Interview

Innenminister beraten über Sicherheit beim Fußball "Viele Forderungen sind schlichter Populismus"

Stand: 30.05.2012 02:12 Uhr

Strengere Kontrollen, Abschaffung von Stehplätzen - auf ihrer aktuellen Konferenz erörtern die Innenminister, wie Gewalt im Fußball eingedämmt werden kann. Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, hält im Interview mit tagesschau.de viele Forderungen für einen "Ausdruck von Hilflosigkeit".

tagesschau.de: Nach dem chaotischen Relegationsspiel in Düsseldorf ist die Debatte um Gewalt im Fußball neu entbrannt. Hat der deutsche Fußball ein Sicherheitsproblem?

Michael Gabriel: Ja, das ist offensichtlich. Aber gerade beim Düsseldorfer Spiel wurden mehrere Dinge miteinander vermengt, die zwingend auseinandergehalten werden müssen. Der Platzsturm der Düsseldorfer Zuschauer, die 15 Jahre auf den Aufstieg warten mussten und ihre Ungeduld nicht mehr zurückhalten konnten, wird als das große Problem gesehen, was falsch ist. Das größere Problem für den Fußball - mit Blick auf dieses Spiel - stellt sicher der Versuch der Ultras von Hertha dar, durch das koordinierte und gezielte Werfen von Bengalischen Feuern auf den Platz einen Spielabbruch zu provozieren.

alt Kos Michael Gabriel

Zur Person

Michael Gabriel ist seit 1996 bei der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), seit 2006 ist er deren Leiter. Zuvor hatte der diplomierte Sportwissenschaftler im Fanprojekt Frankfurt gearbeitet. Die KOS berät und begleitet die Arbeit der derzeit 48 sozialpädagogischen Fanprojekte in Deutschland.

tagesschau.de: Was beabsichtigten Ihrer Meinung nach die Hertha-Anhänger?

Gabriel: Das Gravierende daran ist, dass es keine unkontrollierte Emotion, sondern dass es geplant war. Über diese Aktion wird eine Entwicklung sichtbarer, die darauf verweist, dass innerhalb der Ultras zunehmend weniger  Rücksicht auf den Sport und die Unversehrtheit des Sports genommen wird. Dies zeigten auch die Vorfälle beim Karlsruher Relegationsspiel am Tag vorher, wo nach dem Abstieg des KSC versucht wurde, die Geschäftsräume und auch die Kabinen zu attackieren.

"Die Zeit der Hardliner"

tagesschau.de: Die Vorfälle rund um diese beiden Relegationspartien riefen auch die Politik auf den Plan. Welche Erwartungen haben Sie an das Treffen der Innenminister?

Gabriel: Wir schauen mit Sorgen auf die Innenministerkonferenz, weil es bei der Aufgeregtheit der Diskussion die Zeit der Hardliner ist. Es ist die Zeit, wo Politiker die Chance nutzen wollen, mit populistischen Forderungen Aufmerksamkeit zu erregen. Es ist leider nicht die Zeit der nüchternen Analyse, die letztendlich Voraussetzung dafür wäre, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

tagesschau.de: Die Forderungen reichen weit: Abschaffung von Stehplätzen, personalisierte Tickets, strengere Einlasskontrollen, Errichtung von Sicherheitszäunen, Fußfesseln und vieles mehr. Wie beurteilen Sie die bisherigen Vorschläge?

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier
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Unter Vorsitz von Mecklenburg-Vorpommerns Ressortchef Lorenz Caffier beraten die Innenminister über Gewalt im Fußball.

Gabriel: Viele Forderungen sind schlichter Populismus, Ausdruck von Hilflosigkeit. Vieles ist in der Dimension auch überraschend, weil wir wissen, dass in der Politik der Kenntnisstand eigentlich um ein Vielfaches besser sein müsste. Nach zwei Runden Tischen im Bundesinnenministerium, an denen auch immer die Innenminister der Länder vertreten waren, und 20 Jahren 'Nationales Konzept Sport und Sicherheit in Deutschland' müsste man normalerweise davon ausgehen, dass sachlichere Vorschläge kommen.

"Mit den Schmuddelkindern reden wir nicht"

tagesschau.de: Wie könnte denn nach Einschätzung der KOS die Situation verbessert werden?

