Angela Merkel und Malu Dreyer während einer Pressekonferenz zur Hochwasserkatastrophe | REUTERS

Merkel besucht Flutgebiete "Wir stehen an Ihrer Seite - Bund und Land"

Stand: 19.07.2021 04:14 Uhr

Kanzlerin Merkel hat sich in der Eifel ein Bild von der Flutkatastrophe gemacht. Sie sprach von "gespenstischen Bildern". Zusammen mit Ministerpräsidentin Dreyer versprach sie schnelle Hilfen und mahnte mehr Klimaschutz an.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bei ihrem Besuch in den vom Hochwasser schwer getroffenen Gebieten in Rheinland-Pfalz schnelle Hilfe angekündigt. "Wir stehen an Ihrer Seite - Bund und Land", sagte sie in Adenau im rheinland-pfälzischen Kreis Ahrweiler. Sie sei gekommen, um sich ein reales Bild von den surrealen, "gespenstischen Bildern" vor Ort zu machen, sagte Merkel.

Man sehe, mit "welcher Gewalt die Natur agieren kann". Merkel versprach mehr Anstrengungen beim Klimaschutz. "Wir werden uns dieser Naturgewalt entgegenstemmen - kurzfristig, aber auch mittel- und langfristig." Es bedürfe einer Politik, "die die Natur und das Klima mehr in Betracht zieht, als wir das in den letzten Jahren gemacht haben".

"Schritt für Schritt in Ordnung bringen"

Bund und Land würden nun gemeinsam handeln, "um die Welt Schritt für Schritt in Ordnung zu bringen in dieser wunderschönen Gegend", sagte Merkel. Am Mittwoch werde das Kabinett in Berlin ein Programm für schnelle Hilfe verabschieden. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hatte hierfür bereits die Summe von 300 Millionen Euro genannt.

Die Kanzlerin versicherte, neben schneller Hilfe werde der Bund langfristig Unterstützung leisten. Sie werde Ende August wiederkommen - "damit wir das Langer-Atem-Haben deutlich machen". 

"Werden nicht ruhen, bis die Menschen gefunden werden"

Begleitet wurde die Kanzlerin unter anderem von der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Wie zuvor schon Merkel, bedankte auch sie sich ausdrücklich bei den Einsatzkräften und den Lokalpolitikern vor Ort. Heute will Bundesinnenminister Horst Seehofer in die Region reisen.

Sie gehe von einem "Kraftakt auf lange, lange Zeit" aus, bis der Wiederaufbau in den betroffenen Gebieten bewältigt ist, so Ministerpräsidentin Dreyer. "Es wird lange dauern, bis die Leute wieder sagen können: Ich erkenne meine Heimat wieder", sagte sie. Vorrang habe nun die Suche nach den noch immer Vermissten. "Wir werden nicht ruhen, bis die Menschen, die vermisst werden, gefunden werden", versprach sie.

Laschet lobt Hilsbereitschaft

Ähnlich äußerte sich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet am Abend in einer Fernsehansprache im WDR. Er lobte die "beispiellose Hilfsbereitschaft" der Menschen und kündigte schnelle Hilfen an - in Absprache mit dem Bund und den Kommunen.

Der CDU-Kanzlerkandidat forderte zudem mehr Vorsorge gegen Extremwetter und bekräftigte: Häufigkeit und die Wucht solcher Katastrophen seien auch eine Folge des Klimawandels. "Den müssen wir hier und weltweit schneller und konsequenter bekämpfen."

Verdächtige nach Plünderungen festgenommen

Er erinnerte auch an den in Altena getöteten Feuerwehrmann. "Er ist ein Held", sagte Laschet. Er stehe stellvertretend für die Tausenden, die jeden Tag ihren Dienst tun und Leib und Leben riskieren. Der Feuerwehrmann war am Mittwochnachmittag in Altena - einer Stadt im Märkischen Kreis - nach der Rettung eines Mannes ins Wasser gestürzt und ertrunken.

Laschet erklärte außerdem, dass nach Plünderungen in Eschweiler bei Aachen drei Verdächtige in Untersuchungshaft sitzen. Eschweiler ist besonders hart von den Auswirkungen des Hochwassers betroffen. "Es macht mich daher wütend, wenn ich höre, dass gerade jetzt Menschen in ihre verwüsteten Häuser zurückkehren und feststellen, dass Plünderer das wenige gestohlen haben, was ihnen noch geblieben ist", sagte der Ministerpräsident.

Mindestens 159 Todesopfer

Bei der schwersten Hochwasserkatastrophe in Deutschland seit Jahrzehnten wurden viele Häuser zerstört. Brücken, Straßen und Bahnstrecken liegen in Trümmern. In vielen von der Flut schwer getroffenen Gebieten dauert die Suche nach Vermissten weiter an. Es wird damit gerechnet, dass die Zahl der Todesopfer weiter steigt.

Bisher kamen allein im rheinland-pfälzischen Kreis Ahrweiler nach Polizeiangaben mindestens 112 Menschen ums Leben, 670 wurden verletzt. In Nordrhein-Westfalen lag die Zahl der bestätigten Todesopfer bei 46. Bei den Überflutungen in Bayern starb mindestens ein Mensch.

