Hendrik Wüst (CDU), Minister für Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, sspricht bei der Landesdelegiertentagung der Jungen Union von Nordrhein-Westfalen. | dpa
Porträt

Laschet-Nachfolger Wüst Vollendung eines Comebacks

Stand: 05.10.2021 18:39 Uhr

Hendrik Wüsts politische Karriere schien einmal fast schon vorbei. Jetzt soll er Laschet als CDU-Landesparteichef und Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen beerben. Es ist auch die Geschichte eines Imagewandels.

Von Arne Hell, WDR

Hendrik Wüst wäre fast das geworden, was man etwas abwertend einen "reinen Berufspolitiker" nennt. Jemand, der nie wirklich einen anderen Beruf hatte, dem man unterstellt, dass er das "richtige Leben" gar nicht kennt.

Arne Hell

Wüst hat einen steilen Aufstieg in der NRW-CDU hingelegt. Mit 15 gründete er einen Ortsverein der Jungen Union in seiner Heimat in Rhede im Münsterland. Mit Mitte 20 wurde er der Landeschef der Nachwuchsorganisation, mit Anfang 30 Generalsekretär der Landes-CDU unter dem damaligen Ministerpräsident Jürgen Rüttgers.

Hoffnungsträger des konservativen Flügels

Wüst galt damals als Hoffnungsträger des konservativen Flügels der Union. Er war vor allem für Attacken zuständig - gegen politische Gegner, aber auch gegen Parteifreunde. Er soll damals auch mal ausfallend geworden sein, wenn ihn etwas störte. Seine Rhetorik war gerne zackig bis schneidig.

2007 tat er sich unter anderem mit Markus Söder zusammen. Die beiden jungen Drängenden legten ein Positionspapier vor: "Moderner bürgerlicher Konservatismus". Die "FAZ" sprach damals vom "Nachweis der Aufmüpfigkeit".

Doch dann kam das jähe Ende des Aufstiegs. Wüst musste 2010 zurücktreten, wegen einer Affäre rund um buchbare Sponsorentermine mit Ministerpräsident Rüttgers. Die Episode "Rent a Rüttgers" machte bundesweit Schlagzeilen. Dass Wüst daran scheiterte, löste auch Schadenfreude aus. Kurz danach verlor die CDU die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen.

Wechsel in die Wirtschaft

Es folgte eine Pause in der Berufspolitik. Wüst wechselte nach seinem Absturz in die Wirtschaft. Er ist Jurist und Anwalt und arbeitete als Geschäftsführer beim Verlegerverband, später auch beim Privatradio. Am politischen Comeback arbeitete er im Hintergrund. 2013 sicherte er sich die Führung der einflussreichen Mittelstandsvereinigung in der NRW-CDU. 2017 machte ihn Armin Laschet zum Verkehrsminister.

Seitdem vermeidet er die ganz lauten Töne. Er gönne sich jetzt öfter einen Moment, die Dinge zu durchdenken, sagt er selbst dazu. Er sei weniger streitlustig und gehe achtsamer mit anderen um. Tatsächlich betont er den Teamgedanken. Bis heute hat er öffentlich keinen Anspruch auf den Posten des Ministerpräsidenten erhoben.

Es gibt Leute in der CDU, die das für Taktik halten. Die über eine Politik der "vielen kleinen Kaffeetrinken" lästern, in Anspielung an Wüsts Fähigkeiten, sich im Hintergrund Unterstützung zu sichern. Und die Wüst vorwerfen, Laschet im Bundestagswahlkampf nicht ausreichend unterstützt zu haben.

"Mann des Ausgleichs"

Doch ein Großteil der nordrhein-westfälischen CDU steht hinter Wüst. Und das nicht nur im wirtschaftsnahen Parteiflügel und in der Jungen Union. Auch der Landesvorsitzende des Arbeitnehmerflügels, Dennis Radtke, unterstützt ihn: "Er ist ein Mann des Ausgleichs, der nicht in ideologischen Schützengräben verharrt", sagt Radtke. Wüst habe verstanden, dass der Charakter der CDU als Volkspartei nur erhalten bleibe, wenn die gesamte Bandbreite der Partei sichtbar ist.

Das zeigte sich auch nach der Niederlage der CDU bei der Bundestagswahl. Wüst twitterte eine Grafik. Sie zeigt: Besonders viele Wählerinnen und Wähler verloren CDU und CSU an die SPD und die Grünen. "Bei diesen Wählerwanderungen", schrieb Wüst dazu, "sollte niemand auf die Idee kommen, die Union nach rechts rücken zu wollen."

Eine Absage an all jene Parteifreunde, die von einer konservativen oder marktradikalen Wende in der Union träumen. Wüst, der einst besonders konservativ erscheinen wollte, präsentiert sich als ein Mann der Mitte, einer, der die verschiedenen Lager der CDU vereinen möchte, anstatt sie weiter zu spalten. "Querelen wie mit der CSU" werde es in NRW nicht geben, sagte Wüst im April nach der schmutzigen Machtprobe zwischen Laschet und Söder, "wir werden den Laden hier schön zusammenhalten".

Als Verkehrsminister hat Wüst in NRW Erfolge vorzuweisen. Er holte deutlich mehr Bundesmittel für Straßen und Schienen ins Land als seine Vorgänger. Die Ausgaben für den Bahnverkehr und vor allem für Radwege hat er deutlich erhöht. Er mag effiziente, pragmatische Lösungen. Dass Straßenbahnen im Ruhrgebiet noch immer unterschiedliche Spurbreiten haben, ist ihm ein Graus.

Schwiegermutters Liebling

Auch im Auftreten ist Wüst bemüht, das Image des Scharfmachers abzustreifen. In Interviews wirkt er smart und eloquent. Er lächelt oft und trägt modisch geschnittene Anzüge, meistens ohne Krawatte. Eine Mischung aus Jungunternehmer und Schwiegermutters Liebling. Außerdem mag er die Jagd und fährt gerne Fahrrad, auch im Regierungsviertel in Düsseldorf. Seit diesem Jahr ist er Vater einer kleinen Tochter.

Für die CDU ist Wüst eine Chance, als jünger und frischer wahrgenommen zu werden - ohne dabei Traditionalisten zu verprellen. Er bietet, so scheint es, für fast jeden etwas an. Für einen Wahlkampf ist das gut. In den kommenden Monaten bekommt Wüst die Gelegenheit, das auch im Regierungshandeln in NRW umzusetzen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. Oktober 2021 um 18:00 Uhr.