Chefredakteur Kai Gniffke bei Sag's mir ins Gesicht

Aktion "Sag's mir ins Gesicht" Anonym hetzt es sich leichter

Stand: 15.11.2017 22:22 Uhr

"Du Systemhure" und "Obrigkeitsuntertan" - solche Beschimpfungen gibt es nur schriftlich. "Sag's mir ins Gesicht", fordert ARD-aktuell-Chefredakteur Gniffke die Kritiker auf - und bekommt den sachlichen Dialog. Über die AfD, Populisten und das Weglassen von Nachrichten.

Von Wenke Börnsen, tagesschau.de

Plumpe Beleidigungen, vulgäre Beschimpfungen, dumpfer Hass und Hetze - all das geht leicht im Netz, anonym und ohne Blickkontakt. Es klingt dann etwa so: "Lieber Kai, du bist eine Systemhure, ein gleichgeschalteter Obrigkeitsuntertan." ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke liest den Facebook-Kommentar vor, atmet einmal durch und wendet sich mit einem Appell direkt an den Verfasser: "Ich würde so gern mal mit Ihnen reden - von Angesicht zu Angesicht."

60 Minuten von Angesicht zu Angesicht

"Sag's mir ins Gesicht" - dieser Aufforderung der tagesschau und ihres Chefredakteurs sind an diesem Abend viele Nutzer nachgekommen. Eine Stunde direkter Dialog via Skype. Gestreamt auf tagesschau.de, tagesschau24, Facebook, YouTube und Periscope. Das Ziel: Mit den Kritikern ins Gespräch kommen und streiten, etwa über den Umgang mit der AfD und die Berichterstattung in der tagesschau. Aber wie? Wüst-vulgär oder respektvoll? Ändert es etwas, wenn Beschimpfer und Beschimpfter sich sehen und direkt miteinander kommunizieren?

Nach einer Stunde ist klar: Ja, der Blickkontakt ändert alles. Die Debatte ist plötzlich sachlich. Die AfD ist eine rechtspopulistische Partei - für seinen jüngsten Kommentar ist Gniffke im Netz erneut extrem beschimpft worden. Bei der tagesschau-Aktion "Sag's mir ins Gesicht" rieben sich viele Gesprächspartner an dieser These, Beschimpfungen blieben aber aus. "Die tagesschau berichtet bewusst tendenziös, die AfD und ihre Wähler sind immer die Bösen", beklagt sich ein Nutzer. Gniffke weist das zurück. Aber auch die tagesschau habe einen Lernprozess durchgemacht und hefte der Partei nicht mehr reflexartig das Etikett "populistisch" an.

"Weglassen heißt nicht verschweigen"

Unvollständige Berichterstattung über die AfD wirft ein anderer Nutzer Gniffke vor. "Wir stellen die Positionen der Parteien in der tagesschau umfassend dar, auch die der AfD", antwortet Gniffke. Er verweist zugleich auf die 15 Minuten Sendezeit, "sehr wenig für das Weltgeschehen eines Tages".

Den Vorwurf des Weglassens hört Gniffke noch öfter an diesem Abend. "Nachrichten bestehen zu einem großen Anteil aus Weglassen. Doch Weglassen bedeutet nicht automatisch verschweigen oder gar lügen", so Gniffke.

Kritik aushalten

"Sie sitzen doch am längeren Hebel", empört sich ein anderer Nutzer. Die kleinen Leute hätten keinen Einfluss auf die Berichterstattung, so entstehe ein Gefühl von Ohnmacht. Gniffke nickt. "Und aus diesem Gefühl heraus langen einige User dann verbal richtig zu." Aber: "Wenn mir dann jemand droht: 'Ich erschieß dich, du Dummschwätzer' bewirkt das wenig bei mir. Eine Diskussion von Angesicht zu Angesicht sei wirkungsvoller. Sich der Diskussion mit den Kritikern gar nicht zu stellen, ist für Gniffke auch keine Lösung. "Es ist meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Rede und Antwort zu stehen", unterstreicht er. "Wir müssen Kritik aushalten."

