Hand hält HIV-Test | Bildquelle: dpa

Welt-AIDS-Tag "Die Angst vor der Angst der anderen"

Stand: 01.12.2019 06:56 Uhr

Dank moderner Medizin haben HIV-positive Menschen heute eine normale Lebenserwartung. Ihr Alltag ist jedoch häufig von Stigmatisierung und Vorurteilen geprägt. Eine Betroffene erzählt.

Von Joana Ekrutt für tagesschau.de

Mit Ende 20 erhielt Sabrina Beul die Diagnose: "HIV-positiv". Damals, Ende der 1980er-Jahre, kam das in den meisten Fällen noch einem Todesurteil gleich. Heute gibt es Medikamente, mit denen das HI-Virus im Körper unterdrückt werden kann. Betroffene haben dadurch eine normale Lebenserwartung und die Chance auf ein normales Leben. Doch "normal" ist das Leben mit einer HIV-Infektion trotz jahrelanger Aufklärung und medikamentöser Therapien auch heute nicht.

"Es ist die Angst vor der Angst der anderen, die HIV-Infizierte depressiv und kaputt macht", sagt Beul. "Diese Angst ist größer als die vor dem Virus." Stigmatisierung und Anfeindungen bestimmten häufig den Alltag von Betroffenen. Anlässlich des Welt-AIDS-Tags 2019 haben sich daher auch das Bundesministerium für Gesundheit, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die Deutsche Aidshilfe und die Deutsche AIDS-Stiftung mit der gemeinsamen Aktion "Vorurteile streichen" das Ziel gesetzt, Unsicherheiten und Vorurteile gegenüber Menschen mit HIV weiter abzubauen.

Sabrina Beul | Bildquelle: <Sabrina Beul>
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Die Hamburgerin Sabrina Beul geht offen mit ihrer HIV-Infektion um. Sie sitzt im Aufsichtsrat der AIDS-Hilfe Hamburg und setzt sich für Betroffene ein.

Wie flächendeckend die Vorurteile gegenüber HIV-positiven und an AIDS erkrankten Menschen in Deutschland sind, wurde zuletzt 2017 von der BZgA in einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung untersucht. Demnach haben mehr als ein Viertel der über Tausend Befragten Bedenken, mit HIV-positiven Menschen dieselbe Toilette zu benutzen. Dasselbe Geschirr zu benutzen bereitet mehr als einem Drittel Sorgen und fast jeder Zweite findet es besorgniserregend, von einem HIV-positiven Menschen angehustet zu werden. Bedenken, die schon immer unbegründet waren, denn das HI-Virus ist nur äußerst schwer übertragbar. Bei alltäglichen Begegnungen, wie Anhusten oder Benutzen derselben Toilette ist es gar nicht übertragbar, betont die Deutsche Aidshilfe auf ihrer Internetseite.

Frühzeitig erkannt und korrekt therapiert liegt das HI-Virus bei infizierten Personen sogar "unter der Nachweisgrenze". Das bedeutet, dass es im Blut nicht mehr nachweisbar ist und somit laut aktueller Forschung beispielsweise auch beim ungeschützten Geschlechtsverkehr nicht mehr übertragen werden kann.

Wohnortwechsel nach Mobbing

"Die Reaktionen aus der Umwelt sind für Betroffene absolut nicht kalkulierbar", sagt Kristel Degener, Vorstandsvorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung. Die 45-Jährige ist seit August 2018 im Amt. "Als ich mit meiner Arbeit begonnen habe, war ich sehr bestürzt darüber, dass das Thema immer noch mit so vielen Vorurteilen belegt ist."

Seit 1987 unterstützt die Stiftung Menschen mit HIV in individuellen Notlagen und fördert nationale und internationale Projekte zur Teilhabe und Integration. Degener glaubt, dass in den vergangenen Jahren nicht genug über das Thema AIDS gesprochen wurde. "Fakt ist, dass HIV und AIDS noch immer nicht heilbar sind und sich jeden Tag Menschen mit dem Virus infizieren. Das müssen wir uns regelmäßig in Erinnerung rufen."

Aufklärung und Prävention seien das A und O, so Degener. "Es geht schließlich darum uns und andere zu schützen und Vorurteile abzubauen." Vorurteile, die sogar noch weit über das Meiden von Betroffenen hinausgehen können: Degener kennt von HIV betroffene Familien, die aufgrund von Mobbings den Wohnort wechseln mussten oder Menschen aus AIDS-Wohnprojekten, die beleidigt und bespuckt wurden.

Dr. Kristel Degener | Bildquelle: Barbara Frommann
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Kristel Degener ist seit 2018 Vorstandsvorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung.


Schwierigkeiten bei Arztterminen

Auch Beul erfährt noch diskriminierende Situationen in ihrem Alltag. Erst kürzlich habe sie gesehen, wie Bekannte eine Tasse weggeschmissen hätten, aus der sie vorher getrunken hatte. "Das tut schon weh", sagt Beul. Auch von den Schwierigkeiten für HIV-Infizierte einen Arzttermin zu bekommen, weil danach alles desinfiziert werden müsse, weiß Beul zu berichten: "Da frage ich mich schon, ob nach anderen Patienten nicht desinfiziert wird?" Und auch Degener, die solche Fälle kennt, betont: "Die medizinisch vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen, die für jeden Patienten gelten, reichen völlig aus."

Beul hat nach all den Jahren einen Weg gefunden, mit solchen Situationen umzugehen: Sie konfrontiert ihr Gegenüber mit dessen Vorurteilen, um diese abzubauen. Dass nicht jeder diese Kraft besitzt weiß die Hamburgerin, die sich seit Jahren für Betroffene einsetzt. Seit 2006 vertritt die 61-Jährige im Aufsichtsrat der AIDS-Hilfe Hamburg den Fachbeirat "Leben mit HIV".

Tausende wissen nicht, dass sie HIV-positiv sind

Die Stigmatisierung von HIV-Infizierten birgt auch schwerwiegende Folgen für das Neuinfektionsrisiko - nämlich dann, wenn es dazu führt, dass sich Menschen aus Angst oder Scham gar nicht erst testen lassen. "Es gibt in Deutschland noch über 10.000 Menschen, die nicht wissen, dass sie infiziert sind", so Degener. "Deshalb ist es für uns auch so wichtig, Aufklärung zu betreiben und zum Beispiel auf niedrigschwellige Angebote wie Selbsttests hinzuweisen."

Beul kennt auch Menschen mit einer HIV-Diagnose, die aus Angst vor sozialer Ausgrenzung lieber anonym bleiben und selbst ihre Familien nicht einweihen. Für sie selber wäre das völlig ausgeschlossen: "Ich hätte gerne noch ein Leben vor dem Tod."

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk am 06. November 2019 um 06:20 Uhr und Deutschlandfunk Nova am 29. November 2019 um 12:10 Uhr.

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