NRW: Polizei erreicht mehr als 700 Vermisste

In Nordrhein-Westfalen konnte Polizei inzwischen mehr als 700 Vermisste telefonisch erreichen. Damit sei eine Vielzahl der Vermisstenmeldungen, die bei der Polizei Köln eingegangen waren, aufgeklärt, teilte die Polizei mit.

Rund 250 Einsatzkräfte der Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr und des Technischen Hilfswerks waren am Sonntag im Rhein-Sieg-Kreis und im Kreis Euskirchen im Einsatz, um nach weiteren Vermissten zu suchen. Derzeit werden laut Polizei in der Region noch etwa 150 Menschen vermisst. 

Suche nach Angehörigen in Erftstadt

Auch im schwer getroffenen Erftstadt westlich von Köln suchten zahlreiche Menschen nach ihren Angehörigen. Am Samstag lag die Zahl der Gesuchten bei 59. "Es konnten zum Glück schon einige gefunden werden", sagte ein Sprecher des Rhein-Erft-Kreises.

Nach Einschätzung von Experten besteht in der Nähe einer Abbruchkante weiterhin akute Lebensgefahr, wie Landrat Frank Rock nach einem Gespräch mit den Fachleuten mit. Die Stabilität des Untergrunds müsse weiter überprüft werden. Eine abschließende Einschätzung sei noch nicht möglich.

Kramp-Karrenbauer bei Soldaten: "Alle sind tief betroffen"

Auch Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer war am Sonntag in das Hochwassergebiet gereist. Sie zeigte sich bei einem Besuch in Erftstadt bestürzt. "Es fehlen mir ein bisschen die Worte", sagte die CDU-Ministerin dem WDR. Sie habe mit Soldatinnen und Soldaten gesprochen, die vor Ort im Hilfseinsatz seien. Darunter sehr einsatzerfahrene. "Alle haben mir gesagt, so etwas wie hier haben sie noch nie erlebt, alle sind tief betroffen", sagte Kramp-Karrenbauer.

Insgesamt sind derzeit rund 800 Soldaten mit etwa 110 Fahrzeugen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zur Unterstützung unterwegs. Die große Herausforderung für die nächsten Tage werde sein, bei der Wiederherstellung von Infrastruktur abzuklären, wo die Truppe helfen könne.

Unwetterschäden an 600 Kilometern Bahngleisen

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zufolge wird das endgültige Ausmaß der Infrastrukturschäden erst nach weiteren Räumungsarbeiten zu beurteilen sein, sagte Scheuer der "Passauer Neuen Presse" und dem "Donaukurier".

Auch Prognosen zur Freigabe von Bahnstrecken seien "erst nach ausgiebiger Schadensbegutachtung möglich, die aufgrund der komplizierten Lage vor Ort aber nur langsam voranschreiten". Nach Angaben der Deutschen Bahn zeigt ein erstes Lagebild, dass es in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz "massive Beschädigungen" an 80 Stationen und Haltepunkten sowie an Gleisen auf mehr als 600 Kilometern Länge gebe.

Bauarbeiten an Autobahnen werden Monate dauern

Auch Autofahrer auf den Autobahnen 1 und 61 im Süden Nordrhein-Westfalens müssen sich noch monatelang auf Beeinträchtigungen einstellen. Bei Erftstadt und Swisttal hatten die Wassermassen Teile der Fahrbahn weggerissen. Die Schadensbegutachtung laufe noch, erst danach könnten die Bauarbeiten beginnen, sagte ein Sprecher der Autobahngesellschaft des Bundes. Wie lange die Reparatur dauern werde, könne er nicht sagen. Sehr wahrscheinlich geht es aber um mehrere Monate.

Bis auf Weiteres gelten Vollsperrungen auf der A1 zwischen dem Autobahndreieck Erfttal und der Anschlussstelle Hürth in der einen Fahrtrichtung und in der anderen Fahrtrichtung vom Kreuz Köln-West bis nach Erfttal, wie die Autobahngesellschaft mitteilte. Die A61, die sich bei Erftstadt mit der A1 verbindet, ist in beiden Fahrtrichtungen zwischen den Autobahnkreuzen Kerpen und Meckenheim voll gesperrt.

Mobilfunk stabilisiert sich langsam

Telekommunikationsunternehmen kommen beim Wiederaufbau der Netzversorgung indes voran, nachdem der Mobilfunk in den Hochwasser-Regionen teilweise ausgefallen war. Von den rund 150 betroffenen Stationen seien inzwischen wieder zwei Drittel in Betrieb, sagte ein Sprecher des Netzbetreibers Telefónica (o2).

Die Deutsche Telekom teilte mit, dass inzwischen mehr als die Hälfte ihrer zunächst ausgefallenen Mobilfunk-Standorte wieder am Netz seien. "In vielen Orten ist eine Grundversorgung mit Mobilfunk wieder gewährleistet", heißt es. Insgesamt seien im Telekom-Mobilfunknetz durch die Unwetter etwa 130 Standorte in den Krisenregionen in NRW und Rheinland-Pfalz ausgefallen. Im Festnetz sei die Lage noch nicht genau zu beziffern. "Es gibt Orte, in denen eine komplett neue Infrastruktur aufgebaut werden muss."

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