Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Daniel Gyamerah bei einer Diskussionsveranstaltung über Rassismus | MAJA HITIJ/POOL/EPA-EFE/Shutters

Steinmeier zu Rassismus "Antirassismus lernen, üben und leben"

Stand: 16.06.2020 19:42 Uhr

Benachteiligt bei der Wohnungssuche oder der Schulempfehlung: Bei einer Diskussionsveranstaltung bekam der Bundespräsident von schwarzen Deutschen zu hören, wie vielfältig Rassismus ist. Und er hatte eine Botschaft

Von Franka Welz, ARD-Hauptstadtstudio

Am Anfang stand ein Appell an die weiße Mehrheitsgesellschaft: "Es reicht nicht aus, 'kein Rassist' zu sein. Wir müssen Antirassisten sein!" Rassismus in jeder Form sei ein Feind der Demokratie, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Begrüßung. "Antirassismus muss gelernt, geübt und vor allem gelebt werden."

Franka Welz ARD-Hauptstadtstudio

Lernen wollte offenkundig auch der Bundespräsident und hatte sich fachkundige Diskussionspartner eingeladen. Den ehemaligen Fußballnationalspieler Gerald Asamoah, der sich eine nachhaltigere Debatte wünscht: "Ich habe das Gefühl, dass wenn gerade etwas passiert, wir viel darüber reden. Aber in zwei oder drei Wochen ist das Thema erledigt."

Unter den Diskussionsteilnehmern waren außerdem die Hamburger Lehrerin und Bildungsaktivistin Gloria Boateng - die keine Verbindung zu den Fußballprofis hat, sondern schlicht einen häufigen ghanaischen Nachnamen, die Berliner Schülerin Vanessa Tadala Chabvunga und Daniel Gyamerah vom Thinktank "Citizens for Europe".

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (2.v.r) spricht mit seinen Gästen, dem ehemaligen deutschen Fußballnationalspieler Gerald Asamoah (l-r), der Lehrerin Gloria Boateng, der Schülerin der Berliner Jüdischen Schule Moses Mendelssohn, Vanessa Tadala Chabvunga und Daniel Gyamerah, Leiter der Abteilung "Advocating for Inclusion" der Berliner Denkfabrik "Bürger für Europa", während einer Diskussionsrunde über die Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung im Schloss Bellevue. | dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (2.v.r) und seine Gäste, der ehemalige deutsche Fußballnationalspieler Gerald Asamoah (l-r), die Lehrerin Gloria Boateng, die Schülerin der Berliner Jüdischen Schule Moses Mendelssohn, Vanessa Tadala Chabvunga und Daniel Gyamerah, Leiter der Abteilung "Advocating for Inclusion" der Berliner Denkfabrik "Citizens for Europe". Bild: dpa

Mehr als Ressentiment und Gewalt

Rassismus haben alle vier am eigenen Leib erlebt, nun teilten sie ihre Erfahrungen - inklusive dem erlittenen Trauma - mit einer Gruppe Fremder: dem Bundespräsidenten und den wenigen, fast ausschließlich weißen, zugelassenen Journalisten im Saal.

Rassismus sei mehr als Ressentiment und Gewalt, erklärt Boateng: "Es geht darum, andere Menschen zu entwürdigen. Es geht darum, ihnen die Macht zu nehmen sowie Möglichkeiten und Privilegien, die ihnen etwa im Bildungssystem zur Verfügung stehen würden." In diesem Moment könne man die Menschen klein halten und sich selbst größer machen.

Rassismus also als Frage der Macht - im Kern geht es um Verteilungsfragen, um Bildungs- und Berufschancen, gesellschaftliche Teilhabe. Hier erfahren gerade schwarze Deutsche oft Diskriminierung. Zum Beispiel erhalten schwarze Schülerinnen und Schüler überdurchschnittlich oft Hauptschulempfehlungen, ohne dass das wirklich in ihren Leistungen begründet wäre. Ein Beispiel für strukturellen Rassismus, der ihnen viele Wege versperrt.

"Nicht nur reden, sondern auch handeln"

Benachteiligungen gibt es etwa auch auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Wohnungssuche. Das, so die Forderung der Runde an den Bundespräsidenten, müsse sich ändern und vielleicht sei die Zeit dafür jetzt sogar endlich reif, befand Gyamerah nach der Diskussion: "Zum ersten Mal nehmen wir eine öffentliche Debatte wahr, in der in Deutschland über schwarze Menschen gesprochen wird. Das ist positiv, das ist sicher ein kleiner wichtiger Schritt."

Es gibt allerdings auch eine Schattenseite: Rassistisch motivierte Straftaten nahmen in den vergangenen Jahren erheblich zu - und das hängt nach Ansicht von Boateng direkt damit zusammen, dass von strukturellem Rassismus Betroffene inzwischen immer lauter nach gesellschaftlicher Teilhabe rufen.

Hinter der zunehmenden Gewalt stecke auch Angst vor dem Verlust von Macht und Privilegien. Dabei, so Boateng, gehe es nicht darum, jemandem etwas wegzunehmen: "Letztendlich müssen wir begreifen, dass wir alle in einem Boot sitzen. Und wenn wir Menschen ermöglichen, teilzuhaben, dann heißt das auch, sie können ihr Potenzial, ihre Kenntnisse, ihre Qualifikationen, besser für die Gesellschaft nutzen. Also für uns alle."

Steinmeier hörte zu, fragte nach, schien zu verstehen. Eine gute und wichtige Veranstaltung sei das gewesen, fand Daniel Gyamerah. Doch bleibe die Frage, ob über Rassismus gegenüber schwarzen Mitbürgern auch an anderer Stelle geredet wird - etwa im Kabinett der Bundeskanzlerin. "Wenn das fehlt, dann war das zwar eine schöne Gesprächsrunde; bei politischen Handlungen, die aus dem Bundestag kommen müssen, bleiben wir dann aber in einer abwartenden und fragenden Haltung."

Über dieses Thema berichteten das Nachtmagazin am 16. Juni 2020 um 22:15 Uhr.