Hans Königsmann | Bildquelle: SWR

SpaceX-Vize zum Raketenstart "Das ist ein Big Deal"

Stand: 27.05.2020 04:52 Uhr

Der deutsche Raumfahrtingenieur Hans Königsmann ist Vizepräsident von SpaceX. Im Interview mit tagesschau.de erzählt der 57-Jährige, was der Flug von SpaceX zur ISS für ihn bedeutet.

tagesschau.de: SpaceX wird zum ersten Mal bemannt zur ISS fliegen. Sind Sie aufgeregt?

Königsmann: In gewisser Hinsicht bin ich immer nervös, wenn wir starten. Dieses Mal ganz besonders, weil zwei Menschen mitfliegen. Wir haben lange darauf hingearbeitet, dass wir Menschen in den Weltraum fliegen, und das ist jetzt der Höhepunkt.

tagesschau.de: Was bedeutet dieser Start für Sie und SpaceX?

Königsmann: In der Geschichte von SpaceX ist das definitiv ein Meilenstein. Dieser Flug hat viele Auswirkungen, nicht nur, dass wir endlich Astronauten fliegen. Es ist auch insgesamt ein Schritt in der Raumfahrt: eine neue Kapsel, ein neues bemanntes Vehikel. Und für die USA ist es die Rückkehr zur bemannten Raumfahrt. Das ist ein "Big Deal".

Hoffentlich geht alles gut, hoffentlich haben wir alles gemacht, was wir hätten machen können.

Vor 18 Jahren haben wir angefangen, und der 28.5.2020 ist tatsächlich mein SpaceX - anniversary, da bin ich seit 18 Jahren bei SpaceX.

Es ist ein bisschen unglücklich, dass wegen der Corona-Situation nicht alle zusammenkommen und feiern können. Das ist sehr schade: Es gibt keine Party. Es sollen eigentlich auch gar keine Zuschauer kommen. Ich werde in Florida im Kontrollzentrum sein.

tagesschau.de: Mittelfristig werden wohl zwei Privatunternehmen - SpaceX und Boeing - zur ISS fliegen können. Jahrelang haben beide für die NASA eine Raumkapsel entwickelt. Sie hatten die Nase vorn und fliegen nun zuerst. War das eine Art Wettrennen?

Königsmann: Von Seiten der NASA kann ich verstehen, dass man zwei Anbieter haben will. Es kann immer mal etwas passieren, und dann muss man untersuchen, was das Problem ist, und in der Zeit könnte man ja nicht fliegen. Darum sind zwei verschiedene Anbieter durchaus smart und auch gut fürs Business, das schafft Wettbewerb. Aber wenn man auf der anderen Seite arbeitet wie ich, ich habe Scheuklappen auf. Ich schaue nicht, was andere Anbieter machen, sondern konzentriere mich auf meine Arbeit.

tagesschau.de: Was genau ist Ihre Rolle im Unternehmen?

Königsmann: Ich leite die Abteilung für - das hört sich im Deutschen hölzern an - Zuverlässigkeit. Wir stellen sicher, dass die Flüge gelingen. Wir untersuchen alle Teile, die zum Einsatz kommen und werten zudem die Daten von Flügen aus. Letztendlich hat mich immer interessiert, die Rakete zu starten und sicherzustellen, dass alles gut geht.

Ich war bei vielen Starts der "launch chief engineer", hatte also die technische Verantwortung für den Start. Inzwischen arbeiten die "launch chief engineers" für mich, aber ab und zu mache ich den Job auch selbst, um noch zu wissen, wie das geht. Bei SpaceX wird von einem Vize-Präsident erwartet, dass er technisch arbeiten kann und seine Sache versteht. Das macht es für mich auch erträglich, denn ich will nicht nur Personalverantwortung haben.

tagesschau.de: SpaceX hat - neben den Flügen zur ISS und dem Starlink-Satelliten-Programm - immer noch das Ziel, zum Mars zu fliegen, oder?

Königsmann: Unsere Unternehmensphilosophie ist: Wir bauen Dinge und stellen eine aggressive timeline auf. Wir fliegen, so schnell es geht: Es wird nicht besser, wenn wir warten. Wir wollen im Jahr 2022 ein Schiff zum Mars schicken und dann ein Schiff mit Astronauten in 2024. Man kann nur alle zwei Jahre zum Mars fliegen. Wir haben die technische Kapazität, ein Schiff zu bauen, das zum Mars fliegen kann.

Ich weiß, das klingt sehr ehrgeizig. Vielleicht müssen wir 2022 sagen, wir haben es nicht ganz geschafft und müssen es um zwei Jahre verschieben. Was man aber immer bedenken muss: Die großen NASA-Programme haben viel Geld, wir haben in diesem Sinne kein Geld. Unser Parameter ist die Zeit.

tagesschau.de: In der Vergangenheit wurde SpaceX oft nicht ernst genommen. Ist der Flug zur ISS für Sie eine Genugtuung?

Königsmann: Ich weiß, dass wir am Anfang belächelt wurden. Irgendwann ist das "sich lustig machen" der offenen Feindschaft gewichen. Es gibt viele Dinge, die über SpaceX gesagt werden, die nicht wahr sind. Das ist etwas, was mich sehr ärgert.

Uns wird zum Beispiel vorgeworfen, dass die NASA die Entwicklungen von SpaceX zahlt. Das stimmt nicht. Die NASA zahlt für die Raumkapsel Dragon, die jetzt zur ISS fliegt. Die NASA zahlt nicht für andere Entwicklungen, die wir machen oder für Starts, die wir für andere machen. Wir überteuern auch keinen NASA-Start, um Geld zu verschieben. Wir sind einfach billiger, weil wir wiederverwertbare Raketen benutzen. Es ist billiger, wenn man die gleiche erste Stufe fünfmal hintereinander nutzt.

tagesschau.de: Elon Musk, der Firmengründer von SpaceX, macht seit jeher Schlagzeilen: durch ambitionierte Ankündigungen, Erfolge, aber auch Misserfolge. Ist es Ihnen egal, wie SpaceX in der Öffentlichkeit dasteht?

Königsmann: Das ist uns nicht egal. Ein Grund, warum ich das alles auch mache, ist, dass SpaceX in dem richtigen Licht dargestellt wird. Wir sind eine Firma, die unglaublich hart arbeitet. Wir sind mittlerweile eine zuverlässige Firma, die den nächsten Schritt gehen kann, und der heißt: bemannte Raumfahrt.

tagesschau.de: Die NASA hat stolz ankündigt, dass wieder amerikanische Astronauten von amerikanischem Boden mit amerikanischen Raketen starten. Wie wichtig ist das für die Amerikaner?

Königsmann: Das ist ein wichtiger Punkt. Die Raumstation ist nach wie vor international, und es geht darum, die Zusammenarbeit zwischen den Nationen zu stärken. Aber bei den Starts nur auf eine russische Rakete angewiesen zu sein, war vor allem für Amerika ein bitterer Punkt.

Das Interview führte Ute Spangenberger für tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. Mai 2020 um 11:00 Uhr.

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