Taliban-Kämpfer fahren mit erbeuteten Fahrzeugen durch Kabul. (Foto vom 19. August) | AP
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Fall Kabuls Bundesregierung war Ende 2020 gewarnt

Stand: 28.09.2022 16:38 Uhr

Zur Machtübernahme durch die Taliban galt in Bundesministerien lang eine Erzählung: Niemand konnte den Fall Kabuls so schnell vorhersehen. Vertrauliche Unterlagen dagegen zeigen: Bundeswehr und BND hatten bereits Ende 2020 düstere Szenarien prognostiziert.

Von Florian Flade und Martin Kaul, WDR

Am 01. Dezember 2020 befand sich Deutschland gerade im zweiten Corona-Lockdown. Wie es in Afghanistan weitergehen würde nach dem geplanten Abzug der internationalen Truppen, diese Frage spielte in der öffentlichen Debatte und im politischen Raum damals kaum eine Rolle. Und doch war genau das Thema in der Nachrichtendienstlichen Lage im Kanzleramt, jener geheimen Runde, bei der wöchentlich die Nachrichtendienste der Regierung berichten.

Florian Flade
Martin Kaul

Drei mögliche Szenarien präsentierte der Bundesnachrichtendienst (BND) an jenem Dienstagmorgen. Sie finden sich auf einer bunten Grafik, die als "VS - Nur für den Dienstgebrauch" eingestuft ist. Kurz- bis mittelfristig, so ging aus den BND-Ausführungen hervor, sei eine Phase wahrscheinlich, die die Analysten "Fight & Talk" nannten. Die Taliban würden sich demnach weiterhin an Friedensverhandlungen beteiligen - gleichzeitig aber auch gegen die afghanische Regierung kämpfen.

Emirat 2.0 "eher wahrscheinlich"

Als "unwahrscheinlich" bewertete der BND damals das Szenario einer "inklusiven Republik", also einer Regierung mit Taliban-Beteiligung, für die sich die deutsche Regierung in Afghanistan allerdings einsetzte. "Eher unwahrscheinlich" laut BND auch ein Bürgerkrieg. Das dritte Szenario dagegen skizzierte der Bundesnachrichtendienst schon damals als "eher wahrscheinlich": Die Errichtung eines islamistischen "Emirat 2.0" durch die Taliban.

Genauso kam es später auch - allerdings schneller als es der BND prognostiziert hatte. Die Islamisten übernahmen nicht erst ein oder zwei Jahre später vollständig die Macht in Afghanistan, sondern bereits im August 2021, als sich die damalige Bundesregierung von der Entwicklung überrascht zeigte.

Neue Fragen im Untersuchungsausschuss

Mit einem Untersuchungsausschuss im Bundestag begann nun die parlamentarische Aufarbeitung des chaotischen Endes in Afghanistan, bei dem die Bundesregierung Tausende ehemaliger Ortskräfte im Land zurückließ. An diesem Donnerstag wollen die Abgeordneten dabei auch klären, ob man in der Regierung tatsächlich vom schnellen Sieg der Taliban überrascht sein musste. Lagen der BND oder die Bundeswehr mit ihren Einschätzungen daneben? Oder gab es vielleicht doch entsprechende Warnungen, die auf die katastrophalen Szenarien hindeuteten, wie sie schließlich am Flughafen Kabul wahr wurden? Eine frühere Einschätzung der tatsächlichen Lage hätte womöglich erlaubt, Ortskräfte schon früher nach und nach in Sicherheit zu bringen.

Frühzeitige Warnungen

Nach Recherchen des WDR  gab es rund ein Jahr vor dem Fall von Kabul sogar schon mehrere Meldungen und Lagebilder, in denen vor entsprechenden Szenarien gewarnt wurde, teilweise sogar sehr detailliert. Die Einschätzungen finden sich in Unterlagen der Bundeswehr, des BND und des Bundesinnenministeriums. Darin wird eine erneute Machtergreifung der Taliban und die Errichtung eines "Emirat 2.0" mehrfach als wahrscheinlichstes Szenario prognostiziert.

"Eine Eroberung der Hauptstadt KABUL steht eher am Ende dieses Szenarios, sofern die Sicherheitskräfte, die KABUL absichern, nicht vorher zusammenbrechen und eine zeitigere Einnahme ermöglichen", heißt es etwa in einem Analysepapier vom Militärischen Nachrichtenwesen der Bundeswehr aus dem November 2020 ergänzend zu einer BND-Einschätzung.

Mögliches "Saigon-Szenario"

In anderen Papieren ist zudem die Rede von einem "Saigon-Szenario", das im schlimmsten Fall in Betracht gezogen werden müsse. Das ist ein Verweis auf den hastigen Abzug des US-Militärs aus Vietnam 1973, bei dem zahlreiche Ortskräfte mit Hubschraubern vor der anrückenden nordvietnamesischen Armee gerettet wurden.

Schon im Februar 2020 wiesen auch Experten der Bundeswehr in einer Lageeinschätzung darauf hin, dass die Taliban "weiterhin an ihrem strategischen Ziel der Wiedererrichtung des Islamischen Emirates" festhielten. "Die sukzessive Übernahme der Macht in AFG durch die TALIBAN wird als wahrscheinlich bewertet."

Die Analysten der Bundeswehr gingen damals davon aus, dass es trotz der damals laufenden Verhandlungen zwischen Taliban und US-Regierung in Doha weiterhin zu Kriegshandlungen und Attentaten in Afghanistan komme werde. "Dieses Verhandlungsverhalten entspricht der AFG Mentalität und darf nicht mit westlichen Maßstäben gemessen werden", heißt es in einer Bewertung der Vorgänge.

Dem Parlament die Lage verdeutlichen

Auch dem Parlament müsse man wohl zeitnah verdeutlichen, dass es trotz des Friedensabkommens wohl bald zu wenig erfreulichen Entwicklungen in Afghanistan kommen werde, so die Empfehlung der Bundeswehr-Fachleute. Es sei davon auszugehen, heißt es in einem Schreiben, dass in den kommenden Monaten nacheinander Distrikte und wichtige Städte "an die Taliban fallen und beispielsweise alle Mädchenschulen geschlossen werden".

Die Islamisten verfügten außerdem über ausreichend Ressourcen "um den militanten Kampf gleichzeitig landesweit zu führen", schrieben die Experten vom Militärischen Nachrichtenwesen der Bundeswehr im Dezember 2020 als Ausblick auf die kommenden Monate. Nicht nur in den Provinzen rückten die Taliban Ende 2020 vor.

Auch die Bedrohungslage für die afghanische Hauptstadt Kabul bewertete der BND schon damals als "hoch". Die Bundeswehr sah dies zunächst nicht ganz so drastisch und stufte die Situation eher als "beachtlich" ein, folgte dann aber schnell der BND-Bewertung. Der Einfluss der Taliban sei mittlerweile so groß, so die Analysten, dass diese "auf und in Kabul wirken" könnten.

Wenige Tage bevor die Islamisten dann schließlich vollständig die Macht in Afghanistan übernahmen, sollte der BND erneut seine Einschätzung der Lage abgeben. Bei einer Krisensitzung im Auswärtigen Amt im August 2021 erklärte die damalige Vize-Präsidentin des Dienstes, die Taliban hätten derzeit kein Interesse an einer militärischen Einnahme Kabuls, mit einer Machtübernahme sei erst im September zu rechnen. Mit dieser zeitlichen Prognose dann lag der BND allerdings daneben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Oktober 2021 um 12:10 Uhr in der Sendung "Informationen am Mittag".