Armin Laschet und Markus Söder | via REUTERS

K-Frage in der Union Was für Laschet spricht - und was für Söder

Stand: 07.04.2021 05:00 Uhr

Erst der Merkel-Rüffel, dann ein Schnellschuss namens "Brücken-Lockdown": CDU-Chef Laschet hat keinen guten Lauf - und schlechte Umfragewerte. Anders als CSU-Chef Söder. Ist das Rennen um die K-Frage entschieden?

Von Wenke Börnsen, tagesschau.de

Corona-Kurs und K-Frage - bei der Union haben sich diese beiden zutiefst unterschiedlichen Komplexe zu einem einzigen Gestrüpp verheddert. Stolpergefahr inklusive. Und je länger CDU und CSU die K-Frage wabern lassen, desto dichter wird das Gestrüpp, so scheint es. Wobei sich CSU-Chef Markus Söder darin offenbar besser zurechtfindet als CDU-Chef Armin Laschet. Warum das Rennen trotzdem noch lange nicht entschieden ist - ein Überblick:

Wenke Börnsen

Die Ausgangslage

Beide sind Ministerpräsidenten großer Bundesländer und stehen als Corona-Krisenmanager daher in der ersten Reihe. Und damit im unerklärten Wettstreit: Bayern oder Nordrhein-Westfalen: Wer kommt besser durch die Pandemie?

Beide sind routinierte Vollblutpolitiker, beide trauen sich das Kanzleramt zu. Und beide würden wohl auch gern die Merkel-Nachfolge antreten. Allerdings: Erklärt hat die Kandidatur noch keiner von ihnen. Vor allem im Fall Söder muss man bislang von einer Schein-Kandidatur sprechen. Laschet hingegen hat als CDU-Chef in einem Bundestagswahljahr schon qua Amt den Status des potenziellen Kanzlerkandidaten.

Was für Laschet spricht

Auf den ersten Blick nicht allzu viel. Tendenz sinkend. Auf den zweiten Blick dürfte er trotzdem noch als Favorit gelten. Laschet führt die weitaus größere der beiden Unionsparteien, und er führt sie erst seit Anfang des Jahres. Der Weg dorthin war für die CDU lang und quälend - und auch nicht so geplant. Schließlich hatte die CDU ja gerade erst nach einem parteiinternen Machtkampf eine neue Chefin: Doch Annegret Kramp-Karrenbauer kam aus vielen Gründen nie richtig in Tritt, im Februar 2020 warf sie entnervt hin. Machtkampf II war dann wegen Corona zäher und viel länger als vorgesehen. Friedrich Merz unterlag ein zweites Mal - diesmal gegen einen im Finale hervorragend aufgelegten Laschet. Er kann in wichtigen Situationen den richtigen Ton treffen und die Partei hinter sich versammeln. Dies könnte ihm vor allem bei denen nutzen, die lieber Merz als Parteichef gesehen hätten.

Soll heißen: Laschet sollte man nicht unterschätzen - vor allem nicht, wenn es darauf ankommt und er eigentlich schon als chancenlos gilt. Das war bei der Wahl zum CDU-Chef so, und das war auch bei der Landtagswahl in NRW 2017 gegen Hannelore Kraft so.

Und auch die Sehnsucht in der CDU nach Ruhe an der Parteispitze und einem Ende der Machtkämpfe spricht für Laschet als Unions-Kanzlerkandidaten. Eine Entscheidung gegen den gerade erst unter Schmerzen gekürten Chef würde ziemlich sicher für neue Unruhe sorgen. Laschet wäre maximal geschwächt und fände sich in der Zwergenrolle neben einem Kanzlerkandidaten Söder wieder. Ein CDU-Chef, der sich nicht als Kanzlerkandidat gegen die bayerische Schwester durchsetzen kann, dürfte ziemlich schnell massive Autoritätsprobleme bekommen - mit Folgen. Siehe Kramp-Karrenbauer. Auch als Regierungschef des größten Bundeslandes wäre Laschet angezählt. Sollte es dennoch auf diese Lösung hinauslaufen, bräuchte die CDU eine ziemlich gute glaubwürdige Erzählung - oder schon bald eine neue Parteispitze. Oder beides.

