gibt es keine Tabus. - ein Gegenentwurf zur angeblich politisch korrekten Welt.

Der Ton in den Kommentaren ist voller Hass. Alle sind anonym unterwegs, viele nennen sich wie der Täter von Halle einfach "Anon". "8chan" ist so ein "Imageboard", das mal damit warb, "die dunkelste Ecke des Internets" zu sein, und das vom Täter von Halle explizit erwähnt wurde. Seit kurzem ist es offline.

Rechtsextremismusforscher Andreas Hechler
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Für Rechtsextremismusforscher Andreas Hechler wird das Motiv Frauenhass zu wenig wahrgenommen.

Frauen, Ausländer, Juden als Sündenböcke

Der Berliner Rechtsextremismusforscher und Experte für Gender Studies Andreas Hechler sieht in diesen abgeschotteten Räumen eine große Gefahr. "In einem nennenswerten Ausmaß gibt es junge, heterosexuelle Männer, die der Ansicht sind, ihnen stünde etwas zu - etwa eine Freundin -, und die sich benachteiligt fühlen."

Diese kämen dort in bestimmte Kreise, die ihnen sagten: "Ja genau, Schuld daran ist der Feminismus", sagt Hechler. Zugleich beobachtet er in diesen Foren auch einen sehr starken Rassismus. "Da wird geschrieben: Ja, du hast nicht nur keine Freundin, dein Leben sieht auch sonst nicht so gut aus. Schuld daran sind die Ausländer, Schuld daran sind Juden, die das alles irgendwie orchestrieren und managen." Nach und nach bilde sich so ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild heraus.

Die Logik der "unzufriedenen weißen Männer"

Der Hass auf Frauen wirkt demnach also wie eine Einstiegsdroge in den Rechtsextremismus, in diese Welt der Verschwörungen. Der Frust, keine Freundin zu haben, hat auch den Täter von Halle geprägt - und offenbar radikalisiert.

Bei seiner Vernehmung beklagte er, dass Männer wie er auch deshalb keine Frau abbekämen, weil Ausländer sie ihm wegnehmen. Er sei ein "unzufriedener weißer Mann", gab er zu Protokoll. Er war sozial isoliert, oft tagelang im Netz abgetaucht. "Man sollte auch von antifeministischem Terror sprechen", sagt Hechler. Das werde in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen.

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Panorama" am 31. Oktober 2019 um 21:45 Uhr.

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