"Kampfbegriff Populismus"

Eine intensive Diskussion dreht sich um den Begriff des Populismus. Ein Nutzer redet sich in Rage, empört sich über den "Kampfbegriff", den die tagesschau ständig verwende, auch für andere Parteien, wie die Schweizer SVP. "Dann können Sie Frau Merkel auch linkspopulistisch nennen." Gniffke verweist auf die autoritären Lösungsansätze der SVP. Das Attribut "populistisch" sei daher angebracht. Er erinnert zudem, dass auch AfD-Chef Alexander Gauland den Begriff populistisch für die AfD benutzt. "Für ihn ist das fast ein Ehrentitel." Die Diskussion schaukelt sich weiter hoch: "Sie sagen nicht die Wahrheit", wirft der Nutzer Gniffke an den Kopf. Beide kommen an diesem Abend nicht mehr zusammen. Doch die Auseinandersetzung bleibt sachlich, wenn auch hart im Ton.

Einig, dass man uneinig ist

Ähnlich intensiv die Diskussion mit einem AfD-Anhänger über den Einfluss der Politik auf die Medien, den Begriff "national-konservativ", Erinnerungskultur und die Nazi-Keule. Auch hier kommen Gniffke und der User nicht zusammen, das macht aber auch nichts. Der Umgang miteinander bleibt zivilisiert.

"Sind die AfD-Wähler alle Nazis? Was ist da falsch gelaufen?", will ein Nutzer wissen. "Wir sind nicht dafür zuständig, zu beurteilen, wo einer sein Kreuz auf dem Stimmzettel macht", antwortet Gniffke. "Das steht uns nicht zu." Aber tagesschau und tagesthemen hätten vor der Bundestagswahl verschiedene Beiträge gesendet, in denen es um die Motive von potenziellen AfD-Wählern ging. "Wir haben das Phänomen untersucht, warum diese Menschen SPD oder CDU den Rücken kehren." Doch es stehe der tagesschau nicht zu, das zu bewerten. Vielmehr müsse sie diesen Aspekt darstellen und objektiv berichten. Und Gniffke stellt einmal mehr klar: "Wir sind nicht dafür da, Meinung zu bilden oder anderen eine Meinung unterzujubeln."

Eine Frau, viele Männer

Es sind überwiegend Männer, die bei der Aktion "Sag's mir ins Gesicht" der tagesschau mitmachen. So war es auch schon bei der Premiere im Mai. Erst kurz vor Schluss meldet sich an diesem Abend eine Frau. Sie ruft aus England an. Sie glaube, dass die einseitige Berichterstattung und das benutzte Vokabular die AfD erst stark gemacht habe. "Sie konnte so ihren Opferstatus zelebrieren." Gniffke nickt und berichtet von Diskussionen auch innerhalb der Redaktion. Aber es sei nun einmal kein Nachrichtenkriterium, ob eine Position oder eine Äußerung der AfD nutze oder schade. "Wenn etwas relevant ist, müssen wir berichten." Und wenn Gauland sage, man solle stolz auf die Wehrmacht sein, "dann müssen wir ein kritisches Auge darauf haben". Kein Widerspruch.

"Warum setzt ihr so einen Kasper hier hin, der nur gegen die AfD hämmert?" Gniffke liest zum Ausklang noch einmal einen Facebook-Kommentar vor. Er schüttelt den Kopf. Gehämmert hat hier heute niemand - weder gegen die AfD noch gegen die ARD. "Ja, es gab harsche Kritik", bilanziert Gniffke zum Anschluss. "Aber in respektvollem Ton." Auch der befürchtete Shitstorm sei ausgeblieben. Die Erkenntnis: Blickkontakt hebt das Niveau. Anonym hetzt es sich eben leichter.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 in "Sags mir ins Gesicht" am 15. November 2017 um 18:30 Uhr.

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