Stuttgart: Passanten in der Fußgängerzone | dpa

Seibert zur Corona-Lage "Jeder Tag zählt"

Stand: 26.10.2020 17:49 Uhr

Angesichts der "ernsten" Corona-Lage im Land erwartet Regierungssprecher Seibert von der Bund-Länder-Runde am Mittwoch Verschärfungen der Maßnahmen. Die Kanzlerin denkt laut Medienbericht über einen "Lockdown Light" nach.

Kommenden Mittwoch ist es soweit: Bundeskanzlerin Angela Merkel berät einmal mehr mit den Ministerpräsidenten der Länder über die Bekämpfung der Corona-Pandemie. Dabei werde es um eine Verschärfung der Maßnahmen gehen, so Regierungssprecher Steffen Seibert. Angesichts der drastisch steigenden Neuinfektionszahlen sei allen bewusst, dass jeder Tag zähle. "Also rechne ich auch mit Beschlüssen."

Seibert sagte, der Anstieg der akuten Corona-Fälle "führt zu einer in vielerlei Hinsicht ernsten Situation". So nehme der Anteil der älteren Infizierten wieder zu, die Nachverfolgung der Kontakte sei in vielen Kommunen nicht mehr möglich. 

Kommt ein "Lockdown Light"?

Welche weitergehenden Schritte für die Bundeskanzlerin derzeit sinnvoll erscheinen, wollte Seibert mit Blick auf die noch anstehenden Beratungen nicht sagen. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung drängt Merkel aber auf weitere Beschränkungen. So wolle die Kanzlerin einen "Lockdown Light" mit den Ländern diskutieren, der auch Schließungen von Bars und Restaurants vorsehe sowie Veranstaltungsverbote. Schulen und Kindergärten sollten geöffnet bleiben - außer in Regionen mit dramatisch hohen Infektionszahlen. Auch Geschäfte sollten unter Auflagen geöffnet bleiben, schreibt das Blatt ohne Nennung von Quellen.

Corona-Kabinett bespricht Impfstrategie

Am Vormittag hatte das sogenannte Corona-Kabinett getagt. Laut Seibert ging es in der Runde auch um die Impfstrategie für den Moment, in dem ein Impfstoff gegen das Coronavirus vorliegt. Nach Angaben einer Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums sollen Risikogruppen einen möglichen Impfstoff zuerst erhalten. Dazu werde gerade ein Konzept erstellt.

"Fünf Minuten vor zwölf"

Derweil wächst der Druck auf die Politik, weitere Schritte zu beschließen. In Anbetracht der rasant steigenden Infektionszahlen müsse man versuchen, "die Bevölkerung endgültig davon zu überzeugen, dass es fünf Minuten vor zwölf ist", sagte der Präsident des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, den Sendern RTL und n-tv. Es sei der Politik bislang nicht gelungen, der Bevölkerung "den Ernst der Lage zu vermitteln".

Montgomery kritisierte die Uneinigkeit zwischen den Bundesländern. Ähnlich argumentiert auch Grünen-Chef Robert Habeck: Angesichts der Lage müsse es klare bundeseinheitliche Verabredungen geben, "die dann in den Ländern, in den Kommunen konkret umgesetzt" werden.

Ökonom Fratzscher bringt befristeten Lockdown ins Spiel

Auch über einen befristeten Lockdown wird nachgedacht: Der Ökonom Marcel Fratzscher hält ein zweiwöchiges Herunterfahren der Wirtschaft für sinnvoll. Der Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sagte im SWR: "Aus der Perspektive der Wirtschaft wäre ein kurzer, scharfer Lockdown wahrscheinlich die beste Option." Dies sei zumindest besser als weitere wochen- oder monatelange Unsicherheit.

Je länger diese Unsicherheit andauere, desto größer sei der Schaden. "Aus wirtschaftlicher Perspektive wäre es gut zu sagen: Zwei, drei Wochen keine Umsätze - und dann kann es wieder losgehen und dann kann man auch relativ schnell wieder zur Normalität zurückkehren."

RKI verzeichnet 8685 neue Fälle

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts sind hierzulande innerhalb eines Tages 8685 neue Coronavirus-Infektionsfälle gemeldet worden. Die Zahl sank damit erstmals seit vier Tagen wieder unter die Schwelle von 10.000. Allerdings sind die Fallzahlen erfahrungsgemäß an Sonn- und Montagen vergleichsweise niedriger, auch weil an Wochenenden weniger getestet wird.

Am Montag vor einer Woche hatte die Zahl der Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden jedoch noch bei 4325 gelegen. Am Samstag war mit 14.714 Neuinfektionen ein neuer Höchstwert seit Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland erreicht worden.

Insgesamt haben sich dem RKI zufolge seit Beginn der Pandemie bundesweit 437.866 Menschen mit dem Virus infiziert. Die Zahlen der Neuinfektionen in Deutschland liegen seit Tagen deutlich über den bisherigen Höchstständen vom Frühjahr. Allerdings sind die Zahlen schwer vergleichbar, da inzwischen deutlich mehr auf das neuartige Virus getestet wird als damals.

Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus in Deutschland stieg mittlerweile auf 10.056, so das RKI. Das sind 24 Verstorbene mehr als am Vortag. Das RKI schätzt, dass rund 321.600 Menschen inzwischen genesen sind.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Oktober 2020 um 16:00 Uhr.