#metwo | Bildquelle: Screenshot Twitter, tagesschau.d

#MeTwo-Debatte Das Netz diskutiert Alltagsrassismus

Stand: 27.07.2018 17:11 Uhr

Nach den Rassismus-Vorwürfen von Mesut Özil schildern immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund ihre Erfahrungen mit Diskriminierung im Alltag. Tausende diskutieren auf Twitter unter dem Hashtag #MeTwo.

Von Dominik Lauck, tagesschau.de

Die Rassismusdebatte, die Fußball-Nationalspieler Mesut Özil mit seinen Vorwürfen gegen den DFB ausgelöst hat, findet im Netz eine unerwartete Fortsetzung. Unter dem Hashtag #MeTwo teilen Zigtausende Menschen auf Twitter ihre Erfahrungen mit Diskriminierung. Der Aktivist Ali Can hat das Schlagwort ins Leben gerufen. Innerhalb von zwei Tagen wurde es zum meistgeteilten Begriff in den deutschsprachigen sozialen Netzwerken. Auch zahlreiche Prominente und Politiker haben sich an der Diskussion beteiligt.

"Ich hätte niemals damit gerechnet, dass sich so viele melden würden, als ich meinen ursprünglichen #MeTwo-Kommentar gepostet hatte", sagte Can im Gespräch mit tagesschau.de. "Es zeigt, dass diese Debatte längst überfällig ist, aber sie hat einen öffentlichen Impuls gebraucht.

Ali Can, ehemaliger Asylbewerber, lächelt in die Kamera. | Bildquelle: dpa
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Ali Can, ein ehemaliger Asylbewerber, der eine "Hotline für besorgte Bürger" eingerichtet hat, hat den Hashtag #MeTwo ins Leben gerufen.

#MeTwo ist angelehnt an #MeToo

Das Schlagwort #MeTwo ist angelehnt an "den großen, weltweiten #MeToo-Skandal aufgrund des Sexismus in Hollywood", erläutert Can. "Ich dachte, es braucht endlich einen Raum für Menschen mit Migrationshintergrund".

Der 25 Jahre alte Can stammt aus der Türkei und kam mit seiner Familie 1995 nach Deutschland. 'MeTwo, zu deutsch "Ich Zwei" habe er bewusst gewählt. "Die Zwei als Symbol. Man kann Deutsch sein und sich trotzdem zu einem anderen Land verbunden fühlen - weil man dort geboren wurde, weil man die Sprache spricht, weil die Eltern daher kommen." So gehe es derzeit vielen Flüchtlingen, die in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben.

Zwei Herzen in einer Brust

Auch Can empfindet so: "In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Ich wohne in Deutschland, aber ich fühle mich mit dem Osten der Türkei verbunden." Ihn berührte ein Satz von Özil besonders: "Wenn man erfolgreich ist, ist man ein guter Deutscher, wenn nicht, dann ein Migrant."

Dennoch steht er nicht bedingungslos hinter dem zurückgetretenen Nationalspieler. "Die Kritik an ihm finde ich immer noch berechtigt. Özil ist ein Fußballer mit mangelndem diplomatischen Bewusstsein. Dass er das Bild mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan als unpolitisch bezeichnet hat, ist völlig naiv", sagt Can. "Das legitimiert bei Weitem trotzdem nicht, dass man ihn diskriminiert, ausgrenzt und rassistisch beleidigt."

Prominente und Politiker beteiligen sich

Viele Prominente teilen unter #MeTwo ihre Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus.

"Wenn ich im übervollen Zug der einzige Nichtweiße bin, Polizei steigt ein, und der einzige, der seinen Ausweis zeigen muss, bin ich", schreibt der "Spiegel"-Journalist Hasnain Kazim. Der Autor hat schon zuvor immer wieder Hassmails öffentlich gemacht, die er regelmäßig bekommt.

Der frühere Grünen-Chef Cem Özdemir berichtet, wie er in der Schule ausgelacht wurde: "In der 4. Klasse fragte der Lehrer, auf welche weiterführende Schule wir gehen wollten. Ich hob den Arm beim Gymnasium. Der Lehrer lachte, dann stimmte die ganze Klasse mit ein. Mein Wunsch war das eine, meine Noten das andere. In der 5. kam ich auf die Hauptschule."

Außenminister Maas ruft auf, die Stimme zu erheben

Auch andere Spitzenpolitiker verfolgen die Diskussion im Netz aufmerksam. Bundesaußenminister Heiko Maas zeigte sich erschüttert. "Wer glaubt, Rassismus in Deutschland sei kein Problem mehr, dem empfehle ich, sich sämtliche #MeTwo-Tweets durchzulesen. Es ist beeindruckend und schmerzhaft, wie viele Menschen hier ihre Stimme erheben", erklärte Maas. "Erheben wir unsere Stimme mit ihnen: gegen Rassismus, jederzeit, überall."

Der Bundesvorsitzende der Grünen, Robert Habeck, sieht in den Schilderungen mehr als nur einzelne Schicksale: "Sprache schafft Welt und Wirklichkeit", twitterte Habeck. "Die Alltagserfahrungen von Diskriminierung und Rassismus unter #metwo sind nicht nur persönliche Geschichten. Sie sind eine politische Bewegung für Anerkennung und Respekt. Danke."

50.000 Postings innerhalb von zwei Tagen

Seit Mittwoch wurde der Hashtag "MeTwo" mehr als 50.000 Mal getwittert. Zeitweise wurde sogar mindestens ein Tweet pro Sekunde mit dem Schlagwort abgesetzt. Viele Postings werden Hundert-, manche gar Tausendfach geteilt.

Ein Betroffener schildert eine Situation, die er im Supermarkt erlebt hat: "Lange Schlange an der Kasse. Ich sag zum älteren Mann hinter mir: 'Sie können ruhig vor.' - 'Nein danke, ich habe dich lieber im Blick.'"

Viele alltägliche Schilderungen

Eine andere Frau beschreibt, wie es ihrer Mutter in einem Hotel erging, als eine wildfremde Person auf sie zukam: "Meine Mutter, die während einer Geschäftsreise in einem Hotel auf dem Flur steht und die Frau, die zu ihr kommt und sagt 'Sie können mein Zimmer jetzt gerne machen.'"

Es sind aber nicht nur negative Erlebnisse, die die Betroffenen schildern, viele berichten auch von positiven Situationen, die ihnen geholfen und Mut gemacht haben.

Hier einige ausgewählte #MeTwo-Tweets:

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Juli 2018 um 18:36 Uhr.

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