Russische Botschaft in Berlin | FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX/Shutte
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Nach Ausweisungen Wo sind Russlands Spione?

Stand: 11.05.2022 18:23 Uhr

Mehr als 400 russische Diplomaten mussten Europa seit Beginn des Ukraine-Krieges verlassen. Sie sollen Spione gewesen sein. Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Russland seine Spähaktivitäten anpasst.

Von Florian Flade, WDR

"Ich habe Moskau gesagt, dass du ein guter Junge bist. Jemand mit vielen Freunden", sagt der Mann im Poloshirt, mit Baseball-Kappe und Umhängetasche. Er zieht nervös an seiner Zigarette. Sein Gegenüber, ein Mann im weißen T-Shirt, mit grau melierten Haaren, hört aufmerksam zu. "Moskau hat entschieden, dass du ein Jäger werden sollst." Er solle Informationen beschaffen, vertrauliche Dokumente der NATO etwa. Dann holt der Mann im Poloshirt ein Bündel Geldscheine aus seiner Tasche, 1000 Euro, und gibt sie seinem Gesprächspartner.

Florian Flade

Es ist eine Szene wie aus einem schlechten Agentenfilm, heimlich gefilmt und mitgehört vom Militärgeheimdienst der Slowakei. Mitte März veröffentlichten slowakische Medien das Überwachungsvideo. Es soll zeigen, wie der stellvertretende russische Militärattaché in der Slowakei, der Mann im Poloshirt, einen Spitzel anwirbt. Einen Blogger, der vor allem für verschwörungsideologische und pro-russische Webseiten schreibt.

Ähnliche Anbahnungsversuche soll es bereits zuvor bei einem hochrangigen slowakischen Militärangehörigen gegeben haben. Als Reaktion auf die Spionageaktion hat die Slowakei mehrere russische Diplomaten des Landes verwiesen.

Hunderte mutmaßliche Spione ausgewiesen

Zahlreiche weitere Länder haben seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine das Gleiche getan: Rund 400 russische Diplomaten, bei denen es sich um getarnte Geheimdienstler handeln soll, wurden in Europa in den vergangenen Wochen zu "unerwünschten Personen" erklärt und mussten nach Russland zurückkehren.

Darunter auch 40 Russen, die in Deutschland an der Botschaft in Berlin und den Generalkonsulaten akkreditiert waren.

"Die 40 Angehörigen der russischen Vertretungen in Deutschland, die wir ausgewiesen haben, waren während ihres Aufenthalts in Deutschland nicht einen Tag im Dienste der Diplomatie tätig", hatte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock Ende April erklärt. Die Geheimdienstler hätten "jahrelang und systematisch gegen unsere Freiheit und gegen den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft gewirkt".

Ausgewiesene Diplomaten dürfen nicht ersetzt werden

Vor allem Personen, die als Angehörige des russischen Militärgeheimdienstes GRU und des Auslandsdienstes SWR gelten, wurden vom Auswärtigen Amt ausgewiesen. Auch ihre Familien mussten Deutschland verlassen. In einigen Fällen war zwischenzeitlich erwogen worden, das Aufenthaltsrecht nicht sofort zu beenden, da die Kinder der Spione kurz vor dem Schulabschluss standen.

Die ausgewiesenen Personen dürfen vorerst nicht ersetzt werden, das heißt, die Zahl der russischen Diplomaten insgesamt hat sich hierzulande erheblich verringert.

Moskau muss Methoden anpassen

Der unfreiwillige Abzug von Hunderten, teils sehr erfahrenen, Geheimdienstlern wird als empfindlicher Schlag gewertet. Europäische Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Russland nun seine Spionageaktivitäten anpassen wird, um weiterhin an Informationen aus Politik, Wirtschaft, Militär und Forschung zu gelangen.

Nach Ansicht von Sicherheitsexperten ist davon auszugehen, dass etwa Cyberangriffe zunehmen werden. Sie rechnen vor allem mit Hackerangriffen, die auf Informationen zur Energiepolitik, zu Sanktionen und Rüstungsprojekten zielen. Auch russische Oppositionelle und ukrainische Aktivisten könnten zunehmend ins Visier geraten, warnten jüngst polnische Behörden.

Neben Hacker- und Cyberattacken könnten auch altbekannte Methoden aus Zeiten des Kalten Krieges nun ein Renaissance erleben.

