Juwelen im Museum Grünes Gewölbe (Archiv) | DAVID BRANDT/STAATLICHE KUNSTSAM

Nach Kunstraub Wie sicher sind Museen in Deutschland?

Stand: 27.11.2019 03:31 Uhr

Der spektakuläre Diebstahl im Grünen Gewölbe sorgt für Aufsehen. Während die Ermittler nach den Räubern fahnden, stellt sich die Frage: Wie sicher sind Kunstwerke in deutschen Museen wirklich?

Von Friederike Hofmann, WDR

Es klingt wie aus einem Actionfilm: Im März 2017 dringen vermummte Täter über eine Leiter durch ein Fenster in das Berliner Bode-Museum ein. Sie zertrümmern mit einer Axt eine Vitrine und stehlen mit einem einfachen Rollbrett und einer Schubkarre eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze. Die kanadische "Big Maple Leaf" galt als größte Goldmünze der Welt. Seit dem Diebstahl ist sie verschollen.

Der Einbruch war abenteuerlich - unter anderem soll die Münze von einer S-Bahn-Trasse geworfen worden sein. Doch die Tat ist kein Einzelfall: "In Deutschland hat es eine Zunahme von spektakulären Einbrüchen gegeben", sagt Karola Richter, stellvertretende Sprecherin des Arbeitskreises Gebäudemanagement und Sicherheit des Deutschen Museumsbundes, "Die Täter gehen immer brachialer vor."

Zwei Mitarbeiter der Spurensicherung stehen vor dem Residenzschloss mit dem Grünen Gewölbe hinter einem Absperrband. | dpa

Bild: dpa

Als die Polizei kam, waren die Täter weg

So auch vor wenigen Wochen in Trier. Einbrecher dringen über ein Fenster nachts in das Landesmuseum in Trier ein. Ihr Ziel: Der im Münzkabinett ausgestellte "Trierer Goldschatz" bestehend aus 2600 Münzen - 18,5 Kilogramm pures Gold. Er gilt als der weltweit größte Goldschatz der römischen Kaiserzeit.

Die Täter brechen die Tür zum Kabinett auf, versuchen mit einfachen Vorschlaghämmern und viel Gewalt den Glaskubus des Schatzes zu zertrümmern. Sie scheitern, das dicke Glas splittert zwar, aber gibt nicht nach. Der Goldschatz ist in Sicherheit. Als die Polizei nach wenigen Minuten vor Ort ankommt, sind die Täter schon auf der Flucht. Ähnlich in Dresden: Als die Polizei am Tatort eintraf, sind die Einbrecher schon über alle Berge.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) im Bundestag in Berlin. | FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX
Sicherheitskonferenz für Museen

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat nach dem Einbruch ins Dresdner Schloss eine Sicherheitskonferenz für die Museen in Deutschland angekündigt. Ziel sei es, Museen "künftig gegen ein derart brutales Vorgehen" zu schützen. Gleichzeitig müssten die Kunstgegenstände aber "in gewohnter Weise für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben". Die Staatsministerin sprach mit Blick auf Dresden von "beispiellos roher Gewalt", die deutlich mache "womit wir es in Zukunft wohl leider noch zu tun bekommen werden". Grütters schränkte aber ein: "Ein Museum ist kein Tresor, es wird daher immer ein Restrisiko geben." Einen Termin für eine solche Konferenz nannte die Ministerin noch nicht.

Was die Einbrüche in Berlin, Trier und Dresden gemein haben: Die Täter stiegen jeweils über Fenster in die Museen ein. Aber Fenster müssen nicht unbedingt der Weg ins Gebäude sein, sagt Expertin Richter, die auch das Gebäudemanagement am Landesmuseum Württemberg verantwortet. Schwachstellen gebe es immer. "Museen sind nicht wie eine Bank - und so wollen wir auch gar nicht sein", sagt sie. "Eine offene Kultur, die ermöglicht, dass Menschen sich die Exponate anschauen, birgt immer Risiken. Wir sind nicht Fort Knox." Die Sicherheitsanforderungen von Museum zu Museum seien sehr unterschiedlich, so Richter: "Ein denkmalgeschütztes, altes Schloss ist natürlich etwas ganz anderes als ein Museumsneubau."

Geld versus Sicherheit

Stefan Koldehoff beschäftigt sich schon lange mit Kriminalität auf dem Kunstmarkt. Der Kulturredakteur des Deutschlandfunks hat verschiedene Bücher zum Thema geschrieben und attestiert den Museen in Deutschland eigentlich eine positive Entwicklung: "Die technische Ausstattung, was Sicherungssysteme angeht, hat sich deutlich verbessert." Allerdings sei die finanzielle Ausstattung der Museen hier ein entscheidender Faktor. Sicherheit könne noch immer am Geld scheitern.

