Auf einer Fahne bei einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen steht Querdenker, Berlin | dpa
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Radikalisierung im Netz Brandbeschleuniger Social Media

Stand: 19.07.2021 18:10 Uhr

Soziale Medien haben die Radikalisierung der "Querdenken"-Bewegung beschleunigt. Wie das konkret vor sich geht, zeigen empirische Auswertungen und eine Fallstudie des NDR.

Von Svea Eckert und Caroline Schmidt, NDR

YouTube gilt unter Experten als "Einstiegsplattform" für verschwörungsideologische Inhalte. Trotz Anpassungen trägt der Videoanbieter weiter zur Radikalisierung bei. Das zeigen NDR-Recherchen und Untersuchungen des Centrums für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) für den NDR.

Die hierfür generierten beispielhaften Nutzerinnen und Nutzer klickten sich zuerst automatisiert durch Videos, die besonders häufig innerhalb der Querdenker-Szene geteilt wurden. Die dann anschließend von YouTube vorgeschlagenen Videos enthielten teilweise fragwürdige oder falsche Inhalte. Bei Verschwörungsideologien könne dieser Mechanismus dazu führen, dass Menschen sich weg von sachlicher Aufklärung hin zu Misstrauen und Verschwörungsideologie bewegen, zeigen Studien.

YouTube verändert Stellschrauben

YouTube erklärt dazu auf NDR-Anfrage, man habe allein im vergangenen Jahr mehr als 30 Änderungen am Algorithmus durchgeführt. Dadurch führe dieser jetzt "in deutlich unter einem Prozent der Fälle" zu schädlichen Inhalten. Das Experiment, durchgeführt von CeMAS für das Rechercheprojekt, konnte diese Aussage insofern bestätigen, als dass auf YouTube zusätzlich zu verschwörungsideologischen Videos auch mehrheitlich seriöse Inhalte angeboten wurden.

"Es macht natürlich etwas, wenn neben einem Verschwörungsvideo ein Video mit seriösem Inhalt steht", sagt Datenwissenschaftler Josef Holnburger von CeMAS dem NDR. Das strahle aus. Dadurch könne Desinformation aufgewertet werden und stehe praktisch gleichwertig neben informativen Inhalten.

Großdemos als Rekrutierungschance

Für die "Querdenken"-Bewegung spielt inzwischen der Kurznachrichtendienst Telegram eine bedeutsame Rolle. Eine Auswertung durch CeMAS der besonders reichweitenstarken Telegram Kanäle aus dem "Querdenken"- Milieu zeigt, wie stark diese während der Corona-Pandemie gewachsen sind. Dort spielten vor allem Großdemonstrationen eine Rolle: Teilweise stieg in unmittelbarer zeitlicher Nähe dieser Ereignisse die Zahl der Abonnentinnen und Abonnenten um das Dreifache.

Weg vom "Mama-Content"

Wie sich das konkret auswirken kann, zeigt der Fall von Selina Fullert, der ehemaligen Chefin und Initiatorin von "Querdenken 40", dem Hamburger Ableger der "Querdenken"-Bewegung. Sie rief zum Bahnfahren ohne Maske auf, organisierte zahlreiche "Querdenken"-Demonstrationen, am Ende wurde sie vom Verfassungsschutz beobachtet. Anhand der YouTube-Historie und vieler Interviews konnten NDR-Journalistinnen und Journalisten nachvollziehen, wie sich die damals angehende Verwaltungsfachangestellte der "Querdenken"-Bewegung zuwendete.

Die Auswertung macht deutlich, welche große Rolle die Videoplattform YouTube dafür gespielt hat. Am Anfang der Pandemie habe sie dort abends immer ihre drei, dreieinhalb Stunden dort verbracht, erzählt die 32-jährige Mutter. In ihren Suchen auf der Plattform zeigt sich, wie sie sich abwendet von "Mama-Content" und Wissensinhalten zu Querdenken-711 und namhaften Verschwörungsideologen wie Ken Jebsen.

Gefühlter Kontrollverlust macht anfällig

"Wenn Sie in einer Situation sind, in der Sie das Gefühl haben, dass die Kontrolle verloren geht, und nichts mehr vorhersehbar ist, dann öffnen Sie sich für Ideen, Menschen und Gruppen, die Ihnen schnell wieder das Gefühl von Kontrolle geben", erklärt Konfliktforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld den dahinter liegenden psychologischen Mechanismus.

Über dieses Thema berichtete die ARD am 19. Juli 2021 um 23:05 Uhr.