Ein Teenager tippt auf das TikTok-Logo auf einem Smartphone. | dpa
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Parteien und Social-Media So funktioniert die TikTok-Strategie der AfD

Stand: 29.08.2022 13:28 Uhr

Millionen Menschen nutzen in Deutschland TikTok. Auch Politik findet auf der Plattform immer mehr statt. Laut Recherchen des funk-Formats DIE DA OBEN! weiß das vor allem eine Partei zu nutzen: die AfD.

Von Jan Schipmann, Linda Friese, Constantin Hofsäß und Lennart Glaser

Die SPD bei der Tornado-Challenge, die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann auf dem Tretroller, Markus Söder als Sexsymbol. Im Kampf um Stimmen scheinen sich die Parteien für wenig zu schade. Vor allem nicht, wenn es um eine rare Gunst geht: die der jungen Wählerinnen und Wähler.

Die Videoplattform TikTok hat einen rasanten Aufstieg hingelegt. Vor allem Jugendliche nutzen das soziale Netzwerk des chinesischen Unternehmens ByteDance, viele von ihnen täglich. Der Inhalt besteht großteils aus mehrsekündigen Videos mit tanzenden Teenies, lustigen Challenges, seichter Unterhaltung. In jüngerer Vergangenheit hat aber vor allem ein Aspekt an großer Bedeutung gewonnen: die politische Meinungsbildung.

Auf TikTok bekommt man vor allem Inhalte von Menschen angezeigt, denen man noch nicht folgt, auf der sogenannten For You Page. Ein Vorteil, wenn man seine politischen Botschaften verbreiten will. Fast alle Parteien sind inzwischen mit eigenen Accounts auf TikTok vertreten. Viele davon allerdings nur mit mäßigem Erfolg.

"Gewollt und nicht gekonnt"

Es scheitere in erster Linie an der Authentizität, sagt Kommunikationsberater Martin Fuchs. Die Inhalte der Parteien seien "natürlich gewollt und nicht gekonnt". Es sei der Versuch von Menschen fernab der Zielgruppe, TikTok-affine Inhalte zu erstellen. Das wirke “oftmals nicht wirklich authentisch, nicht wirklich cool, nicht wirklich zielgruppenrelevant”, so Fuchs.

Eine Partei bildet dabei eine Ausnahme: die AfD. Die Rechtspopulisten haben es verstanden, die Plattform für sich zu nutzen. Auf TikTok geht sie in vielerlei Hinsicht einen anderen Weg - und ist damit überaus erfolgreich. Das hat eine Recherche des funk-Formats DIE DA OBEN! ergeben.

Und das, obwohl die AfD selbst keinen offiziellen Parteiaccount auf TikTok mehr besitzt. Im Mai 2022 hat TikTok den Kanal gelöscht - zum völligen Unverständnis der damaligen Vize-Bundessprecherin Beatrix von Storch. Die Löschung sei "ohne Grund und Anlass und ohne Begründung" erfolgt, ließ sie in einer Pressemitteilung verlauten. Bis heute ist der Account nicht mehr aufrufbar.

AfD zeigt Präsenz auf TikTok

Trotzdem verbreitet die AfD weiterhin ihre Inhalte auf TikTok - über eine große Anzahl an Accounts. Diese stammen zwar nicht von der Gesamtpartei selbst, dafür beispielsweise von der AfD-Bundestagsfraktion, von den Fraktionen im Landtag von Nordrhein-Westfalen und des Berliner Abgeordnetenhauses - oder von Abgeordneten selbst. Die Partei zeigt Präsenz: Im Bundestag nutzt keine Partei TikTok intensiver als die AfD. Von den 80 Bundestagsabgeordneten der Partei ist mehr als ein Drittel mit einem eigenen Account vertreten. Im Vergleich: Bei der SPD nutzt die Plattform von den 206 Abgeordneten nicht einmal jeder zehnte. 

