Eine Pflegerin hält die Hand einer Seniorin. | dpa

Coronavirus in Pflegeheimen Die Angst ist zurück

Stand: 27.11.2021 01:26 Uhr

Corona ist mit aller Wucht zurück. In den Pflegeheimen geht wieder die Angst um. Mit Tests und Impfungen versuchen sie eines zu vermeiden: eine erneute Abriegelung.

Von Christian Kretschmer, SWR  

Vergangene Woche hat Heide Berst ihren 77. Geburtstag gefeiert. Er war besonders: Mit ihrer Familie sei sie auswärts essen gewesen, schwärmt die Seniorenheimbewohnerin in Oppenheim nahe Mainz. Hier lebt sie zusammen mit 132 anderen Bewohnern und mag die Gemeinschaft, trifft sich gerne mit anderen zum Spielen oder Nähen. Wie lange das noch so möglich ist? 

Christian Kretschmer

Die vierte Welle bedroht nicht nur das gemeinschaftliche Leben von Berst. "Im Frühjahr ist es doch eigentlich stetig aufwärts gegangen", sagt sie. Jetzt sei die Angst vor einer Infektion wieder da - und vor erneuter Abschottung. Bei Berst kommen Erinnerungen an den vergangenen Winter hoch: "Weihnachten haben wir alle in Quarantäne verbracht. Das war deprimierend", erzählt die Seniorin. "An Heiligabend waren wir in unseren Zimmern, haben an der Tür gesessen und Weihnachtslieder gesungen."  

Sorge vor dem Lockdown

Auch Frederik Theis erinnert sich an diese Zeit, aus der Perspektive von außen. Wöchentlich besucht er mit seiner Frau seinen 91 Jahre alten Onkel im Heim; sie sind seine einzigen Angehörigen. Zwei Mal habe sich der an Demenz erkrankte mit Corona angesteckt. "Ich habe das Gefühl, das hat vergangenes Jahr den Verlauf der Demenz beschleunigt", sagt Theis. Um die acht Wochen lang habe er seinen Onkel nicht besuchen können.

Heide Berst | Heide Berst

Heimbewohnerin Heide Berst: Die Erinnerungen an den vergangenen Winter kommen wieder hoch.  Bild: Heide Berst

Als Theis nach dem Besuchsverbot wieder ins Heim darf, ist erst einmal alles anders: Sein Onkel erkennt ihn nicht mehr. "Ich möchte das nie mehr erleben", erzählt Theis. Selbst ein Besuchsverbot über ein paar Tage oder Wochen habe Folgen: "Für Menschen mit Demenz sind das Jahre." Theis hat Sorge, "dass wieder so ein Lockdown kommt". 

Heimleiterin Inge Raaz möchte das dringend verhindern. Beim anstehenden Adventsfest habe ihr Haus die Angehörigen leider ausladen müssen, zur Sicherheit der Bewohner. Das Heim, wie alle anderen Einrichtungen, muss einen schwierigen Kompromiss finden: zwischen Teilhabe am Leben und Schutz der Bewohner.

Verschärfte Testpflicht

Zu letztgenanntem soll die verschärfte Testpflicht nach dem Bundesinfektionsschutzgesetz beitragen: Seit Kurzem müssen auch geimpfte Mitarbeiter und Besucher getestet werden, bevor sie ins Heim dürfen. "Das gibt gerade dem Pflegepersonal eine gewisse Sicherheit, auch wenn die Kontrollen für uns eine logistische Herausforderung sind", sagt Raaz. "Trotzdem sind die Tests in meinen Augen nicht hundertprozentig sicher."  

Dass sie skeptisch ist, beruht auf eigener Erfahrung. Ende vergangenes Jahr nahm das Heim eine neue Bewohnerin auf, die - trotz des negativen Schnelltests - infiziert war. "Wir hatten Corona-Fälle über Monate hinweg", erzählt Raaz. Das Haus riegelte sich deswegen ab; 20 Bewohner verstarben im Zusammenhang mit einer Infektion, so schildert es die Heimleiterin. Bei zwei bis drei von ihnen sei Covid die Ursache gewesen. Derzeit sei niemand infiziert, und das müsse auch so bleiben. "Jedem ist klar: Wenn wir im Heim einen Corona-Fall haben, leben wir auf einem anderen Planeten."  

Claudia Meß | Claudia Meß

Pflegerin Claudia Meß: in Menschenmengen wieder auf Abstand. Bild: Claudia Meß

Wieder auf Abstand

Die Politik möchte die Bewohner auch mit der auf den Weg gebrachten Impfpflicht für Pflegepersonal schützen. Claudia Meß ist als Pflegefachkraft ein Teil davon. Sie arbeitet seit knapp 30 Jahren im Oppenheimer Heim: "Bei Menschenmengen geht man zurzeit auch im privaten Rahmen wieder auf Abstand", sagt sie. 

Die Gefühlslage bei ihren Kollegen sei ebenfalls angespannt. "Wir schauen ständig die Nachrichten, auch die Bewohner. Man fragt sich: Wo steigen die Inzidenzen besonders? Welche Regeln gelten gerade?" Meß befürwortet die Impfpflicht, als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme. "Wir haben einfach eine Verantwortung den Bewohnern gegenüber." 

Heimleiterin Inge Raaz ist beim Thema Impfpflicht zwiegespalten. Das hat mit dem Blick auf die Personallage zu tun. Von den 180 Mitarbeitern im Heim seien zwar nur etwa zehn nicht geimpft, aber auch die werden in der Pflege und der Hauswirtschaft dringend benötigt. "Wir sind ja in Personalnot. Ich kann ja nun nicht einfach so die Ungeimpften vergrätzen", sagt Raaz.

Inge Raaz | Inge Raaz

Heimleiterin Raaz: "Wir sind ja in Personalnot. Ich kann ja nun nicht einfach so die Ungeimpften vergrätzen." Bild: Inge Raaz

Wir wird die Impfpflicht umgesetzt?

Wie genau die Impfpflicht umzusetzen wäre, das wisse sie noch nicht. "Ich will auf jeden Fall erst einmal mit diesen Angestellten ins Gespräch kommen", sagt Raaz. Dass ungeimpften Mitarbeitern baldmöglichst gekündigt wird, wie es die Präsidenten des Deutschen Pflegerats Christine Vogler vorschlägt, will Raaz so gut es geht vermeiden. Insgesamt, sagt sie, hätte die Bundespolitik früher handeln müssen, um die Heime mit ihren gefährdeten Bewohnern zu schützen. Das "Hin und Her" in der Politik habe viel Zeit gekostet: "Die Wissenschaftler wurden nicht gehört. Die vierte Welle ist verschlafen worden." 

Theis hofft nun vor allem auf Solidarität. "Ich verstehe Menschen immer noch nicht, die sich nicht impfen lassen wollen. Das Heim tut alles, um die Bewohner zu schützen. Jetzt kommt es auf die Angehörigen und den Rest der Gesellschaft an." Bewohnerin Berst sieht das ganz ähnlich. "Wenn es so weitergeht, wird dieses Weihnachten nicht viel besser als letztes Jahr", fürchtet sie. "Aber ich hoffe das Beste." 

Über dieses Thema berichtete das Schleswig-Holstein Magazin im NDR Fernsehen am 05. November 2021 um 19:30 Uhr.