Bundeswehr-Soldaten aus Afghanistan nach der Rückkehr in Wunstorf. | EPA

Bundeswehr in Afghanistan Die Lehren aus dem Abzug

Stand: 30.12.2021 00:43 Uhr

Das Jahr 2021 bleibt mit dem unrühmlichen Ende des Afghanistan-Einsatzes verbunden. Bei vielen Soldaten hat der Abzug Spuren hinterlassen. Nun hoffen sie, dass daraus Lehren gezogen werden.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Es war eine tiefe Verbeugung der Politik vor den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Vor jenen mehr als 90.000, die in Afghanistan gedient hatten. Mitte Oktober wurden sie mit der höchsten militärischen Ehre überhaupt, dem Großen Zapfenstreich, vor dem Reichstagsgebäude geehrt. 

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Persönlich miterlebt hat diese Würdigung Maik Mutschke, dem 2010 eine Sprengfalle die linke Gesichtshälfte wegriss, der nur haarscharf und dank mehrerer Wiederbelebungsmaßnahmen dem Tode entkam. Das geschah während des "Karfreitagsgefechts", das Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede auch direkt ansprach: "Da war ich schon dem Wasser nah", gibt der Soldat zu. "Da kam alles nochmal hoch."

"Ziele unklar"

Mutschke ist dankbar für die - späte - Würdigung. Verschweigt aber nicht, dass er Fehler bei der Politik sieht: Noch immer erkläre die den Menschen den Sinn lebensgefährlicher Auslandsmissionen nicht wirklich. Und: Schon während des Einsatzes waren die Ziele aus seiner Sicht stets unklar. Nirgendwo hing aus seiner Sicht eine Messlatte zur Überprüfung der Mission: "Es gab nie ein Ziel, das man direkt bestimmen konnte. Es war eher so: ja - nein - vielleicht." 

Geradezu "schockiert" über den Abzug der deutschen Truppen äußert sich Philipp Pordzik. Auch er ist Afghanistan-Veteran. Zum ungünstigsten Zeitpunkt habe man beschlossen: "Wir packen unsere Koffer und raus" - mit den bekannten Folgen, der Taliban-Machtübernahme: "Das, was wir ursprünglich in diesem Land erreichen wollten, haben wir nicht erreicht. Gerade jetzt hätten wir feststellen müssen, dass die Afghanen weiter unsere Unterstützung brauchen", so seine nüchterne Bilanz. 

Unstrittig ist, dass die Bundesregierung von der US-Abzugsentscheidung im April vor vollendete Tatsachen gestellt wurde und es vor der Taliban-Machtübernahme haarsträubende Fehleinschätzungen über deren Stärke gab.

Drastische Worte

Was unweigerlich die Frage aufwirft: Müssten nicht die Europäer künftig in der Lage sein, allein militärisch handlungsfähiger zu werden? Müssten sie nicht eine Evakuierungsmission wie die am Flughafen Kabul wie im August auch ohne die USA durchführen können? "Ich halte es für sinnvoll, darüber nachzudenken, aber bitte im NATO-Rahmen und nicht, indem Parallelstrukturen in der Europäischen Union aufgebaut werden," erklärt dazu der deutsche NATO-General Jörg Vollmer im NDR-Interview.

Vollmer befehligt das sogenannte Joint Force Command der NATO, von dem aus der Afghanistan-Einsatz geführt wurde. Man müsse dann aber, mahnt der Vier-Sterne-General, auch den politischen Willen haben, die Mittel bereitzustellen und die robust einzusetzen, wenn nötig.

Drastische Worte findet Vollmer für den Umgang mit den afghanischen Ortskräften in der Schlussphase des Einsatzes - der sei "beschämend" gewesen, man hätte sie deutlich früher nach Deutschland und in Sicherheit bringen können. Von einem "Negativ-Signal" für andere Einsatzgebiete der Bundeswehr und die Zusammenarbeit mit Ortskräften dort spricht der NATO-General. 

"Was hat denn das gebracht?"

Ganz bewusst nur als Aufzeichnung angeschaut hat sich den Tag der Würdigung und den Großen Zapfenstreich der Feldjäger Alex. Alex ist vom "Karfreitagsgefecht" 2010 seelisch schwer verwundet heimgekehrt, leidet seitdem an einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

Er musste bei der Aufnahme immer wieder die Pausetaste drücken, erzählt er. Zu sehr wühlte ihn das auf, zu sehr drängte sich die Frage in den Vordergrund: War alles umsonst? "Natürlich kommen die Gedanken. Meine Mutter hat mich gefragt, meine Frau hat mich gefragt: 'Warum warst Du mit Deinen Kameraden da unten? Was hat denn das gebracht?'"

Im Koalitionsvertrag hat die Politik einen Bundestags-Untersuchungsausschuss zugesagt und für 2022 eine umfangreiche Aufarbeitung versprochen. Diese Fehlersuche, sagen die Soldaten übereinstimmend, sei auch dringend nötig. Denn wenn keine Lehren aus Afghanistan gezogen würden, stelle sich die Sinnfrage für sie umso drängender.    

Über dieses Thema berichtete BR24 am 30. Dezember 2021 um 08:35 Uhr.