Transplantation in der Uniklinik Leipzig | Bildquelle: dpa

Bundestag Organspende - Debatte über zwei Initiativen

Stand: 26.06.2019 03:47 Uhr

Der Bundestag berät erstmals die Gesetzentwürfe zur Organspende. Zwei Initiativen liegen vor. Nach dem Willen des Gesundheitsministers soll jeder automatisch Spender sein, es sei denn, er widerspricht.

Von Nadine Bader, ARD-Hauptstadtstudio

Dienstag, Donnerstag und Samstag: Das sind die Tage, die Patrick Korosec jede Woche in einem Dialysezentrum in Berlin verbringt. Er sitzt dann fünf Stunden an einer Maschine, die über einen Schlauch sein Blut entnimmt, reinigt und dann wieder zurück in seinen Körper leitet. "Meine Knochen sind weicher geworden durch die Dialyse, und ich kann kaum noch laufen. Ich komme mir vor wie ein alter Opa", sagt Korosec.

Dabei ist er erst 47 Jahre alt. Seine Nieren mussten aufgrund einer angeborenen Erkrankung entfernt werden. Seit knapp drei Jahren wartet Korosec auf eine Spenderniere. Und wenn es ihm so geht wie dem Durchschnitt der betroffenen Patienten, kommen noch mal fünf Jahre dazu.

Hauptproblem: lange Wartezeiten

Kai-Uwe Eckardt, Arzt an der Charité Berlin, kritisiert, dass die Wartezeit für ein Spenderorgan in Deutschland zu lang sei: "Wenn so viel Zeit verstreicht, dann bedeutet das, dass mit jedem halben Jahr Wartezeit die Chancen auf eine erfolgreiche Transplantation Schritt für Schritt weiter sinken."

Der Mediziner erhofft sich mehr Organspenden durch die sogenannte Widerspruchslösung. Sie sieht vor, dass jeder automatisch zum Organspender wird, außer er hat zu Lebzeiten widersprochen. Den Entwurf dafür haben Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Lauterbach zusammen erarbeitet. Der SPD-Politiker findet es zwar "moralisch ok", wenn jemand seine Organe nicht spenden möchte. Aber er erwartet, "wenn man schon nicht spenden möchte, dass man dann wenigstens bereit ist, sich als Nichtspender zu erklären".

"Schweigen ist keine Zustimmung"

Einer Gruppe von Abgeordneten aus Union, SPD, FDP, Linken und Grünen geht das zu weit. Sie betonen, dass auch sie die Spendenbereitschaft erhöhen wollen. Aber auf einem anderen Weg. Sie setzen weiter darauf, dass man ausdrücklich "Ja" sagen muss, um Organspender zu werden. Alle Bürger sollen regelmäßig dazu befragt werden. Etwa beim Abholen der Ausweispapiere, sagt die Vorsitzende der Grünen, Annalena Baerbock. Mit Blick auf das Grundgesetz und das Selbstbestimmungsrecht jedes Einzelnen sei dies "die verfassungsschonendere Variante", so Baerbock.

Das sieht Christine Eberle von der Deutschen Stiftung Patientenschutz genauso. Schweigen sei keine Zustimmung. Aber aus ihrer Sicht beheben beide Gesetzentwürfe nicht das grundlegende Problem, nämlich zu wenig Vertrauen in das Organspendesystem. Die Stiftung findet, dass der Bundestag genauer definieren müsse, nach welchen Kriterien Spenderorgane verteilt werden. "Wenn es deutlich zu wenig Organe gibt, dann kann man eben nicht nur wissenschaftlich entscheiden, sondern es sind ethische Fragen nach Verteilungsgerechtigkeit, nach Lebenschancen. Und das muss der Gesetzgeber selbst deutlich genauer definieren", sagt Eberle.

"Skandale wie früher heute nicht mehr möglich"

Die Richtlinien zur Organspende erarbeitet in Deutschland ein Gremium der Bundesärztekammer. Es entscheidet darüber, ob ein Patient einen Platz auf der Warteliste bekommt. Wirksam sind die Richtlinien aber erst, wenn das Bundesgesundheitsministerium sie genehmigt hat.

Das sei genau der richtige Weg, findet die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Claudia Schmidtke. Die CDU-Politikerin sieht den Bundestag nicht weitergehend in der Pflicht, "denn da sind ja die wenigsten Fachärzte. Ich glaube, das muss man den Transplantationsmedizinern und den entsprechenden Fachgesellschaften überlassen". Es gebe mittlerweile eine extrem gute Überwachung, so dass Skandale, wie es sie früher gab, nicht mehr auftreten könnten, so Schmidtke.

Abstimmung wohl im Herbst

Die Abgeordneten im Bundestag werden voraussichtlich im Herbst ohne Fraktionsdisziplin über die beiden Gesetzentwürfe abstimmen. Das heißt, sie entscheiden frei nach ihrem Gewissen. Ganz egal, wie die Abstimmung ausfällt - die breite öffentliche Debatte sei schon "die halbe Miete", auch um die Spendenbereitschaft zu erhöhen, findet der Bundesgesundheitsminister. "Das sind wir den Zehntausend auf der Warteliste schuldig", meint Spahn.

Patrick Korosec sagt, jeder könne schnell zum Patienten werden und genau wie er auf Hilfe angewiesen sein. "Ich wünsche mir schon, eine Niere zu bekommen und dann einfach wieder richtig zu leben."

Organspenden-Debatte im Bundestag
Nadine Bader, ARD Berlin
25.06.2019 21:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Juni 2019 um 04:56 Uhr.

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