Ukrainische Flüchtlinge an der polnisch-ukrainischen Grenze, die überweigend nach Deutschland wollen. | Patrick Walkowiak
Exklusiv

Krieg in der Ukraine Nutzt Tönnies die Not der Flüchtlinge aus?

Stand: 30.03.2022 19:35 Uhr

Der Fleischkonzern Tönnies wirbt an der polnisch-ukrainischen Grenze unter den Geflüchteten Arbeitskräfte für seine Standorte in Deutschland an. Das stößt auf scharfe Kritik.

Robert Bongen und Sebastian Friedrich, NDR

Im polnischen Grenzort Przemyśl verteilt Deutschlands größter Schlachtbetrieb Tönnies Handzettel, mit denen Ukrainer, die vor dem Krieg geflüchtet sind, als Produktionshelfer angeworben werden sollen. Ein solcher Flyer, der vor Ort verteilt wird, liegt dem ARD-Politikmagazin Panorama vor.

Tönnies bestätigt auf Anfrage von Panorama die Anwerbeversuche. Drei Mitarbeiter seien an die polnisch-ukrainische Grenze geschickt worden, damit sie vor Ort den überwiegend weiblichen Kriegsflüchtlingen ein Arbeitsangebot machen können. "Wir bieten elf Euro die Stunde und liegen damit über dem gesetzlichen Mindestlohn", erklärt Tönnies-Sprecher Fabian Reinkemeier. Außerdem werde den Geflüchteten der Transport nach Deutschland und eine Unterkunft angeboten. Die Kosten für die Unterkunft werden vom Gehalt eingezogen, wie dem Handzettel zu entnehmen ist. 

Anwerbe-Flyer von Tönnies für ukrainische Flüchtlingen an der polnisch-ukrainischen Grenze. | Patrick Walkowiak

Anwerbe-Flyer von Tönnies für ukrainische Flüchtlinge an der polnisch-ukrainischen Grenze. Bild: Patrick Walkowiak

Chaotische Zustände in Aufnahmelager

Patrick Walkowiak von der Flüchtlingshilfsorganisation Friends of Medyka hat die Anwerbeversuche im Aufnahmelager in Przemyśl erlebt und mit den Tönnies-Mitarbeitern gesprochen. Diese hätten ihm zu verstehen gegeben, keine kleinen Kinder oder Ältere mitnehmen zu wollen, sondern nur Menschen, die bei Tönnies auch arbeiten können. Walkowiak ist auch das Schreiben mit dem Arbeitsangebot des Unternehmens ausgehändigt worden.

Walkowiak beschreibt die Situation am polnischen Grenzort als chaotisch. Es kämen ständig neue Geflüchtete an, von denen die meisten nach Deutschland wollten. Diese müssten im Aufnahmelager tagelang warten. "Es fehlt an Bussen und anderen Transportmöglichkeiten", so Walkowiak. Die Geflüchteten befänden sich in einer absoluten Notlage und könnten in dieser Extremsituation die Anwerbeversuche gar nicht einordnen, so der Flüchtlingshelfer.

Tönnies: Helfen Flüchtlingen vor Ort

Tönnies' fragwürdigen Anwerbeversuche seien geschmacklos, findet Inge Bultschneider von der Interessengemeinschaft "WerkFAIRträge". Die Initiative setzt sich seit Jahren für die Verbesserung der Arbeits- und Wohnverhältnisse von Migranten in der Fleischindustrie ein. Bis Kriegsbeginn habe sich Tönnies als Putin-Freund bekannt. "Sich am Elend zu bereichern und es als gute Tat zu verkaufen, ist in der Fleischbranche nichts Neues. 2015 bei der Flüchtlingswelle haben wir Ähnliches erlebt", so Bultschneider.

Tönnies kann die Kritik nicht nachvollziehen. "Wir helfen den Kriegsflüchtlingen vor Ort und bieten ihnen eine Zukunftsperspektive", so Unternehmens-Sprecher Fabian Reinkemeier. "Wir bereichern uns nicht an der Not der Flüchtlinge. Das ist eine völlig irre Aussage. Wir tarnen auch nichts als gute Tat."

Dass keine kleinen Kinder oder Ältere mitgenommen werden sollten, bestätigt er nicht. Man habe bereits an zwei Standorten in Deutschland etwa ein Dutzend Geflüchtete aus der Ukraine eingestellt. "Wir haben vereinzelt schon Frauen mit Kindern zu uns geholt, da wir familiengeeignete Unterkünfte auf dem privaten Wohnungsmarkt für sie finden konnten", betont Reinkemeier gegenüber Panorama. Er verweist auch auf das persönliche Engagement des Konzernchefs. Anfang März begleitete Clemens Tönnies einen Transport mit Hilfsgütern für Ukraine-Flüchtlinge in Polen und spendete lange haltbare Wurstkonserven.

Hilfsangebote nur für Arbeitsfähige

Filiz Polat, Migrationsexpertin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, empfindet das Vorgehen des Konzerns als problematisch: "Es ist gut, dass Unternehmen sich für Geflüchtete offen zeigen und ihnen Arbeit anbieten. Aber Menschen, die auf der Flucht sind, noch an der Grenze einen Arbeitsvertrag unter die Nase zu halten, hat etwas Unmoralisches und Würdeloses."

Clara Bünger, flüchtlingspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, kritisiert, dass Tönnies mit den Anwerbeversuchen die Notlage der Menschen ausnutze. "Die Beschränkung seines Hilfsangebots auf Einzelpersonen, die sich verpflichten, in seinen Fleischfabriken zu arbeiten, macht sprachlos."

Tönnies räumt ein, an der Grenze gezielt nach Arbeitskräften Ausschau zu halten. "Momentan liegt der Fokus bei der Anwerbung auf Einzelpersonen", so Tönnies-Sprecher Reinkemeier. "Nur wenn die Flüchtlinge bei Tönnies arbeiten, dürfen sie in unseren Dienstwohnungen untergebracht werden." Die Kommunen seien noch nicht so weit, ausreichend Unterkünfte bereitzustellen.

Staat müsste für ausreichend Transportmöglichkeiten sorgen

Für Clara Bünger von der Linksfraktion ist das eine Ausflucht, schließlich könne Tönnies unabhängig von der Frage der Unterkunft Menschen mit Bussen nach Deutschland bringen lassen. Dort hätten die Geflüchteten das Recht auf eine Unterkunft. Die Linken-Politikerin sieht aber auch die Verantwortlichen in der Pflicht. "Dieser Vorfall unterstreicht, wie wichtig es ist, dass auch von deutscher Seite aus für eine angemessene Infrastruktur, insbesondere für ausreichende Transportmöglichkeiten gesorgt werden muss, damit Geflüchtete gar nicht erst auf die zweifelhaften Angebote von Unternehmern wie Tönnies angewiesen sind."

Flüchtlingshelfer Walkowiak fordert mehr Unterstützung auch von etablierten Hilfsorganisationen. "Es müssen schnell Busse zur Verfügung gestellt werden, um beim Transport der vielen Geflüchteten in der Grenzregion zu unterstützen."