Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, spricht bei einer ökumenischen Andacht. | dpa

Vor Woelkis Rückkehr Kirchenkrise und kein Ende in Sicht

Stand: 24.02.2022 17:40 Uhr

Die katholische Kirche in Deutschland steht unter gewaltigem Druck. Ein Hauptakteur der Krise ist Kardinal Woelki, dessen Auszeit demnächst enden soll. Die Freude über seine Rückkehr hält sich in Grenzen.

Von Tilmann Kleinjung, BR

Manchmal geht es in der katholischen Kirche ganz schnell: Ende Januar outeten sich 125 queere Kirchenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter unter dem Hashtag #OutInChurch. Anfang Februar stellte sich die Synodalversammlung in Frankfurt mit großer Mehrheit hinter den Vorschlag, das kirchliche Arbeitsrecht zu reformieren. Und ein paar Tage nach diesem Beschluss war der Würzburger Bischof Franz Jung der erste, der sich diesem Votum des katholischen Reformprozesses ganz offiziell anschloss.

Tilmann Kleinjung

Jung veröffentlichte eine Selbstverpflichtung: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in einer gleichgeschlechtlichen Ehe leben oder die zum zweiten Mal heiraten, müssen in seinem Bistum keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen mehr fürchten. Die Botschaft ist klar: "Die Zeit der Angst ist vorbei."

Für viele Angestellte ist das tatsächlich eine Riesenerleichterung. Denn bislang drohte die Kündigung, wenn die eigene Lebensführung mit den Moralvorstellungen des Arbeitgebers kollidierte. Der Münchner Pastoralreferent Konstantin Bischoff gehört zu den 93 Prozent der Teilnehmer, die sich bei der Versammlung des Synodalen Weg im Februar für eine Novelle des kirchlichen Arbeitsrechts ausgesprochen hatten: "Mein Optimismus ist gerade groß, dass die Dynamik genutzt wird. Mein Eindruck ist, dass die Bischöfe verstanden haben, was hier die Zeit geschlagen hat." Inzwischen haben sich weitere Bischöfe dem Würzburger Beispiel angeschlossen und setzen so das Signal, dass die katholische Kirche gegen alle Unkenrufe doch reformfähig ist.

Präventionskonzepte gehen unter

Der öffentliche Eindruck ist ein anderer. Das Münchner Missbrauchsgutachten hat das Bild einer in jeder Hinsicht reformbedürftigen Institution bestätigt. Anwälte hatten im Auftrag des Erzbistums München herausgefunden, dass in den vergangenen Jahrzehnten Missbrauchstäter geschont und ihren Opfern nicht geglaubt wurde. Der Missbrauchsskandal als Führungsversagen auf allen Hierarchieebenen: Immer wenn eine Studie diesen Befund erhärtet, entsteht der Eindruck, dass "sie es nicht können". Je schonungsloser die Kirche die eigene Vergangenheit aufarbeitet, desto größer wird die Vertrauenskrise.

Dabei hat die katholische Kirche seit 2010 vorbildliche Präventionskonzepte entwickelt - sie verfolgt weitgehend eine Null-Toleranz Politik bei Missbrauchsverdacht, Bischöfe lernen dazu. Doch das geht im Sturm der Entrüstung oft unter. PR-Manager würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, denn jedes Bistum organisiert die Aufarbeitung selbst. Und so erhält die öffentliche Empörung über die Kirche stets neue Nahrung.

Die Mitglieder laufen weg

Nächster Termin: Am 1. März wird eine Auswertung des Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Berlin veröffentlicht. Da geht es um die Amtsführung der Erzbischöfe. Und im September soll eine Studie für das Bistum Trier vorgelegt werden. Mit positiven Schlagzeilen ist nicht zu rechnen. Die Standesämter und Amtsgerichte werden weiter überrannt von Menschen, die ihrer Kirche ein für alle Mal den Rücken kehren wollen, im Sommer wird die neue Mitgliederstatistik veröffentlicht. Und zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik könnte die Zahl der Christen, die Mitglied in einer der beiden großen Kirchen sind, weniger als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

Im Erzbistum Köln wird die Kirchenkrise besonders offensichtlich. Hier findet gerade ein Massenexodus statt, meldet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". In der Stadt Köln habe sich 2021 die Zahl der Kirchenaustritte im Vergleich zu 2019 praktisch verdoppelt. Niemand zweifelt daran, dass das etwas mit der Amtsführung von Kardinal Rainer Maria Woelki zu tun hat. Hier hat die Auseinandersetzung um ein Missbrauchsgutachten zur denkbar größten Entfremdung zwischen dem Erzbistum und seinem Erzbischof geführt. Eine Trennung auf Zeit sollte die Beziehung retten. Doch nun, da das Sabbatical Woelkis am kommenden Aschermittwoch ausläuft, wird deutlich: Die Auszeit hat nicht zur Befriedung beigetragen.

Woelki "bei einer großen Mehrheit nicht willkommen"

Praktisch alle wichtigen Gremien und Stimmen im Erzbistum sprechen sich gegen eine Rückkehr des Kardinals aus. Der hat seinerseits angekündigt, auf den ersten öffentlichen Gottesdienst am Aschermittwoch zu verzichten. Er wolle nicht, "dass dieses wertvolle Ereignis von den aktuellen kirchenpolitischen Spannungen überschattet wird". Gleichzeitig will Woelki mit dem Tag seiner Rückkehr eine Pressemitteilung und einen Hirtenbrief veröffentlichen.

Nach freiwilligem Rückzug vom Amt klingt das nicht, obwohl selbst Kollegen dem Kölner Erzbischof diesen Schritt dringend nahegelegt haben. Kardinal Jean-Claude Hollerich aus Luxemburg empfiehlt den Rücktritt, da Woelki "bei einer großen Mehrheit nicht mehr willkommen" sei. "Ich kann nicht sagen, was er tun soll. Aber wenn es mir so ergehen würde, würde ich meinen Rücktritt einreichen."

Woelki gegen den "Synodalen Weg"

In zehn Tagen treffen sich Deutschlands Bischöfe zu ihrer Frühjahrsvollversammlung im fränkischen Wallfahrtsort Vierzehnheiligen. Es könnte sein, dass das der erste öffentliche Auftritt Kardinal Woelkis nach seiner Rückkehr wird. Auch in diesem Kreis wird sich die Freude über die Rückkehr des Kardinals in Grenzen halten. Denn Woelki gilt nicht nur als einer der Hauptfaktoren für die Kirchenkrise in Deutschland. Er ist auch in der Bischofskonferenz ein Außenseiter, Sprachrohr einer kleinen Gruppe von Bischöfen, für die der "Synodale Weg" ein Irrweg ist.

Woelki sieht in den diskutierten Reformvorschlägen nicht das Heil der Kirche, und es ist fraglich, ob er die beschlossenen Reformen in seinem Bistum umsetzen würde. Doch zuerst muss die Frage geklärt werden, ob er sie überhaupt umsetzen muss. Wird er tatsächlich nach Köln zurückkehren? Auch in Personalfragen kann es in der katholischen Kirche manchmal ganz schnell gehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Februar 2022 um 23:59 Uhr.