Soldaten der Flugabwehrraketengruppe 21 der Luftwaffe der Bundeswehr üben den Aufbau einer Luftverteidigungsstellung. Dazu werden mehrere mobile Startgeräte (Launching Station) aufgestellt, die bis zu vier "Patriot"-Raketen tragen können. (Archivbild vom August 2019). | dpa
FAQ

Abwehrsystem für Deutschland Was kann ein Raketenschutz - und was nicht?

Stand: 29.03.2022 14:29 Uhr

Es ist technisch anspruchsvoll und teuer und soll vor allem abschrecken: ein Raketenabwehrsystem. Wie funktioniert so ein Schutzschild, wie gut schützt es vor Angriffen - und wo stößt es an Grenzen?

Die Bundesregierung prüft den Kauf eines Raketenabwehrsystems für Deutschland. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine und Wladimir Putins Drohungen gegen NATO-Staaten sprach Bundeskanzler Olaf Scholz von einem derzeit gewalttätigen Nachbarn, der nur mit Stärke abzuschrecken sei. Eine Möglichkeit: das israelische System "Arrow 3".

Wie funktioniert ein Raketenschutzschild?

Die Abwehr anfliegender Raketen erfolgt in unterschiedlichen Zielhöhen und wird vom Verteidigungsbündnis NATO gemeinsam organisiert. Die gegnerischen Waffensysteme werden mit Radaranlagen erkannt. Von Land oder See aus wird eine Abwehrrakete auf einen Kollisionskurs geschickt. Sie kann das Angriffssystem durch die Wucht ihrer eigenen kinetischen Energie zerstören oder der Rakete eine zerstörerische Splitterwolke in den Weg sprengen.

Welchen Schutz vor Raketenangriffen hat Deutschland schon?

Deutschland hat für den näheren Bereich und die Bekämpfung von Flugzeugen und Hubschraubern die Luftabwehrrakete "Stinger" im Einsatz. Das Geschoss wird von der Schulter abgefeuert. Nach dem Abschuss steuert ihr Lenksystem über Infrarot- und Ultraviolettsignale selbst anfliegende Ziele an. Die Reichweite beträgt bis zu sechs Kilometer. Deutschland lieferte kürzlich 500 Boden-Luft-Raketen des Typs an die Ukraine.

Auf die mittlere Distanz wirkt das größere "Patriot"-System bis in Höhen von 30 Kilometern. Deutschland verfügt noch über zwölf Abschussanlagen, was aber bei Weitem nicht für einen Schutz des gesamten Landes reicht. Eine "Fähigkeitslücke" wird der Bundeswehr bei der Abwehr von ballistischen Raketen bescheinigt, die auf ihrer Bahn große Höhen erreichen und deswegen nur noch recht nah vor dem Einschlag bekämpft werden können. Eine mögliche Antwort, die die Bundesregierung prüft, ist der Kauf der israelischen "Arrow 3"-Rakete.

Welche Fähigkeiten bietet das System?

Die "Arrow 3" bildet die höchste Stufe von Israels mehrstufiger Raketenabwehr und kann angreifende Waffensysteme bis über 100 Kilometer Höhe außerhalb der Atmosphäre im beginnenden Weltraum zerstören. Damit vergrößert sich auch die am Boden geschützte Fläche. Sprengköpfe werden weit vom Ziel zerstört. Das "Arrow"-System wird von dem Unternehmen Israeli Aerospace Industries in Zusammenarbeit mit dem US-Flugzeugbauer Boeing entwickelt und hergestellt. Auf israelischen Luftwaffenstützpunkten kommt "Arrow 3" seit 2017 zum Einsatz.

Wie gut kann es vor Angriffen schützen?

Militärexperten bremsen Erwartungen, man könne alle Raketen einer Angriffswelle abschießen. Immerhin: Ein System zur Abwehr von Kurzstreckenraketen wie der israelische "Iron Dome" (Eiserne Kuppel) soll inzwischen ungefähr 90 Prozent Trefferquote haben.

Schwieriger ist eine Abwehr von Mittel- und Langstreckenraketen. Lediglich eine "größere Zahl" dieser Raketen kann nach Einschätzung von Experten dadurch abgefangen werden. Einen hermetischen Schutz gegen Raketenangriffe gibt es nach Einschätzung von Militärexperten aber nicht. Es gehe darum, dem möglichen Angreifer einen Schritt voraus zu sein, und mögliche Gegenangriffe sind Teil der Abschreckung. Für die Hyperschallraketen, wie sie die russischen Streitkräfte bereits demonstrativ in der Ukraine eingesetzt haben, gibt es noch keine Abwehr.

Warum können Hyperschallraketen nicht abgefangen werden?

Sie sind in der Lage, bei extremer Geschwindigkeit Höhe und Richtung zu ändern - und somit der gegnerischen Flugabwehr auszuweichen. Denn während ballistische Waffen eine berechenbare Kurve beschreiben, bleiben die Hyperschallraketen bis kurz vor dem Ziel steuerbar. Eine Abwehrrakete müsste also nochmals agiler sein. "Hyperschallraketen mit ihrer neuartigen Kombination von Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit können alle gegenwärtigen Raketenabwehrsysteme überwinden und verkürzen radikal die Reaktionszeit des angegriffenen Akteurs", schrieb die Münchner Sicherheitskonferenz in ihrem Bericht 2019.

Wenn also ein Schutz nicht möglich ist, dann ist Abschreckung eine Alternative. Man setzt also auf die Entwicklung eines vergleichbaren Systems, um den Gegner abzuschrecken. Davon hielten deutsche Regierungen bislang nichts. Nachdem Russland sein Waffensystem getestet hatte, forderte im März 2019 der damalige Außenminister Heiko Maas eine Ächtung und ein Regelwerk.

Russland hat als erstes Land der Welt Hyperschallraketen entwickelt. Ziel war, den in Europa stationierten US-Raketenschild überwinden zu können. Auch in den USA und in China wird an der Entwicklung dieser Raketen gearbeitet.

Was kostet das "Arrow"-System und wann ist es einsatzbereit?

Die Bundesregierung hat erklärt, künftig mehr bereits auf dem Markt verfügbare Systeme beschaffen zu wollen und mit der Ausrüstung voranzukommen. Das System "Arrow 3" ist nach Angaben von Experten bereits darauf eingerichtet, in Strukturen der gemeinsamen NATO-Luftverteidigung integriert zu werden. Die Kosten werden grob auf zwei Milliarden Euro geschätzt. Frühestens könnte es in Deutschland wohl zum Ende der Legislaturperiode einsatzfähig sein.

Wie groß ist die Gefahr eines Raketenangriffs auf Deutschland?

Die Gefahr wurde seit dem Ende des Kalten Kriegs als gering eingeschätzt. Der russische Angriffskrieg hat zu einer Neubewertung geführt, aber konkrete Warnungen gibt es nicht.

(Quelle: dpa, afp)

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. März 2022 um 07:15 Uhr.