Ericsson-Hauptquartier in Stockholm (Archivbild) | via REUTERS
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Netzkonzern Ericsson Schmutzige Geschäfte im Irak

Stand: 27.02.2022 18:08 Uhr

Der Telekomausrüster Ericsson hat jahrelang kriminelle Praktiken seiner Mitarbeiter und Subunternehmer im Irak geduldet. Möglicherweise sind sogar Gelder beim IS gelandet, wie interne Dokumente zeigen, die WDR, NDR und SZ einsehen konnten.

Von Petra Blum und Andreas Braun, WDR, sowie Amir Musawy, Jennifer Johnston, und Benedikt Strunz, NDR

Die Liste der Verfehlungen ist beeindruckend: Korruption, Bestechung, Betrug und Veruntreuung, Verstoß gegen nationale Gesetze und Regulierungen, Bilanzfälschung und Geldwäsche. Das alles fanden interne Ermittler von Ericsson, als sie frühere Geschäfte des schwedischen Konzerns im Irak untersuchten.

Besonders heikel: Man könne auch nicht ausschließen, dass Gelder bei der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) gelandet seien. Der interne Bericht ist im Auftrag von Ericsson selbst angefertigt worden - zahlreiche internationale Medien haben ihn nun unter Führung des Internationalen Konsortiums Investigativer Journalisten (ICIJ) ausgewertet und vor Ort recherchiert. In Deutschland sind NDR, WDR und SZ Teil des Projekts "theEricssonList."

Konzern gibt Verfehlungen zu

Ericsson hatte eine detaillierte Anfrage des ICIJ und seiner Partnermedien nicht beantwortet. Stattdessen gab der Konzern Mitte Februar eine Pressemitteilung heraus, in der er einige Verfehlungen im Irakgeschäft einräumte. Der Chef des Konzerns, Börje Ekholm, gab etwa öffentlich zu, dass Gelder an den IS geflossen sein könnten: "Wir wissen manchmal nicht, wohin das Geld gegangen ist, aber wir sehen, dass Geld verschwunden ist", sagte er über die interne Irak-Ermittlung. Die Aktie des Konzerns ging zwischenzeitlich auf Talfahrt und verlor fast 20 Prozent.

Börje Ekholm | picture alliance / dpa

Ericsson-Chef Ekholm schließt nicht aus, dass Gelder des Konzerns an den IS geflossen sein könnten. Bild: picture alliance / dpa

Es waren lukrative Geschäfte, die Ericsson in den Irak gelockt hatten, etwa der Aufbau von Mobilfunknetzen mit Subunternehmern vor Ort. Zwischen 2011 und 2018 hat der Konzern dort laut eigenen Angaben fast zwei Milliarden Dollar Nettoumsatz eingefahren. Doch das Geschäft im Irak war riskant. Der Irak zählt zu den korruptesten Ländern der Welt. Zudem breitete sich in dieser Zeit auch der "Islamische Staat" aus und überzog das Land mit Terror.

IS-Invasion stoppte Geschäfte nicht

Doch die Verantwortlichen von Ericsson vor Ort wollten deshalb die Geschäfte nicht aufgeben, zu viel stand für den Konzern auf dem Spiel. Als der IS Mitte 2014 die Stadt Mossul einnahm, entschieden ranghohe Manager, dass der Konzern weiter im Irak tätig sein solle. Sich nach der Besetzung durch den IS zurückzuziehen, hätte "das Geschäft zerstört", so zitiert der interne Ermittlungsbericht das Ericsson-Management im Irak zu dieser Zeit.

Zentrum von Mossul | Amir Musawy/NDR

Auch nach der Einnahme von Mossul durch den IS blieb Ericsson in der Stadt präsent. Bild: Amir Musawy/NDR

Mitarbeiter von Subunternehmen gekidnappt

Die Entscheidung hatte Konsequenzen: Wenig später wurden laut internem Bericht mehrere Mitarbeiter eines Subunternehmers von Terroristen gekidnappt. Zwar kamen fast alle schnell wieder frei, doch der Ingenieur und Teamleiter Affan (voller Name der Redaktion bekannt) blieb in Gefangenschaft. IS-Terroristen stellten ihn unter Hausarrest, den er selbst als albtraumhaft bezeichnet.

Laut Ericssons eigenen Untersuchungen meldete sich ein sogenannter Sheik des IS bei Ericsson. Er forderte Geld für jeden Monat, den Ericsson ohne Erlaubnis des IS in Mossul gearbeitet hatte. Insgesamt rund 2,4 Millionen Dollar, so erinnert sich das Entführungsopfer Affan an das Telefonat zwischen dem Sheik und Ericsson. Unklar bleibt, ob Ericsson im Anschluss eine direkte Übereinkunft mit dem IS traf und zahlte. Im internen Ermittlungsbericht steht davon nichts.

Ericsson soll auf Weiterarbeit gedrängt haben

Affan wurde nach rund vier Wochen der Ungewissheit freigelassen - warum, das weiß er bis heute nicht. Der junge Mann, der noch immer an den Folgen seiner Entführung leidet, erhebt gegen Ericsson schwere Vorwürfe: "Für mich ist der Hauptverantwortliche Ericsson, weil das Unternehmen für das Projekt verantwortlich war. Sie haben uns ständig gedrängt, das Projekt fortzusetzen, nicht aufzuhören. Nicht einmal einen Tag. Egal, was es kostet", sagte Affan im Interview mit NDR, WDR und SZ.

