Ein Regenbogen über der afghanischen Hauptstadt Kabul (Archivbild: 2007) | picture-alliance/ dpa
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LGBTIQ+ in Afghanistan Bundesregierung erteilt Aufnahmezusage

Stand: 28.10.2022 17:08 Uhr

Sie wurden von den Taliban verfolgt, gefoltert und lebten monatelang versteckt. Nun dürfen 25 homosexuelle und transgeschlechtliche Afghanen doch noch nach Deutschland reisen. Bisher hatten sie kaum eine Chance auf Aufnahme.

Von Andrea Brack Peña, NDR

Die Bundesregierung hat 25 homosexuellen und transgeschlechtlichen Afghanen im Rahmen des Brückenprogramms eine Aufnahmezusage erteilt. Zuvor hatten der afghanische Aktivist Ali Tawakoli zusammen mit dem queeren Verein "Rat und Tat" aus Bremen 200 Anträge auf humanitäre Visa beim Auswärtigen Amt gestellt, jedoch keine Antwort erhalten.

Vergangene Woche habe sich das Auswärtige Amt doch noch gemeldet, berichtet Jörg Hutter von "Rat und Tat": "Plötzlich hatten wir eine Mail vom Auswärtigen Amt. Wir waren sehr überrascht", sagt Hutter. Darin: die Aufnahmezusagen für 25 LGBTIQ+ -Aktivisten und Aktivistinnen (lesbisch, gay/schwul, bisexuell, transgeschlechtlich, intersexuell und queer) und auch transgeschlechtliche Personen.

Kriterien offenbar erweitert

Das ist ein Novum. Denn bisher galt für die Vergabe von humanitären Visa der Bundesregierung das Kriterium der Exponiertheit - also die Tatsache, dass Menschen von den Taliban aufgrund ihrer Tätigkeit besonders verfolgt wurden. Dazu zählten Ortskräfte der Bundeswehr und anderer Organisationen, aber auch Aktivisten wie Ali Tawakoli. Transsexuelle hatten so bisher keine Chance auf Aufnahme.

Das Auswärtige Amt bestätigt die Zusagen nicht und verweist darauf, dass es keine Meldungen zum Bearbeitungsstand von Anträgen gebe, räumt indessen aber ein: Da öffentliches Engagement als LSBTI-Verteidigerinnen und Verteidiger in Afghanistan auch schon vor der Machtübernahme der Taliban sehr schwer gewesen sei, sei der Begriff des Engagements weit ausgelegt und bereits öffentliches Auftreten als LSBTI-Person als eine Form von Engagement bewertet worden.

Ali Tawakoli | Andrea Brack Peña

Aktivist Tawakoli hatte sich für die Verfolgten eingesetzt. Bild: Andrea Brack Peña

Gefahr von Folter und Tod

Transgeschlechtliche Menschen mit sehr weiblichen Zügen, erzählt Ali Tawakoli, seien aufgrund ihres Aussehens besonders von den Taliban verfolgt worden. "Sie waren schnell zu erkennen", sagt Tawakoli. Ihnen drohte Folter und sogar Hinrichtung. Daher habe er sich seit Monaten eingesetzt, dass besonders diese Menschen schnell aus Afghanistan rauskommen, so der 30-Jährige.

Mit dem neuen Aufnahmeprogramm der Bundesregierung wird dies künftig für alle verfolgten queeren Afghaninnen und Afghanen gelten. Sie zählen nun wie Ortskräfte oder Aktivisten zu den gefährdeten Gruppen.

Für die 25 LGBTIQ+-Afghaninnen und -Afghanen beginnt nun eine neue riskante Etappe. Sie müssen es sicher aus Afghanistan in eines der Nachbarländer schaffen. Erst von dort aus können sie nach Deutschland geflogen werden. Das kann noch Monate dauern.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. Oktober 2022 um 06:48 Uhr.