Hintergrund

Der mutmaßliche Attentäter von Christchurch vor Gericht | Bildquelle: AFP

"Manifest" zu Christchurch Pathos und Rassismus

Stand: 16.03.2019 14:01 Uhr

Nach dem Terroranschlag in Christchurch ist im Netz ein "Manifest" aufgetaucht, das vom mutmaßlichen Attentäter stammen soll. Es ist geprägt von Pathos und Rassismus.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Eine Analyse des "Manifests" legt nahe, dass das Pamphlet durchaus von dem 28-Jährigen stammen könnte. Denn in dem "Manifest" wird unter anderem dargelegt, warum der Anschlag in Neuseeland ausgeführt wurde und warum es angeblich legitim sei, Muslime und sogar Kinder zu erschießen.

Bei dem Anschlag tötete ein Terrorist insgesamt 50 Menschen, darunter mehrere Kinder.

"Weiße Nationen"

Bereits auf der zweiten von insgesamt 74 Seiten beschreibt der Verfasser des Manifests den Kern seiner Ideologie: Die Weltsicht basiert auf der rassistischen Grundannahme von weißen Nationen, Völkern oder einer "weißen Rasse", die aus Europa stamme und zu der sich der Urheber selbst zählt.

Seine Thesen versucht er mit Statistiken zu Geburten zu belegen, nach denen die "weißen Völker" zum Untergang verdammt seien, wenn nicht mehr Kinder geboren würden. Zudem beruft er sich auf typische rechte Verschwörungslegenden, wonach westliche Politiker einen "Bevölkerungsaustausch" anstrebten. Er nennt das "The Great Replacement" - deutsche Rechtsradikale sprechen vom "Bevölkerungsaustausch". Dieser Begriff taucht auch bei AfD-Politikern und den "Identitären" auf, die einen "Großen Austausch" befürchten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hebt der Urheber des "Manifests" als zentrales Feindbild hervor, wie es Rechtsradikale seit 2015 oft tun. Er bezieht sich zudem auf den Ethnopluralismus, der in der heutigen Neuen Rechten prägend ist: Diese Ideologie behauptet, Kulturen und Völker seien geschlossene Kollektive, die durch "Vermischung" zerstört würden. Dass Wanderungsbewegungen und kultureller Austausch die Basis der europäischen Nationen ist, wird ausgeblendet.

Soldatische Männlichkeit

Ebenfalls typisch für Rechtsextremisten ist die soldatische Männlichkeit, die in dem "Manifest" an verschiedenen Stellen deutlich wird: So beschreibt der Verfasser, wie er auf einem Soldatenfriedhof weinen musste, weil diese Männer ihr Leben gegeben hätten, während heutzutage Männer nicht mehr ihr Land oder ihre Frauen gegen "Invasoren" verteidigen würden.

Sämtliche Muslime und nicht-weiße Menschen in westlichen Ländern werden in dem Schreiben als "Invasoren" bezeichnet. Da Kinder zu Erwachsenen würden, seien auch diese legitime Ziele, heißt es. Da andere nicht handeln würden, sei er zur Tat gezwungen, schreibt der Verfasser. Dies sei wichtiger, als selbst eine Familie zu gründen.

Der Urheber versteht sich - ähnlich wie islamistische Selbstmordattentäter - als eine Art Märtyrer, der seinen eigenen Tod in Kauf nehme. Mit seiner Tat wolle er Konflikte polarisieren und so einen "Rassenkrieg" entfachen.

Die Inszenierung von soldatischer Männlichkeit und Männerbünden ist zentrales Kennzeichen rechtsextremer Bewegungen. Das galt für den italienischen Faschismus ebenso wie für den deutschen Nationalsozialismus, fasst die Bundeszentrale für politische Bildung zusammen.

Im Nationalsozialismus wurde die Idealisierung des Männerbundes mit einem Gewalt- und Todeskult verknüpft - genau diese Elemente finden sich auch in dem "Manifest" wieder, wenn der Urheber am Ende schreibt, seine Zeit sei gekommen, er habe den Anschlag für seine "Rasse" ausgeführt, seine Mitkämpfer sehe er in Walhalla, heißt es pathetisch. Der Urheber schreibt, er habe vor dem Anschlag Verbindung zu den "Templerorden" aufgenommen.

Bei einer Schießerei in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch hat es Tote und Verletzte gegeben. | Bildquelle: AP
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Im Manifest wird als Ziel ausgegeben, Terror auch in besonders friedliche Regionen zu tragen.

Kampf und Rassismus

Sollte sich der mutmaßliche Attentäter als Verfasser des "Manifests" erweisen, basieren seine Tatmotive also offenkundig auf auf ideologischen Elementen, wie sie in autoritären und rechtsradikalen Milieus typisch sind: eine Weltanschauung, die von Rassismus und soldatischer Männlichkeit geprägt ist und einen Kampf zwischen den "Rassen" oder Kulturen propagiert. Ähnlich hatte sich bereits der rechtsextreme Terrorist Anders Breivik geäußert, auf den sich das "Manifest" auch bezieht.

Der Attentäter von Christchurch führte die Selbstinszenierung noch weiter aus als Breivik: Er filmte seine Tat mit einer Kamera und übertrug sie live ins Internet - um möglichst viel Angst und Schrecken zu verbreiten. In dem "Manifest" heißt es, der Anschlag sei zunächst gar nicht in Neuseeland geplant gewesen, dort habe der Urheber die Tat planen und dafür trainieren wollen. Doch Christchurch sei dann als Ziel gewählt worden, um den Terror auch in besonders friedliche Regionen zu tragen.

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