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IGeL beim Arztbesuch Kassen halten Zusatzleistungen für nutzlos

Stand: 03.05.2018 12:38 Uhr

Bei einem Arztbesuch bekommt jeder zweite Patient Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) angeboten, die er privat zu zahlen hat. Aus Sicht der Krankenkassen ist der Nutzen der Zusatzleistungen häufig unklar.

Die in Arztpraxen angebotenen Selbstzahlerleistungen bringen in vielen Fällen mehr Schaden als Nutzen - zu diesem Ergebnis kommt der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDS). Der MDS stellte eine Liste mit den zehn häufigsten individuellen Gesundheitsleistungen vor. An der Spitze dieser Liste stehen Angebote, die der "IGeL-Monitor" der Krankenkassen als negativ oder tendenziell negativ bewertet, wie der MDS mitteilte.

Sie widersprächen sogar Empfehlungen medizinischer Fachverbände. "Die IGeL-Angebote orientieren sich nicht am nachgewiesenen medizinischen Nutzen, sondern an den Vorlieben einzelner Arztgruppen und an den Umsatzinteressen der Praxen", kritisierte MDS-Geschäftsführer Peter Pick. Zum Teil würden Patienten auch unter Druck gesetzt, solche Leistungen zu kaufen. "Das ist nicht hinnehmbar", erklärte Pick.

Nutzen der Untersuchungen häufig unklar

Jeder zweite Versicherte bekommt beim Arztbesuch Leistungen angeboten, die privat zu zahlen sind. Zu den häufigsten erbrachten Leistungen gehört die Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung. Diese Leistung wurde nach einer Umfrage unter mehr als 2000 Versicherten jedem Fünften (22 Prozent) angeboten, gefolgt vom Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung bei Frauen (19 Prozent).

Weitere Leistungen, die oft angeboten werden, sind demnach der Ultraschall der Brust zur Krebsfrüherkennung (zwölf Prozent) und der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs bei Männern (sieben Prozent). Alle diese genannten Untersuchungen stuft der von der gesetzlichen Krankenversicherung finanzierte "IGeL-Monitor" als negativ, tendenziell negativ oder bestenfalls unklar ein.

Medizinische Fachverbände in der Pflicht

Beim Ultraschall zur Eierstockkrebsfrüherkennung beispielsweise sei das Wissen um mögliche Schäden und den geringen Nutzen seit langem bekannt, erklärte MDS-Expertin Michaela Eikermann. Diese Erkenntnis werde aber zu wenig in der Praxis umgesetzt. Eikermann sieht hier die medizinischen Fachgesellschaften und Fachverbände in der Pflicht. Kritiker der Untersuchung bemängeln, Frauen würden durch Fehlalarme unnötig beunruhigt und es könnten auch gesunde Eierstöcke entfernt werden.

Der Berufsverband der Frauenärzte kritisierte dagegen, die MDS-Bewertungen brächten moderne Leistungen in Misskredit und säten Misstrauen gegen Ärzte. So sei ein isolierter Ultraschall zum Screening auf Eierstockkrebs zwar nicht sinnvoll. Bei der zusätzlichen gynäkologischen Ultraschall-Untersuchung könnten aber etwa Zysten, Flüssigkeitsansammlungen oder Wucherungen im Bereich von Gebärmutter, Harnblase und Eierstöcken erkannt werden.

Grafik: IGeL - nutzlose Zusatzleistungen?

Eine Milliarde Euro für Zusatzleistungen

Eher kritisch stuften die Medizinexperten der Kassen auch Angebote für Magnetresonanztomographien (MRT) zur Brustkrebs-Früherkennung ein. Für einen Nutzen gebe es keine Hinweise, durch Kontrastmittel aber mögliche Nebenwirkungen wie Übelkeit. In einer weiteren neuen Bewertung wird Osteopathie-Behandlungen bei Kreuzschmerzen ein unklarer Nutzen bescheinigt, Hinweise auf Schäden gab es nicht.

"Wir sehen ein großes Potenzial zur Bereinigung des IGeL-Marktes und zum Schutz der Patienten vor unnötigen und schädlichen Leistungen," so MDS-Expertin Eikermann. Wie die Umfrage weiter zeigt, ging nur bei vier Prozent der erbrachten Selbstzahlerleistungen die Initiative von Patienten aus. Mehr als jeder dritte Patient gab an, dass er sich bedrängt und unter Druck gesetzt fühlte.

MDS-Geschäftsführer Peter Pick kritisierte im Interview mit tagesschau24, dass unnötige Untersuchungen Patienten beunruhigen könnten - so sehr, dass vielleicht weitere Untersuchungen folgten oder sogar unnötige, teils radikale Maßnahmen ergriffen würden. Er appelliert an die Ärzte, seriös mit dem Thema Zusatzleistungen umzugehen: Sie sollten informieren, aber keinen Druck aufbauen.

IGeL-Angebote müssen von den Kassenpatienten aus eigener Tasche bezahlt werden. Etwa eine Milliarde Euro geben gesetzlich Versicherte jährlich in deutschen Arztpraxen für solche Leistungen aus. Das Spektrum reicht von der professionellen Zahnreinigung über die Laserbehandlung von Krampfadern und Reiseimpfungen bis zur Augeninnendruckmessung zur Früherkennung des grünen Stars.

Deutsche Stiftung Patientenschutz für strengere Vorgaben

Den gesetzlichen Kassen ist die Ausweitung der IGeL-Angebote seit langer Zeit ein Dorn im Auge. Vor allem Gynäkologen, Augenärzte, Orthopäden, Urologen und Hautärzte erzielen Untersuchungen der Kassen zufolge mit diesen Leistungen zusätzliche Einnahmen.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert nun strengere gesetzliche Vorgaben. "Was für Haustürgeschäfte gilt, muss auch für ärztliche Igel gelten", sagte Vorstand Eugen Brysch. Patienten solle zwischen dem Angebot des Arztes und der Leistungserbringung eine Bedenkzeit von 14 Tagen eingeräumt werde. "Gerade die Gutgläubigkeit älterer Patienten wird hier häufig ausgenutzt. Damit muss Schluss sein", sagte Brysch.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 03. Mai 2018 um 12:08 Uhr.