Er sieht aber vor allem eine veränderte Gefährdungslage. "Vor ein paar Jahren hätte ich nicht geglaubt, dass es wirklich verrückte Milliardäre gibt, die bestimmte Gegenstände unbedingt haben wollen." Aber der Markt habe sich massiv verändert. "Inzwischen gibt es Player zum Beispiel aus China, Südamerika oder den arabischen Staaten, bei denen moralische Bedenken keine Rolle spielen." Da könne es sein, dass der Diebstahl bestimmter Werke in Auftrag gegeben werde, um sie für den Privatgebrauch zu haben - und damit anzugeben.

Es geht nicht um die Kunst

Aber oft gehe es gar nicht um den Kunstwert, sondern um den Materialwert. Das bestätigt auch Karola Richter. Der Objekttyp, den die Diebe vorrangig suchen, habe sich verändert: "Gemälde erzählen eine Geschichte und sind leicht zurückzuverfolgen. Bei einer Krone oder einem Diadem ist das deutlich schwieriger." Denn sie könne man in ihre Einzelteile zerlegen.

Das vermutet man auch bei der Münze aus dem Bode-Museum. Dort gingen Ermittler bereits kurz nach der Tat davon aus, dass die Münze in Stücke zerteilt und verkauft wurde. Vermutlich ist sie unwiederbringlich verloren.

Oft Spuren auf den Balkan

Im Fall des Bode-Museums stehen nun drei Männer vor Gericht, die einem arabischstämmigen Clan angehören sollen. Oft führen Spuren bei solchen Einbrüchen auf den Balkan, so Stefan Koldehoff. Dort gebe es sehr gut ausgebildete, ehemalige Soldaten. "Es handelt sich um hochspezialisierte Banden", so Koldehoff.

Vor Gericht im Fall des Bode-Museums steht aber auch ein Wachmann, der Mitarbeiter eines Sicherheitsunternehmens im Auftrag des Museums gewesen sein soll. Er soll zuvor die Örtlichkeiten ausgekundschaftet haben. "Das Wachpersonal ist oft ein Problem", bestätigt Koldehoff. Viel sei an Fremdfirmen ausgelagert.

Das war zum Beispiel auch beim spektakulären Raub von 20 Bildern aus dem Van Gogh Museum in Amsterdam 1991 das Problem: Hier hatten Mitarbeiter der im Museum zuständigen Sicherheitsfirma und Helfer den Diebstahl begangen. Die Bilder wurden letztendlich in einem Auto gefunden.

Handlungsbedarf beim Wachpersonal

Richter sieht noch weiteren Handlungsbedarf beim Wachpersonal: "Die Schulung von Aufsichtspersonal kann sehr sinnvoll sein, um Gefährdungspotenziale zu erkennen. Profi-Einbrecher müssen die Räumlichkeiten ausspähen. Das sind keine Besucher die sich normal Bilder anschauen, sondern sie kundschaften zum Beispiel Fenster und Türen ganz gezielt aus. Geschultes Aufsichtspersonal könne das erkennen und melden."

Das Münzkabinett im Landesmuseum in Trier wird nach dem Diebstahlversuch sicherheitstechnisch aufgerüstet. Geplant ist unter anderem eine neue Sicherheitstür komplett aus Stahl und eine neue, noch sicherere Panzervitrine für den Goldschatz. Das Bode-Museum in Berlin will sich erst nach dem Ende des Prozesses äußern.

Museen nach Zwiebelprinzip gesichert

Insgesamt stellt sich aber die Frage, wie sich Museen aktuell rüsten müssen. "Bisher sind Museen nach dem Zwiebelprinzip gesichert: Durch die Außenhaut, dann die Raumüberwachungen wie Bewegungsmeldern und Kameras, gegebenenfalls zusätzliche Türen, bis hin zur gesicherten Vitrine", so Richter. "Vielleicht bringen es die neuen Anforderungen mit sich, dass man die Außenhaut noch viel mehr sichern muss als bisher, dass diese gar nicht mehr überwindbar ist." Im Deutschen Museumsbund hat sich deshalb ein Arbeitskreis zu baulichen Fragen gebildet, bei dem Sicherheit eine große Rolle spielt.

Bilderstrecke

Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe (November 2019)

Anmerkung: In einer vorherigen Version war von einem "Milliarden-Diebstahl" die Rede. Da der Wert der gestohlenen Stücke nicht zu genau beziffern ist, haben wir diese Formulierung geändert.
Friederike Hofmann ARD-Studio Paris

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 25. November 2019 um 22:15 Uhr.