Der Buchstabe "U" aus dem Slogan "schaut hin" für den 3. Ökumenischen Kirchentag spiegelt sich vor dem Fankfurter Rathaus Römer in einer Pfütze. | dpa

Ökumenischer Kirchentag Die Kirchen rufen, alle kommen - noch

Stand: 13.05.2021 03:02 Uhr

Umwelt, Demokratie, Diversität: Beim Ökumenischen Kirchentag geht es mit viel Prominenz um die großen Fragen. Doch was ist mit der eigenen Zukunft? Und dann ist da noch das Thema Missbrauch.

Von Sebastian Kisters, hr

Es ist noch einmal eine Demonstration der Stärke: Wenn die Kirchen rufen, kommen die Mächtigen zusammen. Angela Merkel diskutiert mit der "Fridays for Future"-Aktivistin Luisa Neubauer über Klimaschutz. Der Bundespräsident kommt. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg wird mit Friedensforschern über Frieden in unsicheren Zeiten sprechen.

Sebastian Kisters

Rund 80 Veranstaltungen dieser Art gibt es von Donnerstag bis Sonntag auf dem Ökumenischen Kirchentag. Eröffnung und Abschluss werden in Frankfurt am Main stattfinden, die meisten Diskussionen aber digital im Netz. Statt am Main mit Kirchentagsschal und Musik werden Kirchentagsbesucher also daheim am Rechner sitzen.

"Wir sind da!"

Und doch: "Das Signal ist klar! Wir sind da! Evangelische, katholische, orthodoxe Christen mischen sich ein in die Zukunftsfragen: Gerechtigkeit, Schöpfungsverantwortung, Klima, Gesundheit, Zusammenhalt der Gesellschaft", sagt der katholische Limburger Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Man wolle Statements abgeben, und dazu dienten die Veranstaltungen und Podien.

Und die evangelische Kirchentagspräsidentin Bettina Limperg sagt, man wünsche sich, dass sich möglichst viele Menschen einbringen. "Mit ihren Fragen und Antworten. Daraus sollen Handlungsaufträge werden."

Das Wort der Kirche hat Gewicht - das ist schon vor Beginn der Veranstaltung eine Botschaft der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland. "Kirchentage sind Präsenz-Demonstrationen. Wir sind wichtig für die Gesellschaft. Wir sind verbunden mit den Mächtigen" - das gelte es zu beweisen, erklärt der ARD-Kirchenexperte Klaus Hofmeister.

Nur noch die Hälfte der Deutschen ist in einer Kirche

Rund die Hälfte der Einwohner Deutschlands sind Mitglied der evangelischen oder katholischen Kirche. Insgesamt mehr als 40 Millionen Menschen. Tendenz jedoch: fallend. Prognosen gehen davon aus, dass die Mitgliedszahlen in den kommenden Jahren rasant sinken werden - auf rund 25 Millionen im Jahr 2060. "Es ist der Übergang von einer Kirche, in die man hineingeboren wurde, hin zu einer Kirche, wo Leute wählen können, ob sie dabei sein wollen oder nicht", sagt Hofmeister.

Schon jetzt ist der Umbruch deutlich spürbar. Viele Katholikinnen und Katholiken nehmen nicht mehr fraglos hin, was Rom vorgibt. Zu sehen war das zuletzt zu Beginn der Woche, als katholische Priester gegen den ausdrücklichen Willen des Vatikans homosexuellen Paaren ihren Segen gaben.

"Schaut hin" lautet das Motto dieses Ökumenischen Kirchentages. "Wir müssen überall da hinschauen, wo Menschen leiden", sagt die Kirchentagspräsidentin. Das sei eine ur-christliche Aufgabe. Und dabei schließt sie auch die eigene Kirche ein. Die Frage des Missbrauchs liege "wie ein Schatten über der katholischen Kirche, auch auf der evangelischen Kirche. Wir müssen da nicht nur hinschauen, auch zuhören. Viel mehr als wir es bisher getan haben. Gerade den Betroffenen", sagt Bischof Bätzing.

Betroffene kritisieren "Flickenteppich"

Diese Betroffenen erwarten von diesem Kirchentag mit diesem Motto Solidarität. Matthias Katsch, Sprecher der Opferorganisation "Eckiger Tisch" sagt, Aufklärung werde immer weiter verschleppt. "Es gibt einen Flickenteppich an Ankündigungen und Zwischenständen, den niemand mehr überblickt. Die Vorgänge in Köln zeigen, dass Gutachten, die die Bischöfe selbst vergeben, keine Lösung sind."

Und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) habe noch nicht einmal eine Vereinbarung über Standards von Aufarbeitung getroffen:

Beide Kirchen können und wollen einfach nicht die Kontrolle und die Deutungshoheit über den Prozess der Aufarbeitung aus der Hand geben. Zu groß ist wohl die Sorge um Machtverlust und Konsequenzen, wenn das Ausmaß der Verbrechen und der systematischen Verdunkelung ans Licht kommt.

Die Politik solle endlich mit einer vom Parlament eingesetzten Wahrheitskommission die Tausenden Verbrechen an Kindern und Jugendlichen aufklären.

Möglichkeiten zum Dialog wird es geben. Die Spitzen des Staates sind beim Kirchentag dabei. Und Podiumsdiskussionen zum Thema stehen auf dem digitalen Programm. Etwa am Samstag: "Tatort Glaubensraum" oder "Wie glaubwürdig sind die Kirchen?".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Mai 2021 um 04:12 Uhr.