Ein Kind spielt im Sandkasten | dpa

Studie der Bertelsmann Stiftung Corona droht Kinderarmut zu verschärfen

Stand: 22.07.2020 06:49 Uhr

Ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland lebt laut einer Studie in Armut - und die Corona-Krise droht die Probleme zu verschärfen. Regional gibt es große Unterschiede.

Rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche wachsen laut einer Berechnung der Bertelsmann Stiftung in Armut auf - das sind 21,3 Prozent aller unter 18-Jährigen. Fast jedes siebte Kind (13,8 Prozent) erhält demnach die Grundsicherung. Trotz guter wirtschaftlicher Entwicklung verharre die Kinder- und Jugendarmut damit auf hohem Niveau. Sie bleibt der Analyse zufolge mit unverändert hohen Zahlen eine "unbearbeitete Großbaustelle".

Seit Jahren sei der Kampf gegen Kinderarmut "eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland", so die Stiftung. Dennoch gebe es seit 2014 im bundesweiten Durchschnitt wenig Verbesserungen. Die Corona-Krise drohe das Problem noch zu verschärfen.

Die Untersuchung der Stiftung legt eine kombinierte Armutsmessung zugrunde. Sie berücksichtigt Kinder aus Familien, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte beträgt. Und es sind Heranwachsende im Grundsicherungsbezug eingerechnet, deren Familien Hartz IV erhalten. Das ungelöste Problem der Kinderarmut habe erhebliche Folgen für Aufwachsen, Wohlbefinden, Bildung und Zukunftschancen, betonte die Stiftung in Gütersloh.

Regionale Unterschiede

Regional gibt es starke Unterschiede. Nach Bundesländern werden in den Stadtstaaten Bremen und Berlin besonders viele Kinder und Jugendliche in finanziell schwachen Verhältnissen groß. In Bayern und Baden-Württemberg sieht es für sie im Vergleich am besten aus. Auch auf kommunaler Ebene zeigt die Erhebung drastische Unterschiede: Besonders viele Jungen und Mädchen seien in Bremerhaven, Mönchengladbach und Wilhelmshaven von Armut betroffen sowie in den Ruhrgebietsstädten Gelsenkirchen, Herne, Duisburg und Dortmund. Hingegen sind in einigen Kommunen im Süden Deutschlands nur wenige durch Armut belastet.

Vor allem bei Freizeitgestaltung und sozialer Teilhabe bestehe eine starke Unterversorgung. Zwei Drittel der armen Kinder können laut Analyse mit ihrer Familie nicht einmal eine Woche im Jahr in Urlaub fahren. Bei vielen reiche das Geld nicht für einmal im Monat Kino, Konzert oder Essengehen.

Infografik: Kinderarmut in Deutschland |

Verschärfung durch Corona-Krise droht

Klassenfahrten, Schüleraustausch oder Einladungen nach Hause seien schwierig. Auch beim Homeschooling seien Kinder aus armen Verhältnissen benachteiligt, weil sie seltener über die notwendige technische Ausstattung verfügten und auch keine Rückzugsräume zum ungestörten Lernen hätten.

Stiftungsvorstand Jörg Dräger warnte, es drohe zudem noch ein deutlicher Armutsanstieg. Die Folgen der Corona-Pandemie treffe Eltern benachteiligter Kinder besonders hart. Sie arbeiteten häufiger in Teilzeit oder als Minijobber und gehörten zu der Gruppe, die als erste ihren Job verliere, kaum oder kein Kurzarbeitergeld erhalte. Zugleich fallen viele Unterstützungsangebote für bedürftige Heranwachsende weg, wie Dräger schilderte. "Die Vermeidung von Kinderarmut muss gerade in der Corona-Krise politische Priorität bekommen."

"Ein unfassbarer Skandal"

"Kinderarmut in unserem reichen Land ist ein unfassbarer Skandal, weil sie Lebenschancen der Kleinsten verbaut", kritisierte Linke-Bundestagsfraktionschef Dietmar Bartsch. Es sei ein schweres Versäumnis von Kanzlerin Angela Merkel und den Bundesregierungen der vergangenen Jahre, hier keine entscheidende Verbesserung erreicht zu haben. SPD-Bundestagsfraktionsvize Katja Mast schrieb auf Twitter, Kinderarmut sei "nicht hinnehmbar". Deshalb wolle ihre Partei eine Kindergrundsicherung. "Es geht um eine auskömmliche Geldleistung für jedes Kind und ein starkes öffentliches Angebot, das Bildung und Teilhabe ermöglicht."

Über dieses Thema berichtete am 22. Juli 2020 Deutschlandfunk um 08:00 Uhr in den Nachrichten und die tagesschau um 12:00 Uhr.