Für Laschet spricht zudem sein Politikstil. Laschet beherrscht die Kunst des Integrierens, des Moderierens und ähnelt damit auch Angela Merkels Art Politik zu machen. Er sieht sich mehr in der Rolle des Brückenbauers (seine Wortschöpfung des "Brücken-Lockdowns" dürfte damit aber nichts zu tun haben), weniger des breitbeinigen Basta-Politikers. Er kann unterschiedliche politische Interessen zusammenführen, seine schwarz-gelbe Koalition in NRW etwa arbeitet trotz Differenzen in der Corona-Politik weitgehend geräuschlos. Er hat sie damals mit Christian Lindner geschmiedet - ein Bündnis auch auf Bundesebene wäre wohl ganz im Sinne Laschets. Doch auch mit Grünen und SPD wäre Laschet koalitionskompatibel.

Was gegen Laschet spricht

Sein integrierender Politikstil könnte zugleich auch sein Nachteil sein. Stichwort: Führungsstärke. Laschet ist keiner, der klipp und klar sagt, wo es langgeht. Laschet mäandert sich wortreich durch die Corona-Krise, mal soll es lockerer zugehen, mal strenger. Jüngstes Beispiel: seine Kreation des "Brücken-Lockdowns". Nach seinem öffentlichen Rüffel von der Kanzlerin zur besten Sendezeit und seiner "Nachdenk-Auszeit" über Ostern schwenkt der CDU-Chef und NRW-Ministerpräsident auf Merkel-Linie ein - und verstärkt damit nur den Eindruck, selbst keinen überzeugenden Kurs in dieser Krise zu haben. Der mag anderen Regierenden zwar auch fehlen - aber wer Anspruch auf die Kanzlerkandidatur erhebt, muss zumindest glaubwürdig daherkommen und etwaige Kurswechsel gut verkaufen.

Laschets Fähigkeiten als guter Krisenmanager werden zunehmend bezweifelt. Das spiegeln auch die Umfragen - und führen damit zu einem weiteren für die Union nicht unerheblichen Argument gegen Laschet. Nur 19 Prozent der Menschen in Deutschland halten ihn für einen guten Kanzlerkandidaten der Union - Tendenz sinkend. Und auch die Werte für die Union gehen kontinuierlich bergab - entsprechend steigt die Nervosität in der Partei und damit der Druck, die K-Frage endlich zu entscheiden.

In der CDU melden sich immer mehr zu Wort, die Laschet zum Verzicht aufrufen oder sich gleich klar für Söder aussprechen. Bislang ist aber kein namhafter CDU-Politiker dabei. Zuletzt erhob die Unionsfraktion Anspruch, bei der Entscheidung zumindest mitreden zu wollen.

Und noch ein starkes Argument spricht derzeit gegen Laschet: die öffentliche Stimmung. Egal, was der CDU-Chef gerade sagt oder macht oder andere über ihn sagen: Er kommt dabei selten gut weg. Und damit sind weniger die Sticheleien Söders gemeint. Die Situation erinnert ein wenig an Martin Schulz, der ab einem gewissen Zeitpunkt seiner Kanzlerkandidatur auch nichts mehr richtig machen konnte - egal, ob die Kritik nun gerechtfertigt war oder nicht.

Wäre ein guter Kanzlerkandidat |

Söder oder Laschet? Die Umfragen haben einen klaren Favoriten.

Was für Söder spricht

Zuallererst: seine Umfragewerte. Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef führt inzwischen so himmelweit vor Laschet, dass das Rennen eigentlich gelaufen sein müsste. Entsprechend tritt er auch auf. Breitbeinig und strotzend vor Selbstbewusstsein. Die Maskenaffäre um hochrangige CSU-Politiker oder auch hohe Inzidenzwerte in Bayern perlen an ihm ab. Nichts davon - so scheint es - bleibt an ihm hängen.