Ericsson-Lagerhaus zwischen Erbil und Mossul | Amir Muzawy/NDR

Ericsson betrieb in in Erbil zeitweise ein Lagerhaus. Bild: Amir Muzawy/NDR

Auf eine Nachfrage zum Entführungsfall wollte sich Ericsson nicht äußern. Der schwedische Weltkonzern ist bis heute im Irak tätig und erklärte öffentlich, der Irak sei eines aus einer Reihe von Ländern, wo es erhöhte Risiken für die Sicherheit von Kollegen gäbe, man beobachte das sehr genau.

"Speedway" durch das IS-Gebiet

Die Entführung war nicht der einzige mögliche Berührungspunkt mit dem IS. Den internen Untersuchungsunterlagen zufolge ließ Ericsson über einen Dienstleister im Irak Ausrüstung transportieren. Hierbei soll das Transportunternehmen Ericsson vor die Wahl gestellt haben. Es bot einen "legalen" Weg an, der jedoch an einem Zoll-Checkpoint der irakischen Regierung vorbeiführte, an dem Lkw-Fahrer häufig tagelang warten mussten.

Die zweite Option war der sogenannte "Speedway", ein Umweg am Zoll vorbei, der durch IS-Gebiet führte. Diese Strecke war offenbar nicht nur für die Fahrer gefährlich - da sie sich, Augenzeugen zufolge, vor den Terroristen und vor Beschuss durch die NATO in Acht nehmen mussten. Wer auf dem "Speedway" unterwegs war, musste zudem Wegegeld an die Terrormiliz entrichten.

Transportrouten für Waren im Irak

Verdacht auf Bestechungszahlungen

Ob auf diese Weise tatsächlich Ericsson-Gelder in den Händen des sogenannten "Islamischen Staates" gelandet sind, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Allerdings konnten die internen Ermittler zahlreiche Fahrten mit erhöhten Kosten registrieren. "Die höheren Kosten wurden vermutlich für Bestechung genutzt und Zahlungen an lokale Milizen entlang der Transportroute", heißt es dazu im Bericht. Auch der Ericsson-Chef Ekholm hat inzwischen öffentlich eingeräumt, dass Ericsson möglicherweise für die Transporte an den IS gezahlt habe und fügte hinzu, Terrorfinanzierung sei komplett inakzeptabel und werde von Ericsson nicht geduldet.

Unsaubere Zahlungen waren zumindest an anderer Stelle gelebte Praxis bei Ericssons Geschäften im Irak: Zwischen 2014 und 2017 wurden hunderttausende Dollar beiseitegeschafft. Das Geld floss laut interner Ermittler in Hotels, Restaurants, Boni für Subunternehmer, Partys und persönliche Ausgaben. Ericssons Regeln für den Umgang mit Bargeld wurden dabei regelmäßig gebrochen. Ein Mitarbeiter gab zu, dass fast 10.000 Dollar in wöchentliche "Zigarren-Abende" geflossen seien.

Teure Geschenke

Geschenke an und Gefälligkeiten für Geschäftspartner in der Region waren ebenfalls Teil der Geschäftsmethode. Teure Elektronik, Kunstgegenstände, Luxusgüter wie teure Uhren oder teure Restaurantbesuche listet der interne Bericht auf. Auch mit dem irakischen Verteidigungsministerium hatte Ericsson Geschäfte abgeschlossen, auch hier fanden die Ermittler Geschenke und Flugreisen etwa nach Spanien und Schweden für Repräsentanten des Ministeriums.

Und das waren nicht die einzigen auf Ericssons Kundenliste, die Zuwendungen verschiedenster Art bekamen: Mitglieder einflussreicher kurdischer Familien erhielten lukrative Berateraufträge in Millionenhöhe, nur eine tatsächliche Beratungsleistung dafür fand sich nicht.

Ein strukturelles Problem?

"Wenn Fehlverhalten an so vielen Stellen in einem Konzern und über einen so langen Zeitraum festgestellt werden kann, stellt sich die Frage, ob es hier nur um ein Problem in einem einzelnen Land wie dem Irak und bestimmten Mitarbeitern dort ging oder ob das Unternehmen ein strukturelles, tieferliegendes Problem mit schmutzigen Geschäften hatte", so Herbert Storn vom gemeinnützigen Verein Business Crime Control.

Für Ericsson ist es nicht das erste Mal, dass unsaubere Geschäfte im Konzern aufgedeckt werden. 2019 zahlten die Schweden mehr als eine Milliarde Dollar in einem Vergleich mit dem amerikanischen Justizministerium und der dortigen Börsenaufsicht wegen unlauterer Geschäftspraktiken in mehreren Ländern. Durch Bestechung und Gefälligkeiten an Regierungsmitglieder habe sich der Konzern lukrative Aufträge erschlichen, so der Vorwurf der US-Behörden.

Straffreiheit nur unter Auflagen

Nur unter bestimmten Auflagen wollten die amerikanischen Behörden vorerst von einer weiteren Strafverfolgung absehen: Ericsson musste sich verpflichten, in Zukunft die Regeln einzuhalten und seine internen Kontrollmechanismen zu verbessern. Ein externer Prüfer soll Ericssons Bemühungen außerdem drei Jahre lang überwachen. Ob die jetzt bekannt gewordenen kriminellen Praktiken im Irak diesen Deal nun platzen lassen, wollten die amerikanischen Behörden auf Nachfrage nicht beantworten.

Aus Investorenkreisen verlautete, die US-Behörden seien über die Probleme im Irak informiert worden. Ericsson erklärte, man habe nach der internen Untersuchung zu den Vorfällen im Irak harte Maßnahmen ergriffen und arbeite weiter an Verbesserungen der internen Strukturen. Erst im Oktober 2021 allerdings musste der Konzern eingestehen, dass er teilweise Auflagen aus seinem Vergleich mit den US-Behörden verletzt habe.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. Februar 2022 um 18:00 Uhr.