Logo und Schrift des Bundeskriminalamtes auf einer Wand mit Schattenwurf
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Organisierte Kriminalität BKA wertet Geheim-Chats aus

Stand: 23.09.2020 06:05 Uhr

Das Bundeskriminalamt wertet Hunderttausende verschlüsselte Chat-Nachrichten des Krypto-Handy-Anbieters EncroChat aus. Ermittler sprechen von einer einmaligen Chance im Kampf gegen Schwerkriminelle.

Von Volkmar Kabisch, Benedikt Strunz und Reiko Pinkert, NDR

Deutsche Ermittler haben nach Informationen des NDR Zugang zu einem brisanten Datensatz erhalten. Es handelt sich um streng geheime Chats, in denen sich mutmaßliche Kriminelle ausgetauscht haben. Sie nutzen dafür speziell präparierte Handys, die mit der Verschlüsselungssoftware EncroChat ausgestattet waren. 

EncroChat-Handys wurden vielfach von Kriminellen verwendet, weil sie als besonders sicher gelten. Die Firma bot ihren Kunden nicht nur eine sichere Software zur Kommunikation an, sondern auch speziell angepasste Handys. Diese sehen aus wie gewöhnliche Telefone. Erst durch Eingabe eines Codes wird eine versteckte Oberfläche sichtbar, darüber läuft die verschlüsselte Kommunikation. Die Mobiltelefone wurden für etwa 1.000 Euro angeboten.

Der Eingang des BKA

Das BKA erhielt die Daten von französischen Behörden.

Rauschgift, Kriegswaffen, Sprengstoffe

Ermittlern der europäischen Polizeibehörde Europol war es Anfang des Jahres gelungen, EncroChat zu hacken und die gesamte Kommunikation des Krypto-Handy-Anbieters mitzuschneiden. Nach Informationen des NDR gibt es auch mehr als 3.000 EncroChat-Nutzer aus Deutschland. Französische Sicherheitsbehörden gaben deshalb bereits vor einigen Monaten mehrere Hunderttausend Chat-Nachrichten an das Bundeskriminalamt (BKA) weiter.

Mittlerweile sind in Deutschland mehrere Landeskriminal- und Zollfahndungsämter mit den Ermittlungen betraut. Das BKA und das Zollkriminalamt (ZKA) bestätigten das Vorliegen der Daten, wollten sich zu Details aber nicht äußern.

Nach Informationen des NDR sollen die in Deutschland vorliegenden Chat-Nachrichten unter anderem Informationen über große Rauschgiftgeschäfte, aber auch über Geschäfte mit Kriegswaffen, Sprengstoffen und anderen illegalen Substanzen enthalten. Teilweise stoße man auf bislang unbekannte Straftaten und Kriminelle, teilweise lieferten die Daten aber auch wichtige Hinweise für bereits laufende Verfahren, sagten Personen, die mit den Vorgängen vertraut sind.

Beleuchtete Tastatur eines Computers vor schwarzem Hintergrund

Das BKA soll in den Chats Informationen zu bislang unbekannten Straftaten und zu laufenden Verfahren gefunden haben.

"Absoluter Glücksfall"

Aufgrund der großen Datenmenge unterstützt die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main die Ermittlungen. Eine Pressesprecherin sagte auf Nachfrage, auf Basis des Datensatzes seien bereits mehrere Ermittlungsverfahren eingeleitet worden.

Der Chef der Drogenabteilung der Holländischen Nationalpolizei, Max Daniel, sagte dem NDR, die Daten, mit denen nun auch die deutschen Behörden arbeiteten, seien ein absoluter Glücksfall: "Die Kriminellen haben sich in diesen Chats absolut sicher gefühlt. Sie reden wirklich sehr offen über Verbrechen, es geht da oft um wirklich bedeutende Namen in der Szene."

Nach NDR-Informationen wurden im Kontext der EncroChat-Ermittlungen unlängst in Hamburg mutmaßliche Hintermänner einer Kokainbande festgesetzt. In Nordrhein-Westfalen wurden mehrere Wohnungen durchsucht, unter anderem wegen möglicher Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Laut Staatsanwaltschaft Köln wurden bei der Aktion auch mehrere Kilogramm Heroin und Kokain sowie Munition sichergestellt, zwei Personen wurden festgenommen.

Mann hält Smartphone in der Hand

Die Kriminellen sollen sich mit speziell präparierten Handys und verschlüsselten Chats absolut sicher gefühlt haben.

Tiefere Einblicke in kriminelle Netzwerke

Mit den Ermittlungen vertraute Personen sagten dem NDR, man hoffe, durch die Chat-Verläufe deutlich tiefere Einblicke in kriminelle Netzwerke in Deutschland zu erhalten, als dies in der Regel möglich sei. Ziel sei es insbesondere an Hintermänner krimineller Netzwerke zu kommen. Die Ermittlungen könnten sich allerdings über Jahre hinziehen.

Einige Monate nach dem Hackerangriff durch Europol hatte EncroChat eine Nachricht an seine etwa 60.000 Kunden gesandt und sie aufgefordert, die Handys zu entsorgen. Kurze Zeit später schlugen Polizei und Zoll in mehreren europäischen Ländern zu, innerhalb kürzester Zeit kam es in den Niederlanden, in Großbritannien, Schweden, Frankreich und anderen europäischen Ländern zu mehr als 1000 Festnahmen. Ermittler konnten Sprengstoff, mehrere Tonnen Drogen, Schusswaffen und viele Millionen Euro Bargeld sicherstellen.

Auftragsmorde verhindert

Besonders erfolgreich waren die Razzien in den Niederlanden. Dort konnten die Ermittler auf Grundlage der abgehörten Chats nicht nur mehrere Auftragsmorde verhindern. Sie stürmten zudem 19 Drogenlabore und stellten mehrere Seecontainer sicher, die zu Folterkammern umgebaut waren. Ermittler gehen davon aus, dass Kriminelle darin Mitglieder einer konkurrierenden Drogenbande quälen wollten.

Jari Liukku, der die Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität bei Europol leitet, sagte dem NDR, der Datensatz sei absolut außergewöhnlich, da er den Ermittlern erlaube "besonders riskante Akteure im Feld der Organisierten Kriminalität und ihre Netzwerke zu identifizieren".

Blick auf die Europol-Zentrale in Den Haag

Ein Europol-Ermittler spricht von einem außergewöhnlichen Datensatz.

Datenschutzrechtliche Bedenken

Was Ermittler als Glücksfall beschreiben, betrachten Datenschützer allerdings mit Skepsis. Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar sagte dem NDR, er habe an die deutschen EncroChat-Ermittlungen zahlreiche Fragen. So müsse dringend sichergestellt werden "dass Zugriffe auf die höchstpersönlichen Kommunikationsinhalte (..) nicht verdachts- und anlasslos erfolgen". Eine Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main erklärte dazu allgemein, dass die Ermittler lediglich solche Daten "aus den Chatinhalten herausgefiltert und zu den Verfahrensakten genommen werden“, die im Zusammenhang mit Straftaten stehen. 

Der Rechtsanwalt Philipp Thiée, der einen Beschuldigten vertritt, erklärte dem NDR, dass derzeit bereits in Frankreich und in Großbritannien überprüft werde, ob die Daten rechtmäßig erhoben worden seien. "Es wird jetzt überprüft werden müssen, welche Beschlüsse dem Hack zugrunde gelegen haben."

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete WDR 5 Morgenecho am 23. September 2020 um 06:48 Uhr.