Krankenhauspersonal versorgt einen Patienten | Bildquelle: dpa

Zusammenlegung von Kliniken Schnelle Hilfe oder spezielle Hilfe?

Stand: 06.01.2020 15:50 Uhr

Lieber mehr Kliniken, die schnell erreichbar sind? Oder lieber weniger Kliniken, die gut ausgestattet und spezialisiert sind? Letzteres fordern einige Experten. Die Haltung der Ministerpräsidenten dazu ist unterschiedlich.

In der Diskussion über die Zukunft kleinerer Krankenhäuser sehen einige Landesregierungen nur bedingt einen Bedarf für Schließungen zugunsten spezialisierterer Kliniken. In Gesprächen mit der Deutschen Presse-Agentur hoben mehrere Regierungschefs die Bedeutung einer guten Versorgung in der Fläche hervor.

"Wir wollen ganz bewusst in unserem großen Flächenland ein dezentrales Krankenhausangebot aufrechterhalten", sagte etwa Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Es gebe ein tiefes Bedürfnis nach guter medizinischer Versorgung in erreichbarer Nähe. Es brauche aber zukunftsfähige Konzepte, nicht jeder Standort sei optimal.

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil | Bildquelle: dpa
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Stephan Weil: "Wir wollen ganz bewusst in unserem großen Flächenland ein dezentrales Krankenhausangebot aufrechterhalten."

Eine aktuelle Umfrage zeigt: Die niedersächsischen Krankenhäuser sehen den Fachkräftemangel als größte Herausforderung für das laufende Jahr. 94 Prozent der Krankenhäuser hätten es als schwierig oder sehr schwierig bezeichnet, offene Stellen im ärztlichen Dienst zu besetzen, teilte die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG) mit. Für den Pflegedienst hätten dies 92 Prozent der Krankenhäuser angegeben.

Die NKG hatte eine Umfrage unter den 172 Krankenhäusern in Niedersachsen gemacht, 81 Prozent davon beteiligten sich daran.

Fehlendes Personal ist im Gesundheitswesen ein großes Problem, gesucht werden sowohl Pfleger als auch Ärzte. "Der Hinweis auf abstrakte Statistiken kann nicht das tief sitzende Bedürfnis der Menschen ersetzen, für alle Fälle in der Nähe ein Krankenhaus zu haben", sagte Weil.

Bertelsmann-Studie sorgte für Wirbel

Viele Experten halten es dagegen für sinnvoll, kleinere Kliniken zu größeren zusammenzulegen und stärker auf Spezialisierung zu setzen. Für Wirbel hatte im Sommer eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung gesorgt: Statt knapp 1400 Kliniken bundesweit reichten deutlich unter 600 Krankenhäuser aus, hieß es dort.

Das rief massive Kritik bei Ärzten und Kliniken hervor. Ärztepräsident Klaus Reinhardt forderte kürzlich aber auch eine "Bereinigung der Kliniklandschaft", in Ballungsgebieten gebe es zu viele Standorte.

"Innerhalb von 30 Minuten ein Krankenhaus erreichen"

Sein Amtskollege aus Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, sagte, er wolle "eine Krankenhauslandschaft, in der alle Patientinnen und Patienten innerhalb von 30 Minuten ein Krankenhaus erreichen". Tendenziell gebe es aber eine Überversorgung in den Ballungsgebieten und eine Unterversorgung auf dem Land. Gleichzeitig gebe es Doppelangebote. Deshalb seien Konzentrationsprozesse und Spezialisierungen nötig.

Die Regierungschefin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, verwies auf den Anspruch auf gleichwertige Lebensverhältnisse: Das heiße, "dass die Grundversorgung in der Fläche gewährleistet werden muss, auch in der Krankenhaus-Versorgung". Es gehe um die Grundversorgung auf dem Land, nicht um hoch spezialisierte Leistungen.

Das sieht der Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, Daniel Günther, ähnlich. "In einem Flächenland wie Schleswig-Holstein haben wir ein großes Interesse daran, dass es in allen Teilen des Landes Klinikstandorte gibt", sagte er. Es habe im Land bereits Schließungen einzelner Stationen gegeben, "weil schlicht nicht genügend Personal da war". Deshalb müsse die Klinikstruktur überprüft werden.

Ramelow für stärkere Spezialisierung

In Thüringen hält Ministerpräsident Bodo Ramelow eine stärkere Spezialisierung der Krankenhäuser für angezeigt. "Die Landesregierung befürwortet eine flächendeckende Krankenhausversorgung mit spezialisierten Zentren mit hoher Fachkompetenz", sagte er. Eine stärkere Spezialisierung bedeute jedoch nicht, dass Krankenhäuser schließen müssten. Sie seien gerade in ländlichen Regionen notwendig zur Absicherung einer ortsnahen Versorgung.

Von Bremens Regierungschef Andreas Bovenschulte hieß es knapp, Pläne, Klinikstandorte zu schließen, gebe es nicht.

Söder sieht Bayern schon gut aufgestellt

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sieht die Krankenhausversorgung im Freistaat flächendeckend gewährleistet: "Wir wollen Spitzenmedizin auch vor Ort im ländlichen Raum. Beides ist wichtig in einem Flächenland: Spitzenmedizin und regionale Erreichbarkeit", sagte der CSU-Chef. In Bayern sei das erreicht worden, unter anderem mit Investitionen und einem Schutzschirm für kleine Häuser, damit diese den Transformationsprozess zu mehr Wirtschaftlichkeit schafften.

Markus Söder spricht beim CDU-Bundesparteitag Ende November 2019. | Bildquelle: dpa
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Markus Söder: "Wir wollen Spitzenmedizin auch vor Ort im ländlichen Raum."

Kaum mehr Reformbedarf sieht Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. "Ich sehe Sachsen da nicht an vorderster Stelle, Veränderungen zu leisten", sagte er. Wenn es Probleme gebe, dann nur punktuell. "Wir haben eine Kliniklandschaft, die solide und konsolidiert ist", betonte Kretschmer.

Flächendeckende Versorgung als Herzstück

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen betonte, die flächendeckende Versorgung als Herzstück des Gesundheitswesens und nötige Qualitätsverbesserungen durch Spezialisierungen seien kein Widerspruch, sondern gemeinsam Grundlage für die zukunftsweisende Patientenversorgung.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz begrüßte, dass sich die Länderchefs gegen die Schließung kleinerer Kliniken aussprechen. Der Erhalt von Standorten werde Geld kosten, sagte Vorstand Eugen Brysch. "Aber kein Wort der Ministerpräsidenten dazu, wer das zahlen soll." Die Länder gäben seit Jahren kaum etwas für Instandhaltung und Modernisierung aus. Es brauche endlich ein bundesweites Konzept zur Zukunft der Kliniken.

Barmer-Chef sieht "irrationale Liebe der Bürger"

Der Chef der Barmer-Krankenkasse, Christoph Straub, sprach von einer "mitunter irrationalen Liebe der Bürger, der Politik und der Medien zu ihrem wohnortnahen Krankenhaus". Daran seien bisher alle Versuche gescheitert, Häuser ausschließlich nach hoher Versorgungsqualität und medizinischer Sinnhaftigkeit zu betreiben, schrieb Straub in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Er schlug vor, dass sich die Kassen an den Investitionskosten beteiligen und ein Mitspracherecht bei der Krankenhausplanung bekommen könnten.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL am 06. Januar 2020 um 15:12 Uhr.

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