Gabriel: Aus der Perspektive der Fanprojekte sind da insbesondere zwei Akteure gefragt. Das ist zum einen die große Mehrheit der Fankurven, die unbedingt in eine Diskussion - auch mit den Ultras - gehen muss: ‚ Wie soll unsere Fankurve aussehen und wie nicht?‘ Und da muss konstatiert werden, dass es bisher leider nicht ausreichend gelungen ist, die vielen verantwortungsvollen Fans stärker zu aktivieren.

Die zweite Gruppe, die ich im Blick habe, sind natürlich die Vereine. Wenn die Vereine genauso viel Aufmerksamkeit und Zeit in den Dialog mit den Fankurven investiert hätten wie in die Erschließung neuer Märkte und neuer Sponsoren, dann hätten wir nicht die Situation wie wir sie im Moment haben. Ganz oft ist es immer noch so, dass Fußballfans darum kämpfen müssen, gehört zu werden. Leider gibt es meines Erachtens beim Fußball zu häufig die Haltung: 'Mit den Schmuddelkindern reden wir nicht oder nur, wenn wir müssen.'

Plädoyer für Investitionen in Fan-Strukturen

tagesschau.de: Die Politik hält sich zugute, schon ein Stück auf die Fans zugegangen zu sein, etwa mit der Gründung von Runden Tischen oder einer Task Force. Fühlen sich die Fans davon wirklich angesprochen?

Gabriel: Nein, das ist ein ganz krasses Missverständnis. Aus der Perspektive von Fußballfans ist als Dialogpartner in allererster Linie der Verein wichtig. Es ist wichtig, dass sich diese Bezugsvereine kontinuierlich, ausdauernd, wertschätzend und unterstützend mit ihren Fans auseinandersetzen. So wäre es sehr wünschenswert, wenn bei vielen Vereinen die Fanbeauftragten aus ihrer oftmals marginalisierten Rolle kämen. Es kommt dringend an auf eine verbesserte Finanzierung der Fanbetreuung, also auch der Fanprojekte und eine verbesserte inhaltliche Anbindung dieser Thematik innerhalb der Fußballvereine. DFB und DFL wissen, dass sie da mehr machen müssen und stärker in die Strukturen investieren müssen, die für Kommunikation, die für Dialog, die für Prävention stehen.

Ein Polizeibemter hält ein Bengalo in der Hand.
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Der Abbruch der Gespräche zum Umgang mit Bengalos hat viele Fans verärgert.

tagesschau.de: Täuscht der Eindruck, dass die Gewalt im Fußball zuletzt zugenommen hat?

Gabriel: Aus unserer Perspektive können wir sagen, dass im Moment nicht nur auf Seiten der Politik, sondern auch in den Fankurven die Hardliner Rückenwind haben. Das hängt unter anderem auch mit dem Abbruch der Gespräche zum kontrollierten Umgang mit Bengalischem Feuer zusammen. Die Art und Weise wie diese Gespräche quasi von Oben herab beendet wurden, hat zu einer sehr großen Frustration auf Seiten der Gruppen geführt. Genau diejenigen, die großes Interesse an einer erhöhten Sicherheit im Fußball haben, wurden vor den Kopf gestoßen und haben so an Stellung in den Kurven verloren.

"Angenehme und entspannte Atmosphäre" bei EM

tagesschau.de: Erwarten Sie bei der EM neue Gewaltausbrüche?

Gabriel: Wir haben dort eine ganz andere Zuschauerzusammensetzung. Diejenigen, die da hinfahren, wollen an einem großen Fußballfest teilnehmen. Die fahren dahin, weil sie die Mannschaft unterstützen wollen und sie werden auf Gastgeber treffen, die sehr stolze Gastgeber sind. Von daher erwarten wir trotz der Probleme, die es in der Infrastruktur und in der Vorbereitung gibt, eine ganz angenehme und entspannte Atmosphäre.

Die Fragen stellte Benjamin Haller, tagesschau.de

Innenminister beraten über Sicherheit in Fußballstadien und Extremismus
tagesschau 14:00 Uhr, 30.05.2012, Antraud Cordes-Strehle, WDR

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