Ein Konvoi italienischer Armeelastwagen wird bei der Ankunft aus Bergamo entladen und bringt Leichen von Coronavirus-Opfern auf den Friedhof von Ferrara, Italien, wo sie eingeäschert werden.

Corona-Pandemie Noch mehr Todesopfer in Norditalien?

Stand: 28.05.2020 09:49 Uhr

Es waren Bilder wie im Krieg: Militärtransporter voller Särge, Intensivstationen, auf denen Ärzte entscheiden mussten, wer stirbt. Nach Monitor-Recherchen hat es in Italien noch mehr Corona-Tote gegeben als bekannt.

Von Golineh Atai und Niklas Schenk, WDR

"Zusammen schaffen wir das" - das steht unter dem Regenbogen, der heute fast jedes Haus in Nembro schmückt. Die Stadt mit 11.500 Einwohnern in der Provinz Bergamo gilt als ein Epizentrum der Corona-Krise in Norditalien. Die Regenbogen in den Fenstern sollen den Bewohnern Mut machen.

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Mit Transparenten machen sich die Menschen Mut.

Salvatore Mazzola trägt wie alle in Nembro eine Maske. Nur die Tränen in seinen Augen verraten, was er in den vergangenen Wochen durchgemacht hat. "Mein Vater ist gestorben. Nach neun Tagen. Wir haben um Hilfe gebeten. Aber niemand kam." Der Bäcker und Café-Betreiber ist wütend. Wie konnte es dazu kommen, dass sein Vater neun Tage auf eine Behandlung warten musste - bis seine Lunge irreparabel beschädigt war? Warum kam kein Arzt rechtzeitig zu ihm nach Hause? "Unser Gesundheitssystem ist zusammengebrochen", sagt er. "Der Fehler war, dass sie den Leuten erst ganz am Ende geholfen haben - als sie schon gar keine Luft mehr bekamen und die Lungen schwer angegriffen waren."

Mehr als 150 Ärzte gestorben

Aus der Trauer und der Wut ist Misstrauen gewachsen - gegenüber der Regionalregierung und ihrer Gesundheitspolitik. Auch bei Hausarzt Riccardo Munda aus Nembro, der im Februar in die Praxis seines Vorgängers kam, weil dieser krank wurde. 165 Ärzte starben auf dem Höhepunkt des Infektionsgeschehens in Italien. Munda schützte sich mit Masken, die er selbst gekauft hatte. Die Handvoll Masken, die ihm bereitgestellt wurden, schützten schlechter als seine eigenen, sagt er.

"Zwei Lektionen müssen gelernt werden: Das Personal in Krankenhäusern, in Pflegeheimen und Hausarztpraxen hätte durchgetestet und die asymptomatisch Positiven hätten sofort isoliert werden müssen." Doch das geschah zunächst nicht. "Diese Tatsache und die am Anfang fehlende Schutzkleidung führten zu ihrem Tod", schreiben auch drei Ärzte des Krankenhauses Papa Giovanni XXIII in Bergamo in einer Untersuchung.

"Das ist keine normale Grippe"

Claudio Cancelli, Bürgermeister von Nembro, meint: "Das ist keine normale Grippe, keine saisonale Erkrankung gewesen." Cancelli ist studierter Physiker. Um zu verstehen, was genau im März in seiner Gemeinde passierte, schaute er sich zusammen mit dem Mathematiker Luca Foresti die Zahlen der Verstorbenen an. Und machte eine beunruhigende Entdeckung: Es waren weit mehr Menschen in den ersten Monaten des Jahres verstorben als die in der Statistik auftauchenden Covid-19-Opfer seines Ortes.

Bäcker | Bildquelle: Screenshot
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"Niemand kam, um zu helfen" - Salvatore Mazzola hat seinen Vater verloren.

Screenshot | Bildquelle: Screenshot
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Bürgermeister Cancelli appelliert, das Virus dürfe nicht unterschätzt werden.

Die Berliner Charité rechnete die Zahlen durch: Seit 2012 starben im Ort monatlich durchschnittlich zehn Menschen. Allein in diesem März - zum Höhepunkt der Corona-Infektionen - zählte Nembro allerdings 154 Tote. Nur 85 von ihnen gelten offiziell als Corona-Tote. Deshalb gehen die Wissenschaftler davon aus, dass deutlich mehr Menschen gestorben sind als offiziell ausgewiesen - und dass nicht nur in Nembro. Gerade in Altenheimen wurden viele der Toten nicht auf das Virus getestet.

Zahlreiche Ursachen für die Katastrophe

Warum ist die Zahl der Toten hier so exorbitant hoch? Der Leiter des Altenheims, Valerio Polloni, macht dafür unter anderem eine Fehlentscheidung der Regionalregierung verantwortlich: Weil viele der Patienten mit abklingenden milden Symptomen anfangs in Alten- und Pflegeheimen untergebracht wurden, habe sich das Virus unter Hochrisikogruppen schnell verbreiten können. Pollonis Vorgänger hatte sich geweigert, diese Entscheidung in seinem Heim umzusetzen. Von den 87 Bewohnern starben dennoch 37. Der frühere langjährige Direktor der Einrichtung und ein Arzt der Einrichtung erlagen dem Virus.

Friedhof in Bergamo | Bildquelle: Screenshot
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Die Zahl der Toten liegt mutmaßlich noch höher als bekannt.

Nach Ansicht des Bürgermeisters von Nembro ist auch die verspätete Schließung seiner Region für die hohen Todeszahlen verantwortlich. "Jeden Abend in der ersten Märzwoche wäre der richtige Zeitpunkt gewesen. Aber wir haben nichts gehört. Ich rief die Präfektur in Bergamo an, und sie sagten, sie warteten auf Anweisungen aus Mailand oder Rom. Die 'rote Zone' hätte ausgerufen werden müssen, sobald unser Nationales Gesundheitsinstitut das Risiko einer Ausbreitung festgestellt hatte." Eine Monitor-Anfrage an die Regionalregierung dazu blieb unbeantwortet.

Mediziner: Wesentlich mehr Infizierte als bekannt

In Bergamo erlangte Chefarzt Marco Rizzi zum Höhepunkt der Krise traurige Berühmtheit. Die Bilder von der überfüllten Intensivstation seines Krankenhauses gingen um die Welt.

Ein Viertel seiner Belegschaft kam mit dem Virus in Verbindung, erklärt Rizzi. Die Zahl der Infizierten in seiner Region schätzt er auf "mindestens dreimal so viel wie bekannt". Warum es immer noch keine großen, präzisen Datensammlungen dazu gibt, macht ihn nachdenklich. Ohne Daten könne man in der "Fase Due", in der Öffnungsphase, kaum sicher agieren. Und ohne massenhafte Tests und Kontaktnachverfolgungen ganz sicher auch nicht. In punkto Abstriche steht der Brennpunkt Lombardei selbst jetzt noch schlechter da als manch andere Region im Norden, zeigen die Zahlen der Stiftung GIMBE, eines Public Health-Forschungsinstituts.

Nachbarprovinzen nahmen keine Patienten auf

Man hätte Bergamo ganz leicht entlasten können, sagt Rizzi. Im benachbarten Venetien seien viele Intensivbetten frei gewesen. "Selbst in der schlimmsten Phase war es sehr schwer, dort einen Platz für unsere Patienten zu finden." Da habe sicher, mutmaßt Rizzi, die Angst der Nachbarn eine Rolle gespielt, die sich vor einem ähnlichen Notstand fürchteten - und sich abschotteten.

Keine Region in Europa wurde so früh und so heftig vom Coronavirus getroffen wie die Lombardei. Mehr als 15.000 Menschen sind hier schon gestorben. Nembros Bürgermeister Cancelli appelliert deshalb an die Deutschen vorsichtig zu sein. "Man darf das Virus nicht unterschätzen und zu spät reagieren, sonst passieren solche Dramen, wie sie uns passiert sind."

Über dieses Thema berichtete das Erste in Monitor am 28. Mai 2020 um 21:45 Uhr.

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