Söder macht offenbar ziemlich viel richtig, auch wenn bei ihm nun wirklich nicht alles gut läuft. Aber Söder hat ein Talent dafür, zu wissen, was man gut verkaufen kann. Böse Zungen attestieren ihm eine hohe Flexibilität in seinen Positionen. Auch sein Corona-Kurs ist oft widersprüchlich. So gehörte Bayern zu den ersten Bundesländern, die Baumärkte wieder öffneten - sehr zum Ärger aus Baden-Württemberg. Nur wenige Wochen später ermahnt Söder zusammen mit Baden-Württemberg seine Ministerpräsidentenkollegen schriftlich zu einer strikten Anti-Corona-Politik. Söder gibt sich an der Seite der Kanzlerin gern als markiger Spielführer im "Team Vorsicht" - und punktet damit rhetorisch. Hinterfragt wird er nur selten.

Geschickt nutzt Söder auch den Wettbewerbsvorteil, den die MPK, auch als Corona-Gipfel bekannt, ihm derzeit regelmäßig bietet. Zunächst als MPK-Chef, inzwischen als Vize, sitzt er bei den Pressekonferenzen immer an der Seite der Kanzlerin und sekundiert zumeist in knackiger Form ihre Aussagen.

Söders Gespür für Stimmungen zeigt sich auch bei anderen Themen. So entdeckte er sein Herz für Bienen, umarmt auch schon mal öffentlichkeitswirksam dicke Bäume und macht den Grünen im Bund unmissverständliche Avancen.

Und noch etwas spricht für Söder: Er ist nicht Strauß, er ist nicht Stoiber. Söder wirkt für den Rest der Republik nicht wie aus Raum und Zeit gefallen, mit ihm droht auch kein Stolperwahlkampf. Er kann sich als grün vermarkten, ohne die erzkonservative Wählerschaft zu vergrätzen.

Was gegen Söder spricht

Keiner weiß, ob er wirklich will. Und Söder hält sich so lange wie möglich alle Optionen offen. Abwarten, Chancen ausloten, Risiken abwägen. Der CSU-Chef ist mit seinem Status als Schein-Kandidat in einer äußert bequemen Situation. Söder muss nicht, er kann. Anders als Laschet.

Zumal Söder bislang in der CDU keine namhaften Fürsprecher hat, mit seiner oftmals besserwisserischen Art macht er sich Unions-intern nicht nur Freunde. Auch die dauernden Sticheleien gegen Laschet und seine seit Wochen gelebte Kokettiererei um die K-Frage nehmen ihm viele übel. Nach dem erbitterten und selbstzerstörerischen Streit um die Flüchtlingspolitik haben CDU und CSU erst mühsam wieder zusammengefunden, neue Risse zumal im schwierigen Superwahljahr könnten erneut Vertrauen bei den Wählerinnen und Wählern kosten.

Gegen Söder spricht auch das hohe Risiko des Unternehmens Kanzlerkandidatur. Es ist schließlich keineswegs mehr ausgemacht, dass die Union das Kanzleramt erobert. Und derzeit wird das Risiko des Misserfolgs eher größer als kleiner, die Grünen sind der Union dicht auf den Fersen. Als Regierungschef in Bayern ist Söder in einer machtvollen Position, aus der er quasi von München aus in Berlin mitregieren kann. Soll er das aufgeben? Zumal er als Kanzler dann die Interessen ganz Deutschlands vertreten muss.

Wie gehts weiter?

Ob am Frühstückstisch oder im Hinterzimmer - irgendwann in diesen Tagen bis Pfingsten will die Union über ihre Nummer 1 entscheiden. Zuletzt wurde auch mal der Name von Fraktionschef Ralph Brinkhaus geraunt. Quasi als Kompromiss-Variante. Überzeugend ist das alles kaum.

Über dieses Thema berichtete B 5 aktuell am 05. April 2021 um 18:00 Uhr.