Zukünftig wohl mehr reisende Agenten

Es sei davon auszugehen, heißt es in Sicherheitskreisen, dass Moskau zukünftig vermehrt reisende Spione einsetzen wird, also Personen, die mit gefälschten Identitäten ausgestattet werden und die nur für einen bestimmten Auftrag in ein Zielland reisen.

Im Fall des Giftanschlags auf den ehemaligen russischen Spion Sergej Skripal und seine Tochter in Großbritannien im Frühjahr 2018 soll ein solches Team von reisenden Geheimdienstlern eingesetzt worden sein.

Die eingeschränkten Flugverbindungen zwischen Russland und der EU, die Visa-Pflicht für Russen und die erhöhte Alarmbereitschaft der westlichen Sicherheitsbehörden erschweren solche Operationen. Allerdings, so warnen Sicherheitsbeamte, verfügen russischen Dienste durchaus über logistische Netzwerke, die für konspirative Reisen genutzt werden können.

Mord im Berliner Tiergarten

Welche Bedeutung solche reisenden Spione haben können, die offenbar ohne Verbindung und Kontakt zur russischen Botschaft agieren, zeigt der Fall des Mordanschlags im Kleinen Tiergarten in Berlin im Sommer 2019. Damals erschoss ein russischer Auftragsmörder mit einer Pistole einen Exil-Tschetschenen.

Der Täter, der gefasst werden konnte und inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, hatte sich seinem Opfer mit einem Fahrrad genähert und anschließend versucht mit einem E-Scooter zu fliehen.

Die Berliner Polizei und das Bundeskriminalamt konnten bis heute nicht ermitteln, woher der Mörder das Fahrrad und den Roller hatte. Und auch nicht, wer ihm die Tatwaffe beschafft und das Opfer zuvor ausgekundschaftet hatte. Gefahndet wird noch immer nach einem Mann, der ein Angehöriger des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB sein soll und zeitgleich nach Deutschland gereist war. Er wird verdächtigt, in das Attentat verwickelt zu sein.

Renaissance der Königsdisziplin der Spionage?

In den Sicherheitsbehörden wird auch vermutet, dass Moskau in den kommenden Jahren eine äußerst aufwendige, teure und riskante Form der Spionage wiederbeleben könnte, die als "Königsdisziplin" gilt: das sogenannte "Illegalen-Programm". Einst vom KGB im Kalten Krieg ins Leben gerufen, wird es heute vom Direktorat S des russischen Auslandsgeheimdienst SWR durchgeführt, einer Abteilung für besonders riskante Agenteneinsätze.

Als "Illegale" werden Spione bezeichnet, die mit konstruierten Biografien und Tarnidentitäten in ein Zielland eingeschleust werden, und dort Jahre oder sogar Jahrzehnte aktiv bleiben. Sie verfügen über keinen diplomatischen Status und sind daher auch nicht vor Strafverfolgung geschützt, falls sie auffliegen. Ihre Tarnung besteht meist darin, dass sie ein gutbürgerliches Leben vorspielen, als normales Ehepaar oder Familie von nebenan.

Auch in Deutschland wurden schon "Illegale" entdeckt

Nur sehr selten sind "Illegale" bislang entdeckt worden: Etwa im Sommer 2010, als die US-Bundespolizei einen russischen Spionagering auffliegen ließ und elf Spione festnahm. Kurz darauf wurde auch in Deutschland ein Ehepaar enttarnt, das seit Ende der 1980er Jahre für Moskau gespitzelt hatte. Andreas und Heidrun Anschlag, so die Falschidentitäten des Agentenpaares, wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt und schließlich nach Russland überstellt.

Beim Verfassungsschutz ist man davon überzeugt, dass es weitere "Illegale" in Deutschland gibt. Noch immer werden verschlüsselte Befehle per Kurzwellenfunk aus Moskau übermittelt - und von deutschen Behörden aufgezeichnet. Wer die Empfänger des Agentenfunks sind und was der Inhalt der Funksprüche ist, bleibt fast immer unklar.

Vor einigen Jahren gab es ein gemeinsames Projekt der europäischen Inlandsgeheimdienste, um solchen getarnten Spionen, die in Russland "Wunderkinder" genannt werden, mit großem Aufwand aufzuspüren. Allerdings mit nur mäßigem Erfolg.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. April 2022 um 20:00 Uhr.