Julian Reichelt, ehemaliger "Bild"-Chefredakteur | dpa

Recherchen zu Ex-"Bild"-Chef Weitere Details im Fall Reichelt

Stand: 19.10.2021 12:56 Uhr

Der "Spiegel" hat Teile der vom Ippen-Verlag zurückgehaltenen Recherche zu Ex-"Bild"-Chef Reichelt veröffentlicht. Dabei geht es vor allem um den Umgang Reichelts mit ihm unterstellten Frauen. Immer stärker in die Kritik gerät auch Springer-Vorstand Döpfner.

Die Enthüllungen über den ehemaligen "Bild"-Chefredakteur kamen nicht aus Deutschland, sondern aus den USA: Am Sonntagabend veröffentlichte die "New York Times" einen Artikel über die Unternehmenskultur bei Axel Springer im Allgemeinen und bei "Bild" im Besonderen. Der Artikel enthielt neue Details, wie Reichelt junge Frauen behandelt haben soll, mit denen er Affären am Arbeitsplatz hatte.

Gestern wurde Reichelt von seinen Aufgaben entbunden. Vor der Bekanntgabe der Entscheidung des Axel-Springer-Vorstandes war allerdings auch öffentlich geworden, dass auch das Investigativteam der deutschen Ippen-Gruppe, zu der unter anderem "Frankfurter Rundschau", "Münchner Merkur" und "Buzzfeed Deutschland" gehören, über den mutmaßlichen Machtmissbrauch Reichelts berichten wollte - der Verleger Dirk Ippen die Berichterstattung aber kurz vor Erscheinen gestoppt hatte.

Annäherung an Frauen "häufig nach dem selben Muster"

Nun hat der "Spiegel" Teile der zuvor zurückgehaltenen Recherche des Ippen-Investigativteams zu vermeintlichem Machtmissbrauch im Medienhaus Axel Springer veröffentlicht. Der Fokus des Artikels liegt auf dem Umgang des langjährigen "Bild"-Chefredakteurs Reichelt mit ihm unterstellten Frauen.

In der vom "Spiegel" veröffentlichten Recherche heißt es, Reichelt habe sich "häufig nach demselben Muster" jungen Frauen in seiner Redaktion angenähert. So habe er sie für ihre Arbeit gelobt, ihnen verantwortungsvolle Aufgaben anvertraut oder in Positionen eingesetzt, für die sie nicht geeignet waren. Diese Bevorteilung sei allerdings oft mit einem sexuellen Verhältnis zu den Frauen verbunden gewesen.

Eine der Frauen litt der Recherche zufolge so unter dem Druck einer ihr übertragenen Position und den Kommentaren im Kollegium, sie habe den Job nur wegen ihrer Beziehung zum Chef bekommen, dass sie sich in psychiatrische Behandlung begab. Mehrfach habe sie sich mit Reichelt in Hotels getroffen. Sie habe ihn nicht verärgern wollen und sich beruflich von ihm abhängig gefühlt.

Offenbar wenig Interesse an Aufklärung

Laut "Spiegel" gibt es Zweifel daran, ob der Springer-Verlag im Frühjahr an einer ernsthaften Aufklärung von Reichelts Verhalten interessiert war. Zwar wurde Reichelt auf eigenen Wunsch freigestellt, und das Unternehmen leitete eine Compliance-Untersuchung ein. Mit solch einem Verfahren soll unter anderem die Einhaltung unternehmensinterner Richtlinien geprüft werden. Doch Ende März kehrte Reichelt an seinen Arbeitsplatz zurück. Zur Begründung hieß es, der Vorstand des Medienkonzerns sehe es trotz festgestellter Fehler in der Amts- und Personalführung als nicht gerechtfertigt an, Reichelt von seinem Posten abzuberufen.

Nach Reichelts Rückkehr wandte sich Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner in einer Videokonferenz an die Belegschaft, wie "Medieninsider" zuerst berichtet hatte. Darin habe er gesagt, dass er in einer Hierarchiebeziehung private Beziehungen zwar "nicht vorbildlich, nicht akzeptabel" finde, Reichelts Arbeit aber erfolgreich und seine publizistische Leistung "richtig und extrem wichtig für dieses Land" sei.

Döpfner: Mutig gegen den "neuen DDR Obrigkeits-Staat"

In dem Zusammenhang zitiert der "Spiegel" eine Nachricht von Döpfner an den Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre. Am Tag der Nachricht habe Reichelt einen Kommentar verfasst, in dem er die Corona-Maßnahmen als Beleg für einen willkürlichen Staat bezeichnete. Döpfner habe daraufhin geschrieben, Reichelt sei "halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR Obrigkeits-Staat aufbegehrt". Die meisten anderen Journalisten seien zu Propaganda-Assistenten geworden. Stuckrad-Barre soll die Freundschaft zu Döpfner wegen des Umgangs mit dem Fall Reichelt inzwischen beendet haben.

Brisant an der Nachricht ist auch, dass Döpfner Vorsitzender des Bundesverbandes der Digitalpublisher und Zeitungsverleger ist. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier schrieb auf Twitter, es sei eine "Schande, dass jemand wie Döpfner ihr oberster Repräsentant ist".

Der Chefredakteur des Medienmagazins DWDL, Thomas Lückerath schrieb in einem Kommentar, der Fall werfe die Frage auf, warum Döpfner in Deutschland "trotz wiederholt irrwitziger Aussagen" so selten kritisiert werde.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. Oktober 2021 um 00:40 Uhr.