Eine Muslima mit Kopftuch steht vor dem Brandenburger Tor | Bildquelle: dpa

"Junge Islam Konferenz" Dialog statt Spaltung

Stand: 21.04.2018 22:11 Uhr

Warum fühlen sich Muslime ausgegrenzt? Aber auch: Wie kann menschenverachtendes Verhalten von Muslimen geahndet werden? Darüber beraten Muslime und Nicht-Muslime in Berlin.

Von Marie von Mallinckrodt und Ariane Reimers, ARD-Hauptstadtstudio

Es sind keine einfachen Zeiten, um die Rolle des Islam in Deutschland zu diskutieren: Es gibt Berichte über antisemitische Angriffe, islamistische Gefährder, über Straftäter mit Migrationshintergrund und Clan-Strukturen, die deutsches Recht ignorieren. Hinzu kommt der frisch gekürte Innenminister Horst Seehofer, der mit dem Satz "der Islam gehört nicht zu Deutschland" vielen muslimischen Einwanderern ausgrenzende Signale sendet.

Auf der "Jungen Islam Konferenz" geht es um gesellschaftlichen Zusammenhalt, um Themen wie Salafismus, Islamfeindlichkeit oder Religion. An diesem Wochenende diskutieren 40 junge  Muslime und Nicht-Muslime in Berlin. Bundesweit hat die "Junge Islam Konferenz" ein Netzwerk von 500 Mitgliedern. Viele von ihnen sind zivilgesellschaftlich engagiert.

Bundesinnenminister Horst Seehofer
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Seehofers Satz, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, vermittelt Muslimen ein Gefühl der Ausgrenzung.

Zu ihnen zählt Serdar-Veli Sari. Er ist 21 Jahre alt, geboren in Köln. Er studiert Asienwissenschaften und arbeitet ehrenamtlich bei "Zusammenhalt jetzt", ein vom nordrhein-westfälischen Familienministerium finanziertes Projekt, das den Dialog zwischen Jugendlichen unterschiedlichster Herkunft fördern will. Das Ziel: Verständnis füreinander zu entwickeln.

An der "Jungen Islam Konferenz" nehme er teil, um Vorurteile abzubauen und einem Auseinanderdriften in der Gesellschaft entgegenzuwirken, sagt Sari.

Ausgrenzung auch als Deutsche

"Wie kommen wir weg von einer Diskussion, die trennt zwischen 'wir' und 'Ihr'". Diese Kernfrage, die die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli in ihrem Grußwort formuliert, zieht sich wie ein Leitfaden durch die gesamte Diskussion. Dazu gehört auch die Debatte um Identitäten.

Für den Studenten Sari ist die Antwort einfach: "Ich kam hier zur Welt, ich habe hier die Schulen besucht, ich bin Deutscher. Und ich wurde nicht im Mutterleib integriert. Nein, ich bin Deutscher und da gibt es nichts zu integrieren." Den türkischen Doppelpass habe er letztlich wegen des Erbrechts, nur mit einem türkischen Pass könnten er und seine Geschwister eines Tages die Erbschaft seiner Familie antreten.

Ihn stört, dass Muslime in der aktuellen Debatte mehr und mehr in bestimmte Schubladen gepackt werden. Man reduziere ihn auf den Islam oder eine türkische Identität.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Staatssekretärin Sawsan Chebli unterhalten sich vor der Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses am 12.01.2017 in Berlin (Quelle: dpa/Jörg Carstensen) | Bildquelle: picture alliance / Jörg Carsten
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Staatssekretärin Sawsan Chebli beklagt in ihrem Grußwort fehlende Empathie.

Menschen, die in der dritten Generation in Deutschland leben, werde vermittelt, sie gehörten nicht dazu, auch wenn sie sich selbst als Deutsche definierten, beklagt auch Sawsan Chebli - mit Konsequenzen. Ihr Neffe definiere sich etwa als Palästinenser. "Es gibt wahnsinnig viel Unverständnis über das mangelnde Verständnis der Mehrheitsgesellschaft, Frust über fehlende Empathie, über Mitmenschlichkeit und alle fragen sich tatsächlich, ist das eigentlich noch mein Land?"

Fehlentwicklungen thematisieren

Die "Junge Islam Konferenz" beschäftigt sich aber nicht nur mit Islamfeindlichkeit und Ausgrenzung, sondern auch mit den Integrationshindernissen, die die Einwanderer mitbringen: "Natürlich muss sich die muslimische Gemeinschaft kritischer mit den Fehlentwicklungen in ihren eigenen Reihen auseinandersetzen: Da geht es um Homophobie, Antisemitismus und Radikalisierung", sagt die Berliner Staatssekretärin Chebli und fügt hinzu: "Ich sage das nicht, weil ich will, dass ich dann Kronzeugin bin, sondern weil ich weiß, dass uns das am Ende alle weiterbringt." Dafür, dass sie Antisemitismus von Muslimen so offen kritisiert, werde sie auch schon mal als "Verräterin" beschimpft.

Melderegister zu menschenverachtenden Vorfällen

Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin aus Nordrhein-Westfalen, betreut in Essen ein Präventionsprogramm gegen Antisemitismus und ein Forschungsprojekt zur Islamfeindlichkeit. Auf der "Jungen Islam Konferenz" leitet sie einen Workshop und fordert, Lehrer an den Schulen besser auszubilden. Sie fügt hinzu: "Was noch viel wichtiger ist, dass Schulen per Erlass von Bildungs- und Schulministerien gezwungen werden, solche Vorfälle zu melden, nicht nur die antisemitischen Vorfälle, sondern weitere menschenverachtende Vorfälle. Es müsste tatsächlich so etwas wie ein Melderegister geben."

Lamya Kaddor | Bildquelle: dpa
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Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor fordert ein Melderegister für menschenverachtendes Verhalten in Schulen.

Serdar-Veli Sari meint, es sei wichtig, dass Prediger in den Moscheen Deutsch sprechen und dass sie an deutschen Hochschulen ausgebildet werden. Sprache sei schließlich auch Zugehörigkeit: "Allgemein bilden Moscheen für viele deutsche Muslime ein identitätsstiftendes Merkmal und wenn in dieser Institution die starke Präsenz der deutschen Sprache fehlt, fehlt auch eine gewisse Zugehörigkeit zu der Sprache." Er will weitermachen, den Dialog dort suchen, wo es schwierig wird. Die "Junge Islam Konferenz" gebe ihm dafür Kraft und Zuversicht.

Über dieses Thema berichtete der Bericht aus Berlin am 22. April 2018 um 18:30 Uhr.

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