Ein Nagelkreuz steht in Berlin hinter einer Bibel auf einer Bühne vor der Gedächtniskirche.  | Bildquelle: dpa

EKD arbeitet Missbrauch auf "Die Last bleibt ein Leben lang"

Stand: 12.11.2019 09:49 Uhr

Sexualisierte Gewalt - das gab es auch in der evangelischen Kirche. Ein 11-Punkte-Plan sollte zur Aufarbeitung beitragen. Doch von Betroffenen kommt Kritik. Heute wird Bilanz gezogen.

Von Tilmann Kleinjung, BR

Wilfried Knorr erinnert sich noch gut an den Tag, an dem er Besuch bekam. Ein ehemaliger Bewohner des Diakoniedorfes Herzogsägmühle hatte sich bei ihm gemeldet. "Dieser Mensch saß tatsächlich auf der Terrasse unseres Restaurants mit dem Rücken zu dem Haus, in dem er damals gewohnt hatte, und schaffte es zwei Stunden lang nicht dieses Haus anzuschauen, in dem er damals missbraucht worden war", berichtet Knorr.

In Herzogsägmühle, im oberbayerischen Pfaffenwinkel leben und arbeiten Menschen mit den verschiedensten Problemen: Suchtkranke, Menschen mit Behinderung, Wohnungslose. Trägerin der Einrichtung ist seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die evangelische Innere Mission. Durch seinen Besucher erfährt Direktor Knorr, dass auch Herzogsägmühle eine Missbrauchsgeschichte hat.

Kein Massenphänomen

"Ganz überwiegend ist es erstmal Missbrauch durch Angestellte. Peer-Group-Missbrauch - Jugendliche gegen Jugendliche - das ist dokumentiert", so Knorr. "Und jetzt haben wir einen Hinweis bekommen, dass ein Geistlicher, der Ende der 1960er-Jahre in Herzogsägmühle gelebt hat, des Missbrauchs beschuldigt wird."

Es ist kein Massenphänomen: Seit Ende der 1990er-Jahre haben sich etwa zehn Betroffene gemeldet. Die Einrichtung reagierte, gemeinsam mit anderen Heimen und Häusern der Diakonie wurden ein Präventionskonzept ausgearbeitet und ehemalige Bewohner aufgefordert: "Meldet Euch, wenn Ihr in Herzogsägmühle Missbrauch oder Misshandlung erlebt hat."

Damit ist diese Einrichtung deutlich weiter als die evangelische Kirche. "Ich persönlich finde es gut, dass sich die Kirche mit dem Thema auseinandersetzt", sagt Knorr. "In der Tat finde ich aber, dass es zu spät kommt. Die Fachwelt hat ihre Schutzkonzepte schon vor zehn Jahren erarbeitet.

Im vergangenen Jahr haben sich bei den Evangelischen Landeskirchen etwa 300 Betroffene gemeldet, deren Fälle noch nicht bekannt waren. Die Taten liegen teils 30, 40 Jahre zurück. Insgesamt spricht die EKD von 770 Missbrauchsfällen, die angezeigt beziehungsweise dokumentiert sind. Ein vollständiges Bild verspricht sich die Kirche von einer wissenschaftlichen Studie, die nun in Auftrag gegeben werden soll.

Dabei geht es, so Nikolaus Blum vom Beauftragtenrat der EKD, nicht nur um den Missbrauch durch Geistliche. "Es geht um alle Fälle sexualisierter Gewalt, auch zwischen Erwachsenen, auch zwischen anderen Berufsgruppen. Kann ja auch sein, dass bei Kirchenmusikern so was vorkommt - oder auch zwischen Teilnehmern von Veranstaltungen. ", sagt er. "Leider erleben wir, dass bei Jugendlichen-Camps sexuelle Übergriffe zwischen Beteiligten vorkommen. Alle diese Fall-Konstellationen sollen aufgearbeitet werden."

Gestern hat die Synode beschlossen, in ihrem Haushalt für 2020 rund 1,3 Millionen Euro für die Aufarbeitung und Aufklärung des sexuellen Missbrauchs einzuplanen. Bereits umgesetzt wurde die Einrichtung einer von der Kirche unabhängigen Anlaufstelle für Betroffene. Hier gingen seit Juli etwa 200 Meldungen ein.

Betroffene fordern Entschädigungen

Von Betroffenen allerdings kommt Kritik. Die Anlaufstelle könne keine konkrete Hilfe bieten und verweise die Anrufer wieder an die Landeskirchen zurück. Umstritten ist auch die Haltung der EKD, Betroffenen keine pauschale Entschädigung anzubieten. Hier setzt man weiter auf individuell ausgehandelte Unterstützungs- und Anerkennungsleistungen - in der Regel im vierstelligen Bereich.

Kerstin Claus vom Betroffenenrat beim Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung fordert, dass die Kirche auch über angemessene Entschädigungen nachdenkt. In der katholischen Kirche werden gerade pauschale Summen von 300.000 Euro pro Fall diskutiert. "Die Last bleibt ein Leben lang. Und dann muss ich als Kirche darüber nachdenken, wie ich mich dazu verhalte, wenn es in dieser Kirche zu diesen Taten gekommen ist", so Claus. "Für mich klingt der Satz tatsächlich zynisch: Das Leid lässt sich nicht entschädigen. Und deswegen versuchen wir es erst gar nicht."

In Dresden kann die evangelische Kirche noch keinen Schlussstrich unter ihre Missbrauchsgeschichte ziehen. Sie beginnt gerade erst mit der systematischen Aufarbeitung.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 12. November 2019 um 09:22 Uhr.

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