Die AfD ist auf TikTok vor allem auf eine Weise erfolgreich: Indem sie sich nicht anbiedert. Im Gegenteil: Sie setzt nicht auf aktuelle Trends, sondern teilt in kurzen Videos Zusammenschnitte aus Reden oder kurze Ansprachen. Dabei greift die Partei vor allem auf Inhalte zurück, die sie zuvor schon auf anderen sozialen Netzwerken genutzt hat, in einer Art Drittverwertung. "Das hat den großen Vorteil, dass man viele Inhalte relativ ressourcenarm produzieren und schnell auf TikTok ausspielen kann", so Kommunikationsberater Martin Fuchs.

Fehlende Transparenz

Die Abrufzahlen der AfD-Videoausschnitte gehen regelmäßig in die Millionen. Dadurch hat die Partei ihren politischen Mitstreitern online einiges voraus. Doch es mangelt an Transparenz. Oftmals wird für die Nutzerinnen und Nutzer nicht deutlich, dass es sich bei den Konten um AfD-Accounts handelt. Vermehrt fehlt innerhalb der Kanalprofile ein Hinweis auf Partei und Funktion. Etwa beim Bundestagsabgeordneten Roger Beckamp, über den man weitere Informationen erst über den Link auf eine externe Seite bekommt. Auf Nachfrage bestätigte Beckamp, dass es sich bei diesem Account um sein Konto handele. 

Auch der sachsen-anhaltische Landtagsabgeordnete Ulrich Siegmund lässt in seiner Biografie Hinweise auf seinen Parteihintergrund vermissen. Nicht einmal sein Name ist dort zu finden, der Account trägt den Namen "@mutzurwahrheit90". Auf Rückfrage bestätigte auch Siegmund die Echtheit seines Accounts. Brisant: Mit seinen knapp 225.000 Followern und mehr als zwei Millionen Likes für seine Videos gilt er als einer der erfolgreichsten deutschen Politiker auf TikTok.

Wirkung mit Drittaccounts

Hohe Reichweiten erzielen AfD-Inhalte auf TikTok aber auch ohne das Zutun von Abgeordneten. Die Partei profitiert von einer Vielzahl inoffizieller Accounts, sogenannter Drittaccounts. Solche Accounts spiegeln Inhalte mit AfD-Kontext, auch offizielle Videoinhalte der Partei. Einen direkten Bezug dementiert die AfD aber. Es bestehe kein Austausch mit Drittaccounts, noch existiere Kontakt zu solchen, teilte die AfD-Pressestelle auf Anfrage mit.

Dennoch sorgen solche Accounts für Reputation auf der Plattform, analysiert Martin Fuchs. "Ein ganz klarer Vorteil dieser Drittaccounts ist, dass sie eine ganz andere Wahrnehmung erzeugen", so Fuchs. "Sie treten nicht mit einem offiziellen AfD-Logo auf, vielleicht auch nicht mit dem schlechten Image der AfD."

Die Tücke solcher Drittkonten: Einige dieser Accounts schrecken nicht vor Falschinformationen und Verschwörungserzählungen zurück. Zum Umgang damit bleibt TikTok vage. Man entferne "Falschinformationen, die erhebliche Schäden für einzelne Personen, unsere Community oder die Öffentlichkeit verursachen können", heißt es in den Community-Richtlinien. Die entsprechenden Videos sind auf der Plattform weiterhin abrufbar.

Im Gegensatz zum offiziellen Account der AfD. Diesen entfernte TikTok von der Plattform. Auf Anfrage teilte TikTok mit, man arbeite "konsequent daran, hasserfülltes Verhalten zu bekämpfen, indem wir Konten und Inhalte entfernen, die gegen unsere Community-Richtlinien verstoßen". 

Die AfD wehrt sich gegen die Sperrung ihres offiziellen Parteikontos durch TikTok. Man habe gegen die Löschung des Accounts rechtliche Schritte eingeleitet, teilte die Partei auf DIE DA OBEN!-Anfrage mit. Da es sich um ein laufendes Verfahren handele, könne man keine weiteren Angaben zu den Gründen der Löschung machen.