Ein Obdachloser liegt eingehüllt in einen Schlafsack unter einer Eisenbahnunterführung in Hannover. | Bildquelle: dpa

Winter in Deutschland Hilfe für Obdachlose reicht nicht aus

Stand: 08.12.2018 13:10 Uhr

Für Menschen auf der Straße ist diese Jahreszeit hart und gefährlich. In diesem Jahr starben bereits acht Menschen wegen der Kälte. Städte bieten Notunterkünfte an, doch die Hilfe wird dem Bedarf nicht gerecht.

Seit mehreren Wochen bieten vor allem Großstädte bundesweit Nothilfe für die Menschen an, die im Winter auf der Straße leben. Tausende zusätzliche Betten werden bereitgestellt - und doch genügt das nicht, kritisiert die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W).

Keine Großstadt bietet genug zusätzliche Unterkünfte an, um der Zahl an Menschen ohne Dach über dem Kopf gerecht zu werden. Bundesweit machen laut BAG W etwa 52.000 Menschen Platte. "Platte machen", das bedeutet, komplett auf der Straße zu leben, unter Brücken, in leerstehenden Häusern. Hinzu kommen aber noch Tausende sogenannte Wohnungslose: Menschen, die keine durch ein Mietverhältnis gesicherte Wohnung haben und oft in wechselnden Unterkünften unterkommen, die von der Öffentlichkeit gestellt werden, oder bei Freunden und Familienmitgliedern. Die BAG W geht hier von rund 860.000 Betroffenen aus.

Hohe Dunkelziffer

Die Zahlen erfassen der BAG W zufolge aber längst nicht mehr die aktuelle Situation. Sie beziffern die Anzahl der Menschen, die 2016 ohne Wohnung waren. Aktuellere Zahlen gibt es bislang noch nicht. Doch ausgehend von einem Anstieg von 2014 zu 2016 um 150 Prozent, vermutet die Organisation, dass mittlerweile bundesweit mehr als eine Million Menschen über keine Wohnung verfügen.

Auch die Zahl der Kältetoten in Deutschland kann immer nur geschätzt werden. Laut Werena Rosenke, der Geschäftsführerin der BAG W, wurden seit 1991 mehr als 300 Fälle offiziell erfasst. Doch es sei von einer weitaus höheren Dunkelziffer auszugehen. In diesem Jahr seien bereits vor dem meteorologischen Winterbeginn am 1. Dezember acht Menschen auf der Straße wegen der Kälte gestorben.

BAG W kritisiert Mängel in Notunterkünften

Mit die höchste Zahl an Menschen ohne festen Wohnsitz hat in Deutschland Berlin. Sowohl die evangelische Diakonie als auch die katholische Caritas gehen von bis zu 10.000 Menschen aus, die hier auf der Straße leben. Die Hauptstadt stellt in den kalten Monaten 1000 zusätzliche Übernachtungsplätze zur Verfügung, hinzu kommen zwei U-Bahnhöfe, die nachts für Obdachlose geöffnet werden. Und erstmals öffnen auch zwei Berliner Clubs in diesem Jahr für Menschen ohne Wohnung ihre Türen - einmal pro Woche können Obdachlose laut der Berliner Kältehilfe auch hier über Nacht unterkommen.

In München stehen im Rahmen der Winternothilfe 850 zusätzliche Betten zur Verfügung, Hamburg kommt auf 760 und Köln auf 600 zusätzliche Übernachtungsmöglichkeiten.

Doch viele dieser Unterkünfte seien nicht nur überbelegt, es mangele auch sonst am Nötigsten, sagte Rosenke der Nachrichtenagentur epd. Schlechte Hygiene, fehlende Privatsphäre, Verbote für Hunde, zählte sie auf. Und auch die geöffneten U-Bahnhöfe sind für sie "nur ein allerletzter Notnagel, denn wenn es richtig kalt wird, kann man auch da erfrieren".

130.000 Minderjährige in Großbritannien obdachlos

Nicht nur in Deutschland ist eine zunehmende Wohnungslosigkeit ein Problem. In Großbritannien sind nach Schätzungen der Wohltätigkeitsorganisation Shelter rund 320.000 Menschen obdachlos, darunter 130.000 Minderjährige. Im Vergleich zu 2013 ein Anstieg um fast 60 Prozent an Minderjährigen auf der Straße. In Deutschland sind laut BAG W etwa 30.000 Minderjährige obdachlos.

Ungarn kommt auf etwa 20.000 Obdachlose. Seit September geht der Staat sogar per Gesetz gegen die Menschen auf der Straße vor. Nach drei Verwarnungen, müssen sie, wenn sie sich im "öffentlichen Raum" aufhalten, sogar mit einer Haftstrafe rechnen. Im Winter bietet Ungarn 11.000 Notunterkünfte an.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 22. November 2018 um 06:30